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Österreichischer Bankchef : Lob für Merkel, Kritik an Kurz

Haben verschiedene Vorstellungen vom „Wiederaufbau“: Angela Merkel und Sebastian Kurz Bild: dpa

„Einen wirklich großartigen Plan“ nennt der Chef der größten österreichischen Bank den Vorschlag, die EU solle gemeinsame Schulden machen und das Geld als Zuschüsse an Krisenstaaten vergeben. Bernhard Spalt geht damit auf Konfrontation zu Kanzler Kurz.

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          Nach der Kritik von Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) an dem 500-Milliarden-Euro-Corona-EU-Hilfspaket erfährt der Plan der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und des französischen Staatschefs Emmanuel Macron jetzt Unterstützung aus der österreichischen Wirtschaft. Bernhard Spalt, der Vorstandsvorsitzende der Erste Group Bank AG, der größten Bank Österreichs und einer der führenden in Ostmitteleuropa, nannte den Vorstoß im Gespräch mit der F.A.Z. „einen wirklich großartigen Plan“.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Wien.

          Michaela Seiser

          Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Der weise in die richtige Richtung, auch wenn das „von vielen noch nicht geteilt“ werde. Dabei sei „wirklich wurscht, ob das Geld über Kredite oder nicht rückzahlbare Zuschüsse finanziert wird. Das kann man irgendwann einmal klären“, sagte Spalt. 

          Spalt bezieht damit Position gegen die Haltung der österreichischen Regierung, die mit den Niederlanden, Dänemark und Schweden, den sogenannten „sparsamen Vier“, einen Gegenplan eingebracht hat. Vor allen wollen sie verhindern, dass die gemeinsam finanzierten Staatshilfen als nicht rückzahlbare Zuschüsse ausgegeben werden. Auch die Aufnahme gemeinsamer Schulden – Stichwort „Euro“- oder „Corona-Bonds“ – ist ihnen ein Graus, denn sie haben Angst einmal überproportional viel zurückzahlen zu müssen.

          Bernhard Spalt

          Natürlich müsse die Verwendung der Mittel geprüft werden, sagt Spalt. Aber er sagt auch: „Gemeinsame Verschuldung ist richtig.“ Auch vor einer Transferunion habe er keine Angst. Die Vorschläge von Merkel und Macron seien „groß und konzeptionell richtig“.

          „Schutzschilde werden nicht sehr lange halten“

          Denn man stehe vor der Frage, ob die EU zerbreche oder sie eine tiefere Integration wage. „Wenn diese Krise nicht der Anlass ist, Dinge neu zu denken, dann weiß ich echt nicht, was es sein sollte“, sagt der Jurist Spalt, der die wohlstands- und friedensstiftende Rolle der EU betont. Seit Januar ist er Vorstandsvorsitzender des Finanzkonzerns, der mit mehr als 16 Millionen Kunden und 46.000 Beschäftigten in 7 Ländern eine der größten Bankengruppen in Zentral- und Osteuropa ist.

          Wichtiger als die Frage, wie die Mittel finanziert würden, sei doch, was damit geschehen solle. Es sei jetzt die Aufgabe der Politik, ein Drehbuch für den Ausstieg aus der Krise zu verfassen.

          Spalts drei großen EU-Zukunftsthemen lauten: Gesundheit, Klimaschutz und Innovation. „So viel Geld wie möglich in eine fallende Volkswirtschaft zu schütten, ist vielleicht nicht der richtige Zugang“.

          Und nicht notwendigerweise laufe das auf neue staatliche Zuwendungen hinaus. Spalt nennt beispielhaft mehr steuerliche Abschreibung und weniger bürokratische Regulierung. Für nutzlos hält er Bestrebungen zu mehr Protektionismus in Europa. „Schutzschilde werden nicht sehr lange halten.“

          Der Konjunkturaufschwung nach dem tiefen Sturz benötige viel Zeit. Spalt glaubt, dass der „wellenförmig“ mit vielen Aufs und kleineren Abs verlaufen werde. „Wir werden lange nicht das Niveau von 2019 erreichen: Sicher nicht 2021. Wir brauchen viel Geduld. Wir werden alle mehr Schulden haben, und wir werden das alle spüren.“ Und Spalt prophezeit: „Eine Umverteilungsdebatte wird darauf folgen.“

          Auch im Bankgeschäft werde sich das negative Lagebild mit Verzug niederschlagen. Im Ausblick des ersten Quartalsberichtes hatte er vor einem sinkenden Betriebsgewinn gewarnt. Dennoch sagt er: „Der Bank geht es nicht schlecht.“ Zwar registriere man „leichte Einbremsungen“ wie bei Konsumkrediten an Verbraucher und Ausleihungen an Unternehmen, andererseits gebe es eine „robuste Nachfrage nach Kernprodukten wie Hypotheken“.

          Am Ende gehe es einer Verbraucher- und Handelsbank wie der Erste Group nur so gut wie ihren Kunden. Die würden einen künftig danach beurteilen, wie man sich jetzt verhalte. „Wir betrachten uns nicht als kurzfristige Investoren. Wir drehen nicht den Geldhahn zu, wenn die Dinge ein bisschen finsterer werden, sondern wir wollen sinnvoll und nützlich sein, in der Krise.“

          Das steht für Spalt in keinem Gegensatz dazu, dass die Erste, die mit hohen Eigenkapitalquoten in die Krise gegangen sei, weiter wachsen solle – auch in der Krise. Es gebe in Ostmitteleuropa ein Potential zur Konsolidierung, weil Banken verkauft würden. „Wir werden uns das anschauen, weil wir an die Region glauben. Meine Hypothese ist, dass durch die Krise in der Region die Einstandspreise deutlich günstiger werden.“

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