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Antikmärkte in Coronakrise : Londons Antiquitätenhändler hoffen auf den Neustart

Reiches Angebot, kaum Kunden: Eine Händlerin im Antikmarkt Grays Market unweit der Bond Street. Bild: Philip Plickert

Auf den Portobello Road Antikmarkt kamen früher Zehntausende Touristen. Jetzt wirkt er geisterhaft leer. Die Welthauptstadt der Antikmärkte erholt sich nur mühsam vom Lockdown.

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          „Drei Monate lang habe ich nichts gemacht und nichts verkauft“, sagt die junge Ladenbesitzerin seufzend, während sie das Metallgitter zu ihrem Geschäft auf der Portobello Road aufschließt. Jetzt soll es nach der erzwungenen Corona-Pause wieder losgehen. Die meisten Händler hier in London auf dem größten Antiquitätenmarkt der Welt sind Ende Juni zurückgekehrt.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Wie in einem Ameisenbau durchziehen enge Gänge die Häuserreihen des Portobello Road Market. Riesige Mengen an Silber, viktorianischem Goldschmuck, geschliffenem Glas und Porzellan, Skulpturen, Möbel, Teppiche, Spazierstöcke, Grafiken und Landkarten bieten die Stände und Geschäfte zum Verkauf an. Die Preise beginnen bei wenigen Pfund und klettern hoch bis zu ein paar tausend Pfund.

          Was aber fehlt, sind Kunden. „Früher gingen hier 60.000, 80.000 oder sogar 100.000 Besucher an einem einzigen Samstagvormittag durch die Straßen – und jetzt?“, fragt ein Händler, in dessen Laden Silbergefäße, Möbel, Vasen und Waffen aus dem Mittleren Osten liegen. Jetzt flanieren nicht mehr als ein paar hundert Menschen über Portobello Road. Vor allem fehlen die früher üblichen Massen an Touristen. Sie blieben ab und zu stehen und kauften eine Kleinigkeit, ein Schmuckstück oder eine Grafik, bevor sie den Straßenmarkt mit Essen, Kleidung und Souvenirs weiter unten besuchten.

          „Ich sollte hier eigentlich gar nicht mehr sitzen“

          Bis zu tausend Händler sollen vor Corona regelmäßig ihre Ware auf Portobello feilgeboten haben – nun sind es wenige hundert. „Wenn wir dieses Jahr ein Viertel des Vorjahresumsatzes machen, dann sind wir glücklich“, sagt ein Verkäufer von Silbergefäßen und intarsierten Holzkisten aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Die Mehrzahl seiner Kunden seien internationale Sammler und Händler, von denen käme aber jetzt kaum einer. Immerhin sind er und sein Bruder die Eigentümer des schmalen Hauses. Sie vermieten über dem Geschäft eine Wohnung, das gibt ein bisschen Einkommen. Viele andere berichten von akuter Finanznot.

          Im Stadtteil Islington stand früher in der Camden Passage ein kleiner, florierender Antikmarkt. Er ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Die meisten Geschäfte sind geschlossen und vergittert. Ein alter Mann sitzt in seinem engen Laden, von Jugendstil-Vasen und Silber umgeben. „Ich nehme so wenig ein, dass ich nur die Stromrechnung zahlen kann. Für die Miete reicht es nicht“, sagt er, während er in seinem Geschäftsbuch herumkritzelt. „Ich sollte hier eigentlich gar nicht mehr sitzen, ich bin 86 Jahre alt.“ Dann erzählt er von seiner Krebserkrankung. Im Hintergrund läuft Klassikradio.

          Strahlend und fröhlich präsentiert sich derweil Grays Market, ein paar Schritte von der U-Bahn-Station Bond Street gelegen. An die hundert selbständige Händler haben hier Stände gemietet. Den Besucher überwältigt das reiche Angebot vor allem an glitzerndem Diamant- und Goldschmuck, an Edelsteinen aller Farben und Formen, an Armbändern von Tiffany und Cartier. Eine Verkäuferin zeigt Ohrringe mit Zitrinen und Amethysten aus dem späten 18. Jahrhundert, der Zeit von König Georg III, ein anderer hat goldgefasste Kameen im Angebot. Seit dem Ende des Lockdowns Mitte Juni kommen die ersten Kunden wieder, doch ist die Zahl auch hier deutlich geringer als zuvor.

          Die Händler hoffen auf neuen Zulauf

          „60 Prozent meines Geschäfts mache ich mit Touristen“, berichtet ein Mann, der gleich am Eingang mit Rolex-Uhren handelt. Hätte der Markt nicht die Miete reduziert, müsste er aufgeben. „Die Leute haben früher hier eingekauft und sind dann in eine Bar oder ein Restaurant gegangen“, ergänzt die Händlerin vom Nachbarstand, die versilberte Rahmen feilbietet. „Das Gesamterlebnis ist wichtig.“ Seit vergangenem Samstag dürfen in England wieder Restaurants, Pubs und Bars öffnen. In Vierteln wie Soho kam es zu einem riesigen Andrang, anderswo sind die Gastronomen noch vorsichtig und lassen nur Kunden mit Reservierung ins Lokal. Die Händlerin mit den versilberten Rahmen hofft, dass es bald belebter wird.

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