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Londoner „Tube“ : Die Baustelle

Der Eingang zur U-Bahn-Station am Piccadilly Circus in London Bild: Kien Hoang Le

Vor 150 Jahren war der Bau der Londoner U-Bahn ein Weltwunder privaten Unternehmertums. Heute wundert sich die Welt, dass der Sanierungsfall immer noch rollt.

          Sonntagnachmittag in London Heathrow. Auf Europas größtem Flughafen rollt die Rückreisewelle nach dem Weihnachtsurlaub. „Tut mir leid“, sagt der Mitarbeiter der städtischen Verkehrsbetriebe Transport for London. Wegen „planmäßiger Reparaturarbeiten“ fahre keine U-Bahn in die Innenstadt. „Beim nächsten Mal sollten Sie sich besser vor Reiseantritt informieren“, tadelt der Mann in der blauen Uniform. Da hat er recht. Selbst schuld, wer glaubt, er könne am Wochenende einfach so mit der U-Bahn in das Stadtzentrum fahren. Wir sind hier schließlich in London. Taxifahrer wollen auch leben.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          So war es immer. So wird es immer sein. Die älteste U-Bahn der Welt war, ist und bleibt eine Baustelle. Diese Woche ist es genau 150 Jahre her, dass die ersten Züge in der Unterwelt rollten. Damals war das ein technisches Weltwunder. Heute besteht das Wunder eher darin, dass sich die Räder der in weiten Teilen altersschwachen „Underground“ überhaupt noch drehen. Auf vielen der nostalgischen Bahnsteige scheint in den vergangenen anderthalb Jahrhunderten die Zeit stehengeblieben zu sein. Die „Tube“ (Röhre), wie die Londoner ihre U-Bahn nennen, ist ein Oldtimer. Manche der Signalanlagen sind neunzig Jahre alt. Wenn ein Bauteil kaputtgeht, muss es als Einzelstück nachgefertigt werden.

          Das mit Abstand wichtigste Stück Verkehrsinfrastruktur

          Der Verkehr im Londoner Untergrund ist ein ständiges Improvisieren, Basteln und Durchwursteln. Großbritanniens Hauptstadt ist mit mehr als 8 Millionen Einwohnern die größte europäische Stadt. London schläft nie. Aber ein U-Bahn-Betrieb rund um die Uhr wie etwa in New York ist an der Themse undenkbar. Die Nachtstunden werden ebenso wie die Wochenenden dringend gebraucht, um die aller nötigsten Reparaturen am mehr als 400 Kilometer langen und über Jahrzehnte hinweg vernachlässigten Streckennetz auszuführen. Londoner sind es gewohnt, dass an Samstagen und Sonntagen mitunter die Hälfte der elf U-Bahn-Linien ganz oder teilweise gesperrt ist. Irgendwann muss ja geflickschustert werden. Wer in den frühen Morgenstunden unterwegs ist, kann die müden Bauarbeiter-Trupps in ihren gelben Warnwesten nach der Nachtschicht aus den viktorianischen Bahnstollen kriechen sehen. Ihnen geht die Arbeit nie aus.

          Der Frust über die Zumutungen der zu Stoßzeiten hoffnungslos überlasteten Underground gehört zu London wie Nieselregen und Regenschirme. Andererseits: Trotz aller Malaisen ist die Leistungsfähigkeit des müden und ächzenden Kolosses unter Londons Straßen erstaunlich. 1,2 Milliarden Fahrgäste quetschten sich vergangenes Jahr in die engen Waggons. Die Tube befördert damit jeden Tag so viele Passagiere wie das gesamte britische Eisenbahnnetz und mehr als doppelt so viele wie die U-Bahn in Berlin. Erstaunlich auch: So altersschwach Londons unterirdisches Verkehrsmuseum auch sein mag - mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 33 Stundenkilometern ist sie nur geringfügig langsamer als die mehr als ein Jahrhundert später gebaute Münchner U-Bahn.

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