https://www.faz.net/-gqe-acnxf

„Wichtiger erster Schritt“ : Wirtschaftsforscherin begrüßt Lieferkettengesetz

  • Aktualisiert am

Mitarbeiterinnen einer Bekleidungsfabrik in Bangladesch sortieren Shorts. Wie sollen deutsche Unternehmen dortige mögliche Missstände kontrollieren? Bild: dpa

Für Unternehmen bringt das neue Gesetz viel Arbeit mit sich. Die Mannheimer Wirtschaftsforscherin Laura Marie Edinger-Schons erkennt die Probleme. Aber er sie weist auf die große Chance für das Gütesiegel „made in Germany“ hin.

          2 Min.

          Die Mannheimer Wirtschaftsforscherin Laura Marie Edinger-Schons sieht im neuen Lieferkettengesetz einen wichtigen Beitrag zur Einhaltung von Menschenrechten. Zwar sei das Gesetz in Deutschland weniger konsequent als in anderen Ländern, etwa in Frankreich. Mit der am Freitag im Bundestag beschlossenen Regelung komme man von einer freiwilligen Selbstregulierung der Unternehmen aber immerhin zur gesetzlichen Pflicht. „Es ist ein erster Schritt - und zwar ein wichtiger“, sagte die Forscherin der Deutschen Presse-Agentur.

          Das Gesetz soll dazu beitragen, dass Kinder- und Zwangsarbeit sowie Umweltzerstörung bei der Produktion eingedämmt werden können. „Über die konkrete Ausgestaltung des Gesetzes lässt sich immer noch viel streiten“, gab Edinger-Schons zu bedenken. So verpflichte das Gesetz Unternehmen zwar, die Einhaltung von Menschenrechten bei direkten Lieferanten zu prüfen. Das seien aber häufig Zwischenhändler.

          Kinderarbeit ist großes Problem

          „Problematisch ist hierbei, dass viele der schlimmsten Menschenrechtsverletzungen am Anfang der Lieferkette stattfinden, insbesondere beim Thema Kinderarbeit“, kritisierte die Mannheimer Professorin vom Lehrstuhl für nachhaltiges Wirtschaften. Gegen Verletzungen der Menschenrechte am Anfang der Lieferketten müssten Unternehmen nur dann vorgehen, wenn sie konkrete Hinweise darauf erhielten.

          Aus Sicht der Forscherin vernachlässigt das Gesetz auch ökologische Aspekte, die häufig mit sozialen untrennbar verknüpft seien. Um eine tiefgreifende Wirkung zu entfalten, bräuchte man ihr zufolge ein deutlich strengeres und umfassenderes Gesetz. Gegen die am Freitag beschlossene Regelung hatte es Widerstand von Wirtschaftsverbänden gegeben. So monierte der Arbeitgeberverband BDA, das Gesetz sei „überregulierend und überflüssig“.

          Wenn ein solches Gesetz bei Unternehmen zu einem hohen bürokratischen Aufwand führe, sei das bezeichnend, so die Mannheimer Wissenschaftlerin. Denn es zeige, wie viel in der globalisierten Wirtschaft im Argen liege und wie wenig Transparenz es mit Blick auf bestimmte Bereiche der Lieferketten gebe. „Gleichzeitig könnte man daraus ableiten, dass unser aktueller Lebensstil vielleicht nur dann möglich ist, wenn in anderen Teilen der Welt schwerste Menschenrechtsverletzungen verübt werden“, sagte die Forscherin, die sich unter anderem mit Aspekten der Wirtschaftsethik befasst.

          Chancen für die Wirtschaft

          Es gebe aber auch viele Unternehmen, die das Gesetz unterstützten. Aus Sicht von Edinger-Schons bietet es auch Chancen für die Wirtschaft. Unethische Praktiken und daraus resultierende Skandale schadeten nicht nur den verantwortlichen Unternehmen, sondern der ganzen Wirtschaft. Mit einem schärferen Blick auf Menschenrechte, Klimaschutz und Nachhaltigkeit könne das Label „Made in Germany“ aber erneut eine positive Wirkung entfalten, argumentiert die Forscherin.

          Das Gesetz gilt vom 1. Januar 2023 an, und zwar erst einmal für Unternehmen mit mehr als 3000 Mitarbeitern - von 2024 an dann auch für Unternehmen mit mehr als 1000. Laut Statistik gibt es in Deutschland rund 2890 Unternehmen mit 1000 oder mehr Beschäftigten. Kleinere mittelständische Unternehmen sind nicht betroffen./swo/DP/zb

          Weitere Themen

          Russland will wieder zurück nach oben

          FAZ Plus Artikel: Raumfahrt : Russland will wieder zurück nach oben

          Während die Amerikaner privat ins All reisen können, ist von der ruhmreichen russischen Raumfahrt nicht mehr viel übrig – auch hier bekommen sie Sanktionen zu spüren. Um wieder groß zu werden, braucht es Unterstützung vom Nachbarn China.

          Der Promi-Pleitier

          Alfons Schuhbeck : Der Promi-Pleitier

          Starkoch Alfons Schuhbeck muss für sein Imperium Insolvenz anmelden. Corona sei schuld. Doch es ist nicht der erste wirtschaftliche Fehltritt des Unternehmers.

          Topmeldungen

          Ein Airbus der Lufthansa landet im November 2020 auf dem Berliner Flughafen Tegel.

          Klimaschutz : Rettet die Inlandsflüge

          Ein Verbot von Inlandsflügen, wie es zuletzt in Frankreich beschlossen wurde, ist der falsche Weg zum Klimaschutz. Es gibt andere, bessere Möglichkeiten.
          Wichtiger Wert: Wie viele Covid-Kranke auf  Intensivstationen liegen.

          Kennwerte der Corona-Pandemie : Neue Zahl, neues Glück?

          Die Zahl der Neuinfektionen bestimmte in den vergangenen Monaten den Alltag. Damit soll nun Schluss sein. Doch die neuen Pläne der Regierung gehen Wissenschaftlern nicht weit genug – denn Entscheidendes wurde in Deutschland versäumt.
          Am 18. Juni in Teheran: Ebrahim Raissi winkt den Medien zu, nachdem er seine Stimme in einem Wahllokal abgegeben hat. Die Wahl gewann er.

          Irans neuer Präsident : Schlächter und Schneeflocke

          Nächste Woche tritt Ebrahim Raissi sein Amt als iranischer Präsident an. Mit ihm zerbricht der Mythos vom reformfähigen Regime. Weiß der Westen, mit wem er es zu tun bekommt? Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.