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Lobbyaffäre in Großbritannien : Heftige Polit-Debatte um James Dyson

Der 73 Jahre alte James Dyson ist wieder auf die britischen Insel zurückgekehrt. Bild: dpa

Nach zwei Jahren in Singapur ist James Dyson nach Großbritannien zurückgekehrt. Dort ist nun ein Streit über seine enge Beziehung zu Boris Johnson entbrannt.

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          Der Staubsauger-Milliardär James Dyson, reichster Mann Großbritanniens, ist immer gut für eine politische Kontroverse. Als der erklärte Brexit-Anhänger vor zwei Jahren die Spitze seines Konzerns und seinen Wohnsitz nach Singapur verlegte, sprangen darauf sofort Brexit-Gegner an. Hier war der Beleg, dass reiche Brexit-Anhänger selbst aus Großbritannien flüchteten. Vor ein paar Tagen wurde bekannt, dass der 73 Jahre alte Dyson zurückgekehrt ist, wieder auf der britischen Insel lebt und Steuerbürger ist.

          Philip Plickert
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Inzwischen erregt eine andere Sache die politische Debatte. Persönliche Textnachrichten zwischen Dyson und Premierminister Boris Johnson sind an die Öffentlichkeit geraten, die nach Ansicht von Kritikern zeigen, dass Johnson einem Tory-Spender politische Hilfe gewährte. Die Regierung dementiert vehement, dass an dem Austausch irgendetwas faul war. Konkret geht es darum, dass Dyson im März 2020 – in der verheerenden ersten Corona-Welle – angeboten hatte, mit seinen Ingenieuren Tausende Beatmungsgeräte für Corona-Kranke zu bauen. Daraus sollte ihm aber keine zusätzliche Steuerbelastung erwachsen, forderte er. Johnson antwortete „James“ via Whatsapp in familiärem Ton, „Rishi“ (Finanzminister Sunak) werde sich darum kümmern.

          „Filz, Filz, Filz“

          Die Opposition hat schnell versucht, diesen Dyson-Johnson-Austausch mit dem Greensill-Skandal zu verbinden, in dem der frühere Tory-Premierminister David Cameron durch intensive Lobbying-Aktivitäten im Finanzministerium und bei der Bank of England seinem inzwischen pleitegegangenen Finanzier Lex Greensill Hilfen und Vorteile verschaffen wollte. Dazu kommen Auftragsvergaben in der Corona-Krise an Unternehmer, die der Johnson-Regierung nahestehen. „Filz, Filz, Filz“, klagt Labour-Chef Keir Starmer an.

          Der Premier blieb indessen bei seiner Linie, dass das Handeln im Fall Dyson völlig richtig gewesen sei. Er werde sich „absolut in keiner Weise entschuldigen, dass ich Himmel und Erde in Bewegung gesetzt habe“. In der Notsituation der eskalierenden Corona-Seuche vor einem Jahr wollte die Regierung schnellstmöglich die Beatmungsgeräte beschaffen. Dysons Firma teilte mit, das Projekt habe sie 20 Millionen Pfund gekostet; vom Steuerzahler erhielt er keine Finanzierung. Unabhängige Beobachter können in diesem Fall wenig Skandalöses entdecken. „Dyson hat vernünftig gehandelt, dass er und sein Team keinen Nachteil bekommen sollen, wenn sie im Notfall etwas tun“, meint Bronwen Maddox, die Direktorin des Thinktanks Institute for Government. Problematisch findet sie aber Johnsons Praxis, als Premier sein privates Smartphone zu behalten, über das ihn alte Bekannte erreichen können.

          Ein echter Selfmade-Milliardär

          Wie sehr die Affären, vor allem der Greensill-Fall, der Regierung schaden werden, ist unklar. Die Tory-Partei liegt in Umfragen deutlich vor Labour. Hinzu kommt aber ein explosiver Streit, ob die Textnachrichten des ehemaligen Beraters Dominic Cummings durchgestochen wurden, der auf Rache aus ist.

          James Dyson unterdessen ließ dementieren, dass er überhaupt ein großer Spender der Tories sei. „Sir James’ politische Spenden in seinem ganzen Leben belaufen sich auf 800 Pfund“, sagte ein Sprecher. Der findige Ingenieur, dessen Vermögen die „Sunday Times“ in ihrer letztjährigen Reichenliste auf mehr als 16 Milliarden Pfund taxierte, gilt auf der Insel als nationale Unternehmerikone. Der Sohn eines einfachen Schuldirektors, der mit nur neun Jahren Halbwaise wurde, ist ein echter Selfmade-Milliardär. Seine clevere Staubsaugererfindung, erstmals vorgelegt vor 40 Jahren, nachdem er mehr als 5000 Prototypen gebastelt hatte, brachte ihm den Durchbruch und großen finanziellen Erfolg.

          Doch nicht alles glückt ihm. Vergangenes Jahr musste Dyson eingestehen, dass er sich mit einem Elektroauto-Projekt in Großbritannien überhoben hatte. Das Scheitern kostete ihn eine halbe Milliarde, so viel Investitionen musste er abschreiben. Die Staubsaugerproduktion ist schon seit längerem weitgehend nach Fernost gewandert, im Vereinigten Königreich sitzt aber die Entwicklungsabteilung. Dyson residiert nun wieder in der Heimat, wo er ein prachtvolles altes Anwesen in Gloucestershire hat. Auch als Agrarunternehmer hat sich Dyson zuletzt hervorgetan, er zählt zu den Großgrundbesitzern auf der Insel.

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