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Lohnuntergrenze : Applaus aus Sachsen für den Mindestlohn

Vor allem in der Gastronomie spielt der Mindestlohn eine Rolle Bild: dpa

Eine Studie soll beweisen, dass die befürchteten Arbeitsplatzverluste ausgeblieben sind. Die Wirtschaft hält dagegen.

          2 Min.

          Die Einführung des Mindestlohns hat in Deutschland zu weniger Entlassungen geführt als befürchtet. Bundesweit seien rund 60.000 Stellen verlorengegangen oder nicht entstanden, sagte Lutz Bellmann vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung Nürnberg (IAB) am Donnerstag in Dresden. Zugleich sei allein in Sachsen in den vergangenen zwei Jahren die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten um 66000 gestiegen, darunter besonders stark im Gastgewerbe (plus 15 Prozent) sowie im Sozial- und Gesundheitswesen (plus 12 Prozent).

          Stefan Locke
          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          „Das zeigt, dass die befürchteten Arbeitsplatzverluste, vor allem im Dienstleistungsgewerbe, nicht einmal ansatzweise eingetreten sind“, sagte Stefan Brangs (SPD), Staatssekretär im sächsischen Wirtschaftsministerium, das die Studie in Auftrag gegeben hatte. Sachsen ist das Bundesland, in dem der Mindestlohn am stärksten wirkt. Brangs zufolge liegt das an der jahrzehntelangen Lohnzurückhaltung hier und einer Wirtschaftspolitik, die mit niedrigen Löhnen im Freistaat geworben habe.

          Wie viele Arbeitnehmer haben profitiert?

          In rund einem Drittel aller sächsischen Betriebe waren Ende 2014, also vor Einführung des Mindestlohns, Menschen beschäftigt, die weniger als 8,50 Euro brutto je Stunde verdienten. In den anderen ostdeutschen Ländern war das in gut zwanzig Prozent, in Bayern, Baden-Württemberg, Hamburg, Hessen und Rheinland-Pfalz dagegen nur in sieben Prozent der Unternehmen der Fall; in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein hatten bis dahin nur etwa zwölf Prozent der Unternehmen keine 8,50 Euro je Stunde gezahlt.

          Der Studie zufolge hat fast die Hälfte aller sächsischen Betriebe nach der Einführung des Mindestlohns im Januar 2015 die Stundenlöhne auf mindestens 8,50 Euro angehoben, in den anderen ostdeutschen Ländern tat das gut ein Drittel. Allein in Sachsen hätten bis zu 300 000 Arbeitnehmer von der gesetzlichen Regelung profitiert, sagte Bellmann. So haben rund zehn Prozent der Betriebe auch Löhne oberhalb von 8,50 Euro angehoben, um ihr Lohngefüge beizubehalten. Nur wenige Unternehmen hätten Löhne gesenkt oder Sonderzahlungen gestrichen.

          Einfluss auf die Geschäftspolitik

          Zugleich gaben knapp 14 Prozent der befragten 1200 sächsischen Unternehmer an, infolge des Mindestlohns Arbeitszeiten reduziert oder Aufgaben verdichtet zu haben. Dieser negative Effekt sei in den anderen ostdeutschen Ländern deutlicher spürbar als in Sachsen, sagte Bellmann. 2,4 Prozent der Betriebe hätten zudem auch Personal entlassen. Sachsenweit seien zwischen 3500 und 8000 Stelen verlorengegangen, schätzt das IAB; außerdem gaben acht Prozent der Firmen an, heute bei Neueinstellungen zurückhaltend zu sein.

          Darüber hinaus hat die Einführung des Mindestlohns auch erheblichen Einfluss auf die Geschäftspolitik. So gaben gut 16 Prozent der Befragten an, ihre Absatzpreise erhöht zu haben, knapp acht Prozent verzichteten zunächst auf Investitionen, knapp zwei Prozent lagerten Aufgaben aus. Staatssekretär Brangs zufolge gibt es bisher kaum Ausnahmen vom Mindestlohn, gleichwohl sei immer wieder der Versuch spürbar, etwa Ausnahmen bei Flüchtlingen und Asylbewerbern zu machen. „Ein solches Lohndumping halten wir gesellschaftspolitisch für falsch.“ Die Erhöhung des Mindestlohns um 34 Cent auf 8,84 Euro, die ab 2017 gelten soll, hält Brangs auch für ostdeutsche Betriebe für verkraftbar. Das sei eine Erhöhung „mit Augenmaß“.

          Der Verband der Sächsischen Wirtschaft warnte, dass die Arbeitskosten in Deutschland im Vergleich zu anderen EU-Staaten zu stark stiegen. Auch die Gastronomiebetriebe in Sachsen teilen die Freude der Politik über den Mindestlohn nicht. Da dadurch die Lohnspirale nach oben gehe, werde es schwieriger, gutes Personal zu bekommen, sagte Jens Voigt, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes in Sachsen. „Der Koch, der früher zehn Euro je Stunde bekam, verlässt die Branche, wenn jeder Ungelernte fast genauso viel bekommt.“

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