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Linde-Chef : Reitzle am Drücker

  • -Aktualisiert am

Oberlippenbärtchen, Einstecktuch und Golf-Handicap 6: Wolfgang Reitzle Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Im Mai 2002 trat Wolfgang Reitzle als Linde-Vorstand an. Er kam mit klaren Vorstellungen und dem Ziel Vorstandsvorsitz. Gut drei Jahre nach dem Amtsantritt hat der Linde-Chef sein wesentliches Ziel erreicht.

          Noch rechtzeitig zur Bilanzpressekonferenz von Linde hat der Vorstandsvorsitzende Wolfgang Reitzle die Vereinbarung zur Übernahme des britischen Gase-Konkurrenten BOC zustande gebracht. Daß dies zugleich einen Tag vor seinem 57. Geburtstag geschah, ist Zufall. Wer behauptet, die persönliche Note sei ihm mindestens genauso wichtig gewesen für das Datum der Ankündigung, bleibt in dem alten Klischee des egozentrischen „Lebemanns“ Reitzle gefangen.

          Als Ehemann der ZDF-Moderatorin Nina Ruge schafft es Reitzle mit Oberlippenbärtchen und Einstecktuch, Golf-Handicap 6 und seiner beruflichen Vergangenheit in der funkelnden Automobilbranche immer wieder in die Boulevardpresse. Dabei ist der Linde-Chef zunächst einmal ein harter und konzentrierter Arbeiter. In dieser Manier trat er auch gestern, in der Stunde seines bisher größten Triumphs, vor die Medien. Die Einigung schließt einen Prozeß ab, den Reitzle erst zu Beginn dieses Jahres ernsthaft angegangen war. Die Aktie von Linde reagierte mit einem Kurssprung auf gut 70 Euro - und damit auf ein Niveau, das doppelt so hoch liegt wie zu Reitzles Amtsantritt im Januar 2003.

          Manager mit bäuerlichem Familienhintergrund

          Nicht nur die Aktie hat deutlich zugelegt. Reitzle hat inzwischen all jene überzeugt, die seinen Amtsantritt mit kritischen Bemerkungen begleitet hatten. Ein enttäuschter Automann, der bei Linde nach der glücklosen Etappe seines Vorgängers Gerhard Full mit seinem ersten Vorstandsvorsitz in einem Großunternehmen nur eine Zwischenstation gesucht hat, um sich für höhere Weihen in seiner angestammten Branche zu empfehlen: dies war der Tenor in den Kommentaren der meisten Beobachter.

          Denn der Manager mit bäuerlichem Familienhintergrund, der im bayerischen Neu-Ulm geboren wurde und im württembergischen Ulm aufwuchs, war nach Promotion als Ingenieur und Zweitstudium der Arbeits- und Wirtschaftswissenschaften in München im Januar 1976 zu BMW gegangen. Dort machte er zunächst Karriere, dort wurde er im Juli 1987 ordentliches Vorstandsmitglied für Forschung und Entwicklung.

          Er kam mit klaren Vorstellungen

          Knapp sechs Jahre später folgte allerdings der Knick. Reitzles unbestrittener Ehrgeiz trieb ihn nach Stuttgart, wo er sich als neuer Chef von Porsche ins Gespräch brachte. Allerdings geschah dies offenbar so dilettantisch, daß die Verhandlungen scheiterten und Reitzle danach Bernd Pischetsrieder unterlag, als es um die Nachfolge von Eberhard von Kuenheim an der Spitze von BMW ging. Dabei blieb es nicht. Reitzle stand dem - letztlich gescheiterten - Engagement des Automobilherstellers bei Rover in Großbritannien höchst kritisch gegenüber. Dennoch zog er den kürzeren, als Pischetsrieder im Februar 1999 (durch Joachim Milberg) ersetzt wurde.

          Kurz danach ging Reitzle zum Ford-Konzern. Aber auch dort fiel er als Chef der Luxuswagen-Sparte konzerninternen Winkelzügen zum Opfer. Anfang April 2002 wurde sein Ausscheiden bei Ford bekannt. Einen Monat später trat Reitzle als Linde-Vorstand an mit dem Ziel Vorstandsvorsitz. Er kam mit klaren Vorstellungen. Vertrauten skizzierte Reitzle schon kurz nach dem Amtsantritt sein Programm: Verkauf der Kältetechnik, Ausbau der Gasesparte mit dem Anlagenbau als integralem Bestandteil, Fortführung der Gabelstapler am langen Arm, sofern sie die hohen Renditeziele erfüllen, oder deren Verkauf.

          Hoffnung auf Großaktionäre

          All dies klingt leichter gesagt als getan. Reitzle mußte sich zuerst aus dem Griff des Linde-Urgesteins Hans Meinhardt befreien, der als langjähriger Vorstandsvorsitzender auch danach noch bei seinem Wunschkandidaten mit den überzeugenden Ingenieursqualitäten mitbestimmen wollte. Aber der Manager blieb am Drücker - und stieß die Kältetechnik ab, die Urzelle des Unternehmens. Dies geschah ausgerechnet in dem Jahr, als Linde 125 Jahre mit großem Bahnhof in München feierte.

          Jetzt hofft Reitzle, daß die Großaktionäre bei der Kapitalerhöhung mitziehen. Sie heißen Deutsche Bank, Commerzbank und Allianz und sind als Reminiszenz der alten Deutschland AG für ihn keineswegs von Übel. Auch sonst gibt sich der beredte Manager gerne als Querdenker. So kann er der französischen Industriepolitik durchaus Vorteile abgewinnen. Er selbst hat marktwirtschaftlich gehandelt: Zukaufen, um selbst nicht gekauft zu werden.

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