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Lieferengpass : Vitamine sind knapp und teuer

Massentierhaltung und Gesundheitswahn treiben die Nachfrage nach Vitaminen. Bild: vario images

Massentierhaltung und Gesundheitswahn treiben die Nachfrage. Doch Umweltauflagen in China und ein Brand in Ludwigshafen wirbeln den Markt durcheinander.

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          Ob Doppelherz, Vitasprint B12 oder Magnesium Verla – viele der Vitamin- und Nahrungsergänzungsmittel werden in der Hauptzeit direkt vor den abendlichen Nachrichtensendungen beworben. Magnesium für die müden Beine, Calcium für stärkere Knochen und Vitamine für das Immunsystem – Sportler, ältere Menschen oder auch schwangere Frauen bilden die große Zielgruppe für solche Präparate. Dabei ist der tatsächliche Bedarf an zusätzlicher Nahrungsergänzung umstritten. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat gerade neue Empfehlungen für Höchstmengen ausgegeben und dabei darauf verwiesen, dass ein relevanter Mangel in Deutschland tatsächlich nur bei Vitamin D festzustellen sei.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Mainz.

          Ilka Kopplin

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Aus ernährungsphysiologischer Sicht seien Nahrungsergänzungsmittel im Allgemeinen nicht notwendig. Das gilt nach Darstellung der Bundesbehörde umso mehr, weil Nahrungsergänzungsmittel eher von Menschen mit gesünderem Lebensstil und ohnehin ausgewogener Ernährung verwendet werden. Würden zusätzlich hoch dosierte Nahrungsergänzungsmittel oder angereicherte Lebensmittel eingenommen, steige das Risiko für unerwünschte gesundheitliche Effekte.

          Deutsche Kunden zahlten mehr als eine Milliarde Euro

          In Deutschland greifen dennoch nach Zahlen des BfR regelmäßig 25 bis 30 Prozent der Erwachsenen zu entsprechenden Pillen. Vier von fünf Menschen geben an, dass sie etwas für ihre Gesundheit tun wollen, wenn sie solche Mittel einnehmen, wie es in einer Studie der Verbraucherzentrale heißt. Rund 70 Prozent möchten ihr Allgemeinbefinden verbessern. Nach Daten des Analysehauses Iqvia wurden 2016 in Deutschland insgesamt 165 Millionen Packungen mit Nahrungsergänzungsmitteln verkauft, was 4,4 Prozent mehr waren als im Vorjahr. Das ließen sich die Kunden insgesamt 1,1 Milliarden Euro kosten. Der weit überwiegende Teil wird mit zwei Dritteln des Gesamtumsatzes, also knapp 740 Millionen Euro, in der Apotheke gekauft.

          Die Versprechen von Gesundheit, Wohlbefinden und verbesserter Leistungsfähigkeit verfangen nicht nur in Deutschland. Mit einer erwarteten Wachstumsrate von etwa 5 Prozent in den nächsten drei Jahren gilt der Vitaminmarkt auf der ganzen Welt als attraktiv. Dabei wandern zwischen 40 und 50 Prozent der Vitamine gar nicht in Nahrungsergänzungsmittel, sondern ins Tierfutter. Industrielle Massentierhaltung wäre ohne zusätzliches „Kraftfutter“ nicht möglich.

          Heute werden Vitamine zum größten Teil synthetisch hergestellt – Vitamin A beispielsweise aus Rohöl. Bis Ende der neunziger Jahre beherrschten amerikanische, europäische und japanische Produzenten den Markt. Dann wanderten große Teile der Produktion nach China. Vitamin C etwa – welches aufgrund der kleinteiligen Auswertung aus der obigen Liste der zehn führenden Präparate in Deutschland herausfällt – wird fast nur noch in China produziert. In der morgendlichen Brausetablette des „Allrounders“ unter den Vitaminpräparaten steckt mit großer Wahrscheinlichkeit Ascorbinsäure aus Chinas Pharma-Hauptstadt Shijazhuang. Vitamine haben ihren Status als Spezialität lange verloren, sie sind heute Massenware.

