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Louise Jacobs : Autorin aus gutem Hause

  • -Aktualisiert am

Gehört zusammen: Jacobs und Kaffee Bild: ddp

Louise Jacobs ist die Enkelin des berühmten Kaffeerösters Walther Jacobs. Sie hat die Geschichte der Familiendynastie aufgeschrieben. Durch ihr Werk fühlt man sich ein wenig an die Buddenbrooks erinnert.

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          Man fühlt sich ein wenig an die Buddenbrooks erinnert. Nicht nur die hanseatische Herkunft der beiden Familien, auch die Rolle, die die unterschiedlichen Generationen gespielt haben, ähneln sich. Insofern nähme Louise Jacobs, Sproß der Kaffeerösterfamilie, zumindest was die Veranlagung angeht, die Rolle des musisch begabten Hanno Buddenbrook ein.

          Denn Louise ist Schriftstellerin aus Berufung. Und im Gegensatz zu vielen, die das behaupten, hat sie auch tatsächlich ein Buch geschrieben und sogar in einem namhaften Verlag veröffentlicht. Dabei halfen ihr sicherlich Herkunft und Thema: Louise ist Enkelin von Walther Jacobs, der die Kaffeerösterei groß machte, und ihr Buch ist eine ungewöhnliche Geschichte der Familie Jacobs geworden.

          Familiengeschichte wurde zum Lebensmittelpunkt

          Zu dem Buchprojekt kam sie auf Umwegen. Geschrieben hat sie schon immer, wie sie erklärt, und ein Ergebnis ihrer literarischen Produktion vertraute sie einem Literaturagenten an. Dieser zeigte sich jedoch zunächst weniger an der Prosa als vielmehr am angehängten Lebenslauf interessiert. "Du mußt die Geschichte deiner Familie aufschreiben", riet der Agent der Jungautorin.

          Er machte das Kaffee-Imperium groß: Walther Jacobs, gestorben 1995
          Er machte das Kaffee-Imperium groß: Walther Jacobs, gestorben 1995 : Bild: picture-alliance / dpa

          Leichter gesagt als getan, schließlich wurde über die Familie im Hause Jacobs so gut wie nicht gesprochen. Auch darin lag eine Motivation für das Buch, sagt Louise Jacobs: "Es gab bei uns zu Hause keine Fotos, keine Dokumente, nichts, was mir meine Vorfahren hätte näherbringen können." Louise Jacobs wuchs in Zürich auf, also auch in räumlicher Distanz zu Bremen, wo die Familie ihre Wurzeln hat. Die gefühlte Lücke, die fehlende Familiengeschichte, mußte geschlossen werden. Also stieg sie in die Recherche ein, und plötzlich geriet die Familiengeschichte zum eigenen Lebensmittelpunkt.

          Nicht alles dreht sich um Erfolg und Aufstieg

          Tatsächlich gibt es eine Menge über die Vorfahren von Louise Jacobs zu erzählen. Über Walther Jacobs etwa, Louises Großvater, der aus der mittelständischen Firma seines Onkels Johann ein Kaffee-Imperium schuf, das zu Zeiten des Wirtschaftswunders selbst Tchibo hinter sich ließ. Der ein Pferdenarr war und einst sogar den Schauspieler Omar Sharif im Gebot um ein Pferd übertrumpfte.

          Doch nicht alles in dieser Geschichte dreht sich um Erfolg und Aufstieg. Während nämlich die Familie Jacobs eine Erfolgsgeschichte schreibt, die sie zeitweise an die Spitze der deutschen Kaffeeröstereien führt, erleiden die Jessuruns, Louises Urgroßeltern mütterlicherseits, ein ganz anderes Schicksal. Bei den Jessuruns handelte es sich um sephardische Juden, sie mußten 1938 emigrieren, zunächst nach Portugal, dann in die Vereinigten Staaten. Beide Familienzweige hatten in Bremen gelebt, doch nur die Jacobs konnten bleiben. „Die Familie wurde auseinandergerissen, so wie durch Deutschland ein Riß ging“, sagt Jacobs.

          Recherche in Arizona, Rio de Janeiro und Lissabon

          Den Jessuruns, die bis dahin ein großbürgerliches Leben in Bremen gewöhnt waren, ging es in New York nicht gut. Urgroßvater Fritz fand zunächst keine Arbeit, Urgroßmutter Else, die laut Schilderung im Buch bis dahin in ihrem Leben noch keinen Handschlag tun mußte, um Geld zu verdienen, arbeitete in einer Textilfabrik, war mithin „auf dem untersten Boden der Tatsachen“ angelangt, wie Louise Jacobs schreibt. Erst 1960 kehrte Großmutter Ann wieder nach Bremen zurück.

          Zweieinhalb Jahre hat Louise Jacobs recherchiert und geschrieben, ist auf Spurensuche nach Arizona, Rio de Janeiro und Lissabon gereist, hat Archive durchstöbert und mit ehemaligen Angestellten des Großvaters und ihren auf der ganzen Welt verstreuten Verwandten gesprochen - teils zum ersten Mal in ihrem Leben überhaupt. „Von meiner Großtante Eva in Arizona habe ich im Zuge der Recherchen überhaupt erst erfahren, daß sie existiert.“

          Zwischen Sachbuch und Prosa

          Das Buch, das letztlich entstand, mag den einen oder anderen Leser irritieren. Zumal denjenigen, der ein lupenreines, strikt faktentreues Sachbuch erwartet. Denn es handelt sich dabei über weite Strecken um Prosa, nicht um eine Chronik im strengen Sinne, die sich ausschließlich mit der Wiedergabe von Fakten begnügt.

          Jacobs hat versucht, sich in die jeweilige Zeit hineinzuversetzen und in die Personen - ihre Großeltern, Eltern und andere Verwandte. Völlig authentisch ist nicht, was da geschrieben steht, aber es könnte sich tatsächlich so zugetragen haben. „Das ist eine persönliche Begegnung mit den Vorfahren, die natürlich sehr subjektiv ist“, beschreibt Louise Jacobs selbst das Ergebnis.

          Vorbild Truman Capote

          Als Vorbild für diese Arbeits- und Darstellungsweise nennt die Jung-Autorin - zu Beginn ihrer Recherchen zählte sie gerade einmal 22 Jahre - Truman Capote, der in seinem Buch „Kaltblütig“ ebenfalls die Gratwanderung zwischen Fiktion und Fakten wagte. Wie der Amerikaner versucht Jacobs, eine Geschichte aus Erzählungen von Zeitzeugen und aus Dokumenten und Archivmaterial zu rekonstruieren.

          Die Familie sieht das Projekt mit gemischten Gefühlen. Der Vater zeigt sich als hanseatisch geprägter Kaufmann, dem derart ungeregelte Tätigkeiten wie Schreiben höchst suspekt sind. Er drängt seine Tochter, die fünf Geschwister hat, immer wieder, ein Studium aufzunehmen, was sie jedoch bis heute nicht getan hat und wohl auch nicht tun wird.

          „Zum Studieren habe ich keine Zeit“, sagt Louise, die sich aber auch ihre Unabhängigkeit bewahren möchte. Ihr Berufswunsch steht fest, sie will sich auch künftig ausschließlich dem Schreiben widmen. Über mögliche Themen schweigt sie. Aber mindestens zehn Projekte, sagt sie, habe sie im Kopf.

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