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Ministerin Liz Truss : Sie will die Briten aus den Ketten befreien

Liz Truss, britische Ministerin für internationalen Handel Bild: dpa

Die britische Ministerin für internationalen Handel Liz Truss gibt sich sehr zuversichtlich: Die Anhängerin von Margaret Thatcher hat einige Ideen, wie es nach dem Brexit weitergeht.

          Es steht so viel auf dem Spiel. In zweieinhalb Monaten wird Großbritannien die EU verlassen. Ein Brexit ohne Scheidungsabkommen („No Deal“) würde schlagartig höhere Zölle im Handel mit den EU-Ländern bedeuten. Für Handelsministerin Elizabeth Truss eigentlich eine Horrorvorstellung. Als betont marktwirtschaftlich Politikerin, die schon mal „die nächste Margaret Thatcher“ genannt wurde, hat sie stets für den Abbau von Zöllen, Steuern und Regulierung gekämpft. Doch Truss ist eben auch sehr EU-kritisch.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          „Brüssel“ ist für sie der Inbegriff einer Regulierungsmaschinerie – so sah es auch Thatcher. Truss hat sich als Brexiteer festgelegt: „No Deal“ müsse eine Option sein. Die Regierung von Boris Johnson gibt sich wild entschlossen, einen Brexit durchzuziehen, falls es anders nicht geht, eben ein No-Deal-Brexit am 31. Oktober. Pessimisten sehen dann ein Desaster kommen.

          Gut Freund mit Trump

          Von Trübsal ist bei Liz Truss indes keine Spur zu sehen. Vergangene Woche war sie mit Außenminister Dominic Raab in Washington, verhandelte dort mit Donald Trumps Handelsbeauftragten Robert Lighthizer und Außenminister Mike Pompeo. Später posierte die 44-Jährige für ein Foto im roten Sommerkleid neben dem Hardliner-Sicherheitsbeauftragten John Bolton vor dem Weißen Haus.

          Beide Seiten erwecken den Eindruck, bald nach dem Brexit sei ein Freihandelsabkommen zum Greifen nahe. Die Amerikaner stünden schon „an der Tür, den Stift in der Hand“, sagte Pompeo. Bolton versprach, innerhalb eines Jahres könne man unterzeichnen. Doch ein Handelsvertrag ist sehr komplex, umfasst viele hundert Seiten.

          Bis zum Abschluss würde es wohl länger dauern. Und unsicher ist auch, ob gerade die protektionistische „America First“-Regierung von Trump britische Freihandelshoffnungen erfüllen würde: etwa den bislang abgeschotteten Markt für öffentliche Ausschreibungen zu öffnen. Selbst die Obama-Administration hatte da eine „Buy American“-Devise. Und auch bei den Dienstleistungen, ein wichtiges Thema für die Londoner City, gibt es noch Hürden.

          Mehr Handel über Freihäfen

          Liz Truss gibt sich indes super-optimistisch und sucht neue Wege. Den Brexit vergleicht sie mit dem „Big Bang“ der Deregulierung, der vor über dreißig Jahren den Aufstieg der City zum globalen Finanzzentrum einläutete. Kürzlich hat sie eine Initiative gestartet, die zeigt, wo es hingehen soll: Bis zu zehn „Freeports“ – Freihäfen – werde Britannien einrichten.

          In diesen Sonderwirtschaftszonen neben existierenden Häfen sollen Unternehmen zollfrei Güter importieren und exportieren können. Truss, ein Fan der Handelsmetropole Singapur, glaubt, das würde einen Boom auslösen. Skeptiker indes sagen, dass es nur zu einer Verlagerung von wirtschaftlicher Aktivität, nicht zu mehr Wachstum kommen würde.

          Liz Truss’ Eltern hatten wohl nicht erwartet, dass ihre Tochter einmal als Politikerin des „rechten“, radikal marktwirtschaftlichen Tory-Flügels Karriere machen würde. Ihr Vater, ein Mathematikprofessor, und die Mutter, die als Krankenschwester und Lehrerin arbeitete, standen politisch links von der Labour-Party. Als Kind nahm die Mutter sie auf Demonstrationen der Anti-Atomwaffen-Bewegung mit, die Eltern schickten sie auf eine staatliche Gesamtschule.

          Wechsel zu den Konservativen

          Erst als Studentin in Oxford, so sagte sie später, habe sie Leute kennengelernt, die sich als Tories, als Konservative verstanden. Als Studentin engagierte sie sich für die Liberaldemokraten, forderte gar die Abschaffung der Monarchie. Wenig später wurde sie aber Mitglied der Tories. Margaret Thatcher ist bis heute ihr Idol.

          Nach dem Studienabschluss 1996 arbeitet sie zunächst für Shell und bei Cable & Wireless als Ökonomin. Dann wechselte sie als Vizedirektorin zum Thinktank „Reform“, für den sie Broschüren schrieb mit Titeln wie „The Value of Mathematics“, ein Plädoyer für höhere Standards und ehrgeizigere Ziele in den Schulen. 2010 gelang ihr, nach zwei erfolglosen Kandidaturen, der Sprung ins Unterhaus als Abgeordnete für den Wahlkreis Südwest-Norfolk.

          National bekannt wurde die Mutter zweier Töchter als Co-Autorin der Streitschrift „Britain Unchained“: Das Land müsse aus Ketten befreit werden durch eine radikale Politik der Deregulierung und Entfesselung der Marktkräfte, meinten die fünf Autoren, allesamt Tory-MPs. Ein Auszug aus dem Buch verursachte damals einen kleinen Skandal: Die Briten seien zu faul und zu unproduktiv, sie arbeiteten zu wenig und gingen zu früh in Rente, hieß es da.

          „Die Briten sind faul“

          Britische Kids interessierten sich nur für Fußball und Popmusik, während indischstämmige Kinder Ärzte und Geschäftsleute werden wollten. Das Buch empfahl Australien, Kanada und asiatische Tigerstaaten wie Singapur als Vorbild für bestimmte Reformen. Vier der fünf Autoren sind heute Minister in der Johnson-Regierung.

          Truss hat in der Politik Blitzkarriere gemacht. Schon zwei Jahre nach ihrer Wahl ins Parlament, mit 37 Jahren, wurde sie Staatssekretärin für Bildung, zwei Jahre später übernahm sie das Ressort für Umwelt und Ernährung, dann das Justizressort. Damit verbunden ist die Position des Lord Chancellor; Truss übernahm sie als erste Frau in fast tausend Jahren britischer Geschichte. Seit 2017 war sie Chief Secretary to the Treasury, die Nummer Drei im Finanzministerium.

          Wie es nun weitergeht im Ringen um den Brexit, weiß niemand wirklich. Als Ferienlektüre hat sich die Handelsministerin ein spezielles Buch ausgewählt: Yannis Varoufakis’ „My Battle with Europe’s deep Establishment“. Ideologisch steht sie dem linken griechischen Ex-Minister fern – doch wie er sieht sie sich im Kampf gegen ein verstocktes EU-Establishment. Varoufakis scheiterte. Die Johnson-Regierung hofft, mehr Erfolg zu haben.

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