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Wirtschaft nach Corona : „Die Löhne müssen steigen“

Clemens Fuest ist seit 2016 Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung. Bild: Finn Winkler

Nach Corona sieht die Wirtschaft anders aus. Hier spricht der Präsident des Ifo-Instituts, Clemens Fuest, über knappe Fachkräfte, die steigende Inflation und kranke Kinder im Kindergarten.

          5 Min.

          Herr Fuest, waren Sie schon wieder im Biergarten?

          Patrick Bernau
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
          Maja Brankovic
          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Ich hab im Gasthaus schon auf der Terrasse gesessen, aber im Biergarten war ich noch nicht. Das zeigt, dass die Krise noch nicht vorbei ist.

          War es Ihnen zu gefährlich?

          Ich bin sowieso nicht jemand, der viel Zeit in Biergärten verbringt. Aber ich glaube auch, man hat sich daran gewöhnt, dass im Moment noch nicht alles geht. Vieles wird sehr langsam wieder beginnen, nicht nur aus Gewohnheit, sondern auch, weil bei Weitem noch nicht alle geimpft sind. Vielleicht werden die neuen Mutanten die Menschen beschäftigen. Gleichzeitig gibt es diesen großen Wunsch, mal wieder rauszugehen und unter Leute zu kommen.

          Wir kennen mindestens ein Hotel, das 75 Prozent teurer ist als vor einem Jahr.

          Wenn jetzt ein Nachfrageschub kommt, dann werden sich die Preise erhöhen. Das ist auch richtig so. Gleichzeitig ist es für viele Betriebe noch schwer, Leute zu bekommen. Und dann gibt es ja immer noch Hygienestandards, die bedeuten, dass man weniger Gäste hat.

          Das klingt noch nicht sprühend optimistisch.

          Die Gastronomie erleben wir direkt, und dort geht es noch nicht so gut. Sie ist aber nur ein Teil der Wirtschaft. Das verarbeitende Gewerbe läuft seit längerer Zeit gut, sogar besser als vor der Pandemie.

          Die Industrie hat doch auch Probleme: Ihr fehlt es an Vorprodukten.

          Es gibt zwei Arten von Knappheiten: eine Knappheit, die aus dem Konjunkturaufschwung resultiert – die Nachfrage ist hoch, die Fabriken laufen auf vollen Touren, und deshalb werden Zwischengüter knapp. Das ist positiv, denn genau diesen Aufschwung wollen wir ja. Dann müssen die Preise steigen.

          Arbeit und Familie: Eltern dürfen nicht unter einem „Damoklesschwert“ leben, wenn ihr Kind krank wird, sagt Clemens Fuest.
          Arbeit und Familie: Eltern dürfen nicht unter einem „Damoklesschwert“ leben, wenn ihr Kind krank wird, sagt Clemens Fuest. : Bild: dpa

          Und die andere Art?

          Das ist die problematischere: Sie kommt daher, dass Fabriken in ihrer Produktion gestört sind, Verkehrswege gestört sind oder Protektionismus entsteht. Dann spricht man von angebotsinduzierter Verknappung. Das wäre schlecht. Ich glaube, wir sehen teilweise die positiven Formen von Verknappung, teilweise haben wir aber auch zunehmend Protektionismus. Und das schränkt eben das Angebot ein.

          Sind nicht auch Arbeitskräfte knapp? Es scheint jedenfalls spätestens dann so, wenn man probiert, einen Handwerker für sich zu gewinnen.

          Ja, und das liegt nicht nur an der Pandemie, sondern auch an der Demographie. Die Zahl der Menschen im Erwerbsalter in Deutschland sinkt – das beschränkt auch das Wachstumspotential. Hier liegt eins der wichtigsten Themen für die Wirtschaftspolitik der nächsten 10 oder 20 Jahre.

          Hat die Pandemie die Fachkräfteknappheit noch verschärft? An den Schulen sind Bildungslücken entstanden, die Zahl der Ausbildungsverträge ist zurückgegangen.