          Die Hersteller der Grundstoffe selbst lassen sich nicht in die Karten schauen; das Vitamin-Geschäft ist häufig Teil von Spezialchemiesparten. BASF etwa, einer der größten Vitamin-Hersteller der Welt, dürfte zwischen 500 Millionen und einer Milliarde Euro mit Vitaminen umsetzen. Die Konzerne achten penibel darauf, Mengen und Preise nicht zu veröffentlichen, um sich nicht wieder dem Vorwurf von abgestimmtem Handeln auszusetzen. Die Branche ist ein gebranntes Kind: Anfang der Jahrtausendwende wurde ein Vitaminkartell mit der damals horrend hohen Strafe von 850 Millionen Euro belegt. Die EU-Kommission sprach vom schwersten Fall von Kartellabsprachen überhaupt. Acht Konzerne wurden verurteilt, darunter Hoffmann-La Roche (heute Roche) und BASF. Der Markt hat sich nach diesem Einschnitt neu sortiert. Roche verkaufte das Vitamingeschäft an die niederländische DSM, die heute der größte Vitaminhersteller der Welt ist. Als größte Hersteller in Europa gelten neben DSM BASF, die schweizerische Lonza und die ehemals französische Adisseo, der größte Zulieferer für Tiernahrung, heute Teil des chinesischen Staatskonzerns Chem China.

          Wartezeiten von sechs bis zwölf Wochen

          Der kontinuierliche Nachfrageanstieg nach Vitaminen führte dazu, dass vor allem in China immer mehr neue Anbieter auf den Markt gekommen sind. Bald stellten sich die typischen Wellen des Schweinezyklus ein: Wenn die Preise für Vitamine hoch waren, wurde branchenweit investiert. Sobald die neuen Fabriken fertig waren, kam es zum drastischen Preisverfall – solange, bis die Nachfrage das Angebot wieder überschritt, und der Zyklus begann von vorne. Zur Zeit sind die Preise für viele Vitamine hoch, der für Vitamin C hat sich im vergangenen Jahr allein verdreifacht. Das liegt zum einen daran, dass die chinesische Regierung die Umweltauflagen für die heimische Produktion erhöhte, um der horrenden Luftverschmutzung in Shijazhuang Herr zu werden – daraufhin mussten Fabriken umgestellt, einige sogar geschlossen werden. Zum anderen liegt es daran, dass in vielen Vitamin-Teilmärkten nur wenige Anbieter das Geschäft bestimmen. So hat ein Brand bei der BASF im Oktober die gesamte europäische Futtermittelindustrie in Alarmbereitschaft versetzt.

          Im Ludwigshafener Stammwerk war es bei Reparaturarbeiten an einer Anlage zur Produktion des Vorprodukts Citral zum Brand gekommen, seither steht die Anlage still. Unter anderem für die Folgeprodukte Vitamin A und Vitamin E hat der Konzern deshalb höhere Gewalt geltend gemacht und sich so seiner Lieferverpflichtungen entledigt. Der Preis für Vitamin A hat sich nach unbestätigten Berichten aus der Branche zeitweise verzehnfacht, zum Teil war es kaum mehr zu bekommen. BASF ist nicht nur einer der größten Hersteller, der Konzern liefert das Vorprodukt Citral auch an andere Produzenten. Tierfutterhersteller, die ihre Lieferverträge mit der Landwirtschaft meist sechs Monate im Voraus mit festen Mengen und Preise abschließen, können nach Darstellung des Deutschen Verbands Tiernahrung höhere Gewalt allerdings nicht geltend machen. Sie müssten damit leben, dass Vitamin A – ein wichtiger Baustein in der Schweinemast – knapp und teuer ist. „Sie müssen finanzielle Einbußen hinnehmen, im Zweifel können sie in Rücksprache mit den Kunden die Zusammensetzung des Futters verändern“, sagt Verbandsgeschäftsführer Hermann-Josef Baaken.

          Der Ausnahmezustand könnte noch einige Zeit anhalten. BASF teilte vor wenigen Tagen mit, die Citral-Produktion werde frühestens Ende März wieder starten. Bis zur Lieferung der Vitamine, könnten weitere sechs bis zwölf Wochen vergehen.

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