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Lipobay : Weitere Nachwirkungen für Bayer

  • Aktualisiert am

Vom „Blockbuster” zum Sorgenkind Bild: dpa

Bayer steht wegen Lipobay weiter unter Druck. Immer mehr Zwischenfälle werden bekannt und das Medikament wurde vom japanischen Markt genommen.

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          Lipobay und keine Ende: Weltweit wurden bisher etwa 1.100 Zwischenfälle im Zusammenhang mit der Einnahme des Cholesterinsenkers Lipobay/Baycol gemeldet. „Das sind Fälle, bei denen die Nebenwirkung Muskelschwäche (Rhabdomyolyse) aufgetreten sind“, bestätigte Bayer einen entsprechenden Bericht des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte.

          Das Institut erfasste sowohl leichte Muskelschmerzen als auch die unter Umständen tödlich verlaufende Rhabdomyolyse. Bayer hatte vor zwei Wochen das umstrittene Präparat freiwillig vom Markt genommen. Der Konzern sprach bislang von 52 Todesfällen im Zusammenhang mit der Lipobay-Einnahme, hat aber zugleich betont, dass sich diese Zahl noch erhöhen könnte.

          Rückzug aus Japan

          Unterdessen hat der Konzern das Medikament auch in Japan gestoppt - das letzte Land, in dem Baycol noch vermarktet wurde. Bayer begründete den Schritt mit der Patienten-Sicherheit. Den Angaben des Unternehmens zufolge soll der Wirkstoff Gemfibrozil, der in Wechselwirkung mit Baycol zu Muskelschwäche führen kann, bald auch in Japan zugelassen werden. Zunächst war das asiatische Land von dem Rückzug des Bayer-Cholesterinsenkers rund um den Globus ausgenommen gewesen, da Gemfibrozil dort bislang nicht im Handel ist.

          Bisher sei man von 150 bis 200 Millionen Euro Umsatz mit Lipobay in Japan ausgegangen, erklärte der Pharma-Analyst Ludger Mues vom Bankhaus Sal. Oppenheim. „Wenn die jetzt wegfallen, hat das natürlich noch mal deutliche Auswirkungen auf den Gewinn pro Aktie.“ Die Auswirkungen der drohenden Welle an Schadenersatzklagen in den USA seien sehr schwer einzuschätzen, sagte Mues. In Europa habe Bayer dagegen juristisch eine sehr gute Stellung.

          Höhe möglicher Zahlungen schwer einschätzbar

          Der Fall des Pharmakonzerns American Home Products, der wegen Nebenwirkungen seines Schlankheitsmittels mehr als zwölf Milliarden Dollar zahlen musste, sei nicht mit dem Lipobay-Fall vergleichbar, sagte Mues. „Bei den Diätpillen wurden die Leute chronisch krank. Das ist dann sehr teuer geworden.“ Die als Nebenwirkung von Lipobay aufgetretene Muskelschwäche habe sich bei vielen Patienten dagegen wieder gebessert. Die Schadenersatzforderungen und Zahlungen für Krankheitskosten dürften daher nicht so hoch sein wie bei den Schlankheitspillen, falls Bayer angekündigte Schadenersatzprozesse in den USA verliere.

          Auch andere Experten tun sich noch schwer mit einer Bezifferung der Schadenersatzzahlungen, die im Zusammenhang mit Lipobay auf Bayer zukommen könnten. So verweist die Deutsche Bank auf Berechnungen von US-Anwälten, die von zwei bis drei Milliarden Dollar ausgingen, wovon jedoch ein erheblicher Teil auf den Bayer-Vertriebspartner Glaxo entfallen könnte. Andere Studie sehen indes nur Belastungen von weniger als 200 Millionen Dollar.

          Bayer hat wiederholt hervorgehoben, dass ein ursächlicher Zusammenhang zwischen den Todesfällen und dem Medikament nicht nachgewiesen sei. Gegen Bayer sind mehrere Klagen in Deutschland und den USA angekündigt beziehungsweise bereits eingereicht worden. An der Börse gab die Bayer-Aktie in einem ansonsten freundlcihen Markt um weitere zwei Prozent nach. Damit hat das Papier seit der Rücknahme des Medikaments mehr als ein Viertel an Wert eingebüßt.

          Andere Cholesterinsenker im Visier

          Nach dem Rückzug von Lipobay sind mittlerweile auch andere Cholesterinsenker ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Einem Bericht der „Welt“ zufolge warnt die Organisation „Public Citizen“ vor den Nebenwirkungen verschiedener Konkurrenzprodukte. Allerdings ist seit langem bekannt, dass Cholesterin senkende Wirkstoffe aus der Gruppe der Statine bei erheblicher Überdosierung zur Muskelzersetzung (Rhabdomyolyse) führen können. Diese schwere Nebenwirkung kann unter ungünstigen Umständen lebensgefährlich sein. Lipobay enthält den Wirkstoff Cerivastatin.

          „Public Citizen“ zufolge soll es durch Lipobay-Konkurrenzprodukte in den USA 52 Todesfälle gegeben haben. Die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA (Food and Drug Administration) habe diese Zahl allerdings nicht bestätigen wollen, heißt es in der Zeitung. Es gebe Hinweise auf 18 Todesfälle im Zusammenhang mit fünf Lipobay-Konkurrenten. Die Verbraucherschützer verlangten nun von der FDA, dass diese Arzneimittel nur mit einem gesonderten Warnschreiben ausgegeben werden dürfen.

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