          Das ist wahr, aber andererseits führt die Pandemie zu einem effizienteren Einsatz von Fachkräften, wenn zum Beispiel digitale Techniken eingesetzt werden. Das Internet eröffnet große Potentiale. Man sitzt weniger unnötig im Zug und Flugzeug. Es eröffnet auch Zugriff auf Fachkräfte auf der ganzen Welt. Es gibt jetzt mehr Tätigkeiten, die aus dem Homeoffice erledigt werden können.

          Der ITler konkurriert also mit Kollegen aus Indien?

          Das tut er heute schon manchmal, aber das wird sich verstärken, und es wird sich auf andere Berufe ausweiten, bis hin zu Ärzten. Wenn wir Internetsprechstunden machen, warum dann nicht international? In einigen Bereichen der Medizin, zum Beispiel der Radiologie, sehen wir, dass es viel effizienter ist, wenn irgendwo auf der Welt Spezialisten Aufnahmen auswerten. Auch Menschen mit hohem Qualifikationsniveau bekommen also Konkurrenz, aber die Fachkräfteknappheit lindert das.

          Löst das schon alle Probleme am Arbeitsmarkt?

          Nein. Wenn Fachkräfte knapp sind, müssen die Löhne steigen. Als Ökonom würde man ja sagen: Fachkräftemangel gibt es nicht, sondern nur Knappheit. Es ist wie bei Diamanten: Sie sind knapp und teuer, trotzdem reden wir nicht von einem Diamantenmangel. Wer sich über Fachkräftemangel beschwert, sollte die Löhne erhöhen.

          Jetzt noch die Löhne erhöhen? Nach der Pandemie? Da werden sich einige Betriebe nicht freuen.

          So funktioniert aber die Marktwirtschaft. Das ist wie bei den Diamanten: Die hohen Preise haben auch den Sinn, dass Leute aus dem Markt ausgeschlossen werden. Viele Leute hätten gerne einen Diamantring, aber sie entscheiden sich dagegen, weil es zu teuer ist. So haben Lohnerhöhungen auch die Funktion, dass Fachkräfte an den Stellen nicht eingesetzt werden, wo sie weniger dringend gebraucht werden. Insofern sind Lohnerhöhungen selbst dann richtig, wenn deswegen keine einzige Fachkraft zuwandert.

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          Das heißt: Es werden Betriebe verschwinden, weil sie sich die hohen Löhne nicht mehr leisten können?

          Das ist bitter für die betroffenen Betriebe, aber ökonomisch richtig.

          Die aktuelle Inflation gilt als Übergangsphänomen am Ende der Pandemie. Wenn aber die Löhne steigen: Bleibt sie uns dann doch erhalten?

          Das hängt von geldpolitischen Entscheidungen ab. Eigentlich wollen wir ja erst mal in eine Situation kommen, in der die Geldpolitik ihr Ziel von zwei Prozent Inflation überhaupt erreicht. Ich kann mir schon vorstellen, dass die Fachkräfteknappheit dazu beiträgt – ich würde aber keine Inflation erwarten, die dauerhaft darüber hinausschießt. Das käme nur dann, wenn die Geldpolitik nicht angemessen reagiert und die Defizit­finanzierung mit der Notenpresse ­weitergeht.

          Die Pandemie hat auch die Staatsschulden gesteigert. Können die Notenbanken jetzt überhaupt noch gegenhalten?

          Keine Frage: Die Schulden sind eine Belastung für die Stabilität. Sie sind so lange tragfähig, wie die Zinsen hinreichend niedrig sind. Für die meisten Staaten schlägt eine Zinserhöhung zwar erst verzögert durch, wenn fällige Staatsanleihen refinanziert werden. Aber die Lasten wachsen. Am Ende hängt es von zwei Fragen ab: Wie schnell steigt der Zins? Und steigt nur der kurzfristige, geldpolitische bestimmte Zins oder auch der längerfristige Zins? Diese Lage ist für Notenbanken nicht einfach.

