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LKW auf Autobahnen : Die Gefahr auf der rechten Spur

Die Kosten für ein Sicherheitspaket der modernsten Stufe liegen für Daimler-Kunden bei rund 5000 Euro je Lkw. Andere Experten merkten während der Diskussion in Goslar jedoch kritisch an, dass auch bei Daimler längst nicht alle Lkw auf diesem Sicherheitsniveau ausgeliefert werden. Aus Kostengründen werden oft weniger gute Systeme verbaut. In der EU ist der Einbau von Notbremsassistenten zwar seit 2015 Pflicht. Diese müssen bei einem stehenden Fahrzeug vor ihnen aber bloß eine Teilbremsung von etwa zehn Stundenkilometern leisten. Das sei unzureichend, bemängelte ein hessischer Polizist in Goslar: Denn letztlich sei es egal, ob ein schwerer Lkw mit 60, 50 oder 40 km/h auf einen stehenden Pkw auffahre. Das Auto sei hernach so oder so „platt“.

Die Experten auf dem Verkehrsgerichtstag einigten sich daher am Freitag auf die Forderung, dass der jeweils neueste Stand des Notbremsassistenten zur Norm gemacht werden müsse. Die Notbremssysteme sollten einen Lkw zum Stehen bringen und sich, sofern sie abschaltbar sind, zeitnah und automatisch wieder reaktivieren. In der öffentlichen Diskussion über Lkw-Auffahrunfälle wurde die manuelle Abschaltung zuletzt immer wieder als großes Problem benannt. Doch die Experten in Goslar gaben Entwarnung: Entgegen anderslautender Berichte schalteten die Lkw-Fahrer nur selten ihre Notbremsassistenten ab. Laut Daimler-Daten liegt die Quote unter einem Prozent. Abgeschaltet werden hingegen häufig die Abstandsregel-Systeme. Die Fahrer empfinden es offenbar als störend, wenn ständig Fahrzeuge knapp vor ihnen einscheren und die Elektronik ihren Lkw dann immer wieder ausbremst.

„Keine Sau hat das interessiert“

Neben den Auffahrunfällen am Stauende beschäftigte sich der Verkehrsgerichtstag auch noch mit einer anderen tödlichen Gefahr durch Lkw. In den vergangenen Monaten haben Unfälle die Öffentlichkeit erschüttert, bei denen rechtsabbiegende Lkw Radfahrer überrollten. „Seit 2013 mahnen wir, dass das Thema auf die Tagesordnung gehört“, klagt Unfallforscher Brockmann, „aber keine Sau hat das interessiert.“ Laut Brockmann kommen im Jahr etwa 25 bis 30 Radfahrer in solchen Situationen um. Die Opfer seien auffällig häufig weiblich und etwas älter. Diskutiert werde über das Problem aber erst, nachdem zuletzt immer wieder junge Radfahrer, teils Kinder, überrollt wurden. Daimler-Manager Schuckert sagte, sein Konzern biete seit wenigen Jahren einen Abbiegeassistenten an, der Fahrer optisch und akustisch warnt. Das System koste rund 2500 Euro und wird derzeit in etwa der Hälfte der ausgelieferten Daimler-Lkw verbaut. Der Verkehrsgerichtstag fordert die Bundesregierung nun auf, sich international für einen verpflichtenden Einbau von Abbiegeassistenten bei allen Lkw einzusetzen. Diese sollten künftig nicht nur warnen, sondern auch selbsttätig bremsen.

Die Gefahr durch Lkw-Unfälle soll also vor allem durch Hightech verringert werden. Die Herausforderung scheint dabei darin zu liegen, die Normen auf internationaler Ebene fortlaufend dem technischen Fortschritt anzupassen, ohne dabei zu überziehen. Daimler-Manager Schuckert zeigte sich in Goslar zwar offen für strengere gesetzliche Vorgaben, von denen fortschrittliche Lkw-Hersteller teils wohl auch profitieren könnten. Eine Verpflichtung zu selbsttätig bremsenden Abbiegeassistenten komme jedoch verfrüht, warnte Schuckert. „Wir sind noch nicht so weit.“ Vor der Serienreife müsse die Technik ausgiebig geprüft werden. „Denn Fehlbremsungen verursachen neue Unfälle.“

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