          Wo liegt das Problem?

          Sobald sich der Eindruck verfestigt, dass die Inflation zunehmen wird und die Notenbanken an Zinserhöhungen nicht vorbeikommen, geht alles sehr schnell. Dann steigen die Kapitalmarktzinsen sofort an, überschießen möglicherweise sogar. Um derartige Schocks zu vermeiden, wollen die Notenbanken Inflationserwartungen niedrig halten. Dann kann man zumindest abrupte Zinsbewegungen vermeiden. Ein plötzlicher, inflationsgetriebener Zinsanstieg hätte schwer kalkulierbare Risiken. Wir wissen nicht, was es bedeutet, wenn man nach zwei oder drei Jahrzehnten sinkender Zinsen in die Gegenrichtung geht. Die Notenbanken haben davor viel Respekt, deshalb erwarte ich, dass sie ihren Auftrag, die Inflation niedrig zu halten, auch künftig ernst nehmen.

          Auf jeden Fall werden die Staatshaushalte nicht mehr durch Zinssenkungen entlastet. Wie hält man sie trotzdem in Ordnung?

          Am besten, man setzt auf Wachstum. Da geht es um Investitionen und Innovationen, aber auch wieder um die Arbeitskräfte und die Demographie. Deshalb brauchen wir mehr Erwerbsanreize. In Deutschland gibt es durchaus ungenutzte Potentiale. Das betrifft vor allem die Zweitverdiener.

          Also vor allem die Frauen.

          In Deutschland arbeiten viele von ihnen. Das ist positiv. Aber die Teilzeitquote ist auch hoch. Das liegt auch daran, dass in unserem Steuersystem der Zweitverdiener steuerlich stark belastet wird. Daran sollte man etwas ändern.

          Das heißt, Sie plädieren für eine Abschaffung des Ehegattensplittings?

          Ja. Aber ich würde es nicht durch eine individuelle Besteuerung ersetzen, wie es einige fordern, sondern durch ein Realsplitting, bei dem man einen gewissen Betrag auf den Partner übertragen kann, der die Unterhaltspflichten reflektiert.

          Am Ende bleibt: Der Staat würde von den Eheleuten mehr Steuern verlangen, das Nettoeinkommen sinkt, und die Frau arbeitet mehr.

          Richtig. Die Frage ist dann, was der Staat mit den zusätzlichen Einnahmen macht. Er kann zum Beispiel den Einkommensteuertarif insgesamt senken. Man kann natürlich argumentieren, es sei überhaupt nicht die Aufgabe des Staates, die Leute zum Arbeiten zu drängen, die sollen das mal selbst entscheiden. Aber das Steuersystem sollte die Leute wenigstens nicht davon abhalten.

          Und wie geht man mit den bestehenden Ehen um?

          So eine Umstellung geht nicht von einem Tag auf den anderen und nicht unbedingt für schon geschlossene Ehen. Klar ist auch: Die Reform der Ehegattenbesteuerung wird die Arbeitskräfteknappheit nicht allein lösen.

          Was kann man dann tun?

          Die Kinderbetreuung ist nach wie vor unzureichend. Jeder, der Kinder hat, weiß: Kinderbetreuung schließt oft zu früh, und sobald ein Kind krank ist, hat man ein Problem. Dafür brauchen wir Lösungen. Nur dann können wir mehr Erwerbstätigkeit erreichen. Kinderbetreuung darf nicht von einem Moment auf den anderen zusammenbrechen.

          Wer betreut kranke Kinder – und wollen die Kinder das überhaupt?

          Es geht nicht nur um Krankheit, sondern generell um flexiblere und länger verfügbare Kinderbetreuung. Es kann nicht sein, dass Eltern immer unter diesem Damoklesschwert leben, dass, wenn ein Kind krank ist oder man einmal etwas länger arbeiten muss, die Betreuung fehlt.

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