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Lieferengpässe bei Arzneien : Deutschland fehlt Fiebersaft

In vielen Apotheken sind Fiebersäfte Mangelware. Manche Experten schätzen, das sei auch ein Verteilungsproblem. Bild: dpa

In den Apotheken ist derzeit manches Medikament kaum lieferbar – auch Fiebersaft für Kinder. So will Gesundheitsminister Karl Lauterbach jetzt gegensteuern.

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          Wenn wichtige Medikamente in der Apotheke fehlen, ist das in einem Land wie Deutschland ein Aufreger. Wenn wie derzeit Medikamente für Kinder fehlen, sind Eltern nicht nur aufgeregt, sondern regelrecht verzweifelt, wie Kinderärzte berichten. Zwar ist es nicht ganz neu, dass selbst einfache Arzneien wie Fiebersäfte angesichts einer Welle von Erkrankungen mit daraus resultierender hoher Nachfrage nur schwer verfügbar sind. Nun aber setzt der Trend die Berliner Politik gehörig unter Druck. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) will gegensteuern.

          Christian Geinitz
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin
          Johanna Kuroczik
          Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“.
          Thiemo Heeg
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Lieferengpässe treten in der Kinderversorgung aktuell gehäuft auf, da die Ansteckungswelle außergewöhnlich hoch ist, vor allem mit Atemwegserkrankungen. Der zeitweilige Mangel bestimmter Präparate, auch außerhalb der Pädiatrie, ist aber schon länger bekannt, so dass das Bundesgesundheitsministerium ohnehin Neuregelungen plant. Dieses Verfahren wird jetzt beschleunigt. Ressortchef Lauterbach kündigte am Donnerstag in Berlin an, in der kommenden Woche einen Gesetzentwurf vorzustellen, „wo es um die Überwindung der Lieferengpässe geht“. Details wollte er nicht nennen, es gehe unter anderem um Rabattverträge und die Lieferwege der knappen Medikamente an die Apotheken. Ausdrücklich stellte er klar, angesichts der angespannten Lage müsse es um „kurzfristige Maßnahmen“ gehen.

          „Mit der Ökonomisierung zu weit gegangen“

          Eine wichtige Rolle in diesem Zusammenhang spielt für Lauterbach das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Es berate derzeit Eltern und Ärzte hinsichtlich der Möglichkeit, statt der fehlenden Medikamente Ersatzprodukte einzusetzen. „Im Verbund mit dem BfArm und mit dem Gesetz, das wir nächste Woche bringen werden, werden wir die Lieferengpässe überwinden“, versicherte der Minister. Er stellte klar, dass auch einige Wirkstoffe für Erwachsene rar seien, etwa Krebsmittel und Antibiotika. Verantwortlich für die Knappheiten sei eine falsche Preispolitik. „Wir sind auch in diesem Bereich mit der Ökonomisierung zu weit gegangen“, so Lauterbach. „Hier hat der Preis die alleinige Rolle gespielt, die Verfügbarkeit der Arzneimittel hat eine zu geringe Rolle gespielt. Das wollen wir aufheben.“

          Das BfArM hat unterdessen bestritten, dass es bei paracetamol- und ibuprofenhaltigen Kinderarzneimitteln – Zäpfchen und Säften – zu einem „Lieferabriss“ gekommen sei: „Es werden kontinuierlich Arzneimittel in den Markt gebracht.“ Dennoch führe die aktuell erhöhte Atemwegsinfektionsrate bei Kindern zu einem Mehrbedarf dieser Produkte. „Dieser kann derzeit nicht im vollen Umfang kompensiert werden.“

          Die Nachfrage ist signifikant gestiegen

          Schon im Sommer habe ein großer Hersteller die Winterbevorratung abgesagt, woraufhin sich Apotheken stark eingedeckt und die Verfügbarkeit am Markt reduziert hätten. Die Behörde beobachtet eine „regionale Ungleichverteilung und Bevorratung mit den verfügbaren Beständen“, weshalb es nicht nur einen steigenden Bedarf, sondern auch eine „Verteilproblematik“ gebe. Um regionalen Unterversorgungen möglichst vorzubeugen, sollten keine Vorräte jenseits eines Wochenbedarfs angelegt werden. Wie es nun heißt, liegt der Mangel an Paracetamol vor allem an Streiks in Frankreich.

          Andreas Burkhardt, Deutschlandchef des Generikaherstellers Teva mit seiner bekannten Marke Ratiopharm, erläuterte im Gespräch mit der F.A.Z. die Gründe für die Mangellage. Die Nachfrage nach Fiebersäften hänge von der Erkältungssaison ab und sei 2021 sehr niedrig gewesen, aufgrund der Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie. „Daraufhin haben sich dieses Jahr anscheinend besonders viele Kinder erkältet, die Nachfrage ist signifikant angestiegen: Wir haben schon jetzt mehr als das Doppelte der Menge verkauft, die im Vorjahr nachgefragt wurde.“

          Ein Anbieter stieg aus der Produktion aus

          Erschwerend kam nach seinen Angaben hinzu, dass ein anderer wichtiger Hersteller von paracetamolhaltigen Fiebersäften, der etwa einen Marktanteil von 30 Prozent gehabt habe, ausgestiegen ist, weil die Produktion nicht mehr kostendeckend war. Es handelte sich um den Anbieter 1A Pharma, eine Tochtergesellschaft des Schweizer Pharmariesen Novartis. Man versuche nun, alle mit Fiebersäften zu versorgen. Aber die Produktionskapazitäten ließen sich nicht so schnell hochfahren. „Zudem dauert es im Durchschnitt sechs bis neun Monate, vom Einkauf der Grundstoffe bis zum fertigen Arzneimittel“, erläutert Burkhardt.

          Der Herstellerverband Pro Generika macht politische Regulierungen für die Mangellage verantwortlich. „Die aktuellen Engpässe sind Folge eines jahrelangen Drucks auf Preise und Herstellkosten bei Generika“, betont der Verband. Seit Jahren stemmten die Hersteller von Nachahmerpräparaten einen stetig wachsenden Anteil an der Versorgung – zu einem schrumpfenden Anteil der Kosten: „Für knapp 80 Prozent der Versorgung erhalten sie bloß noch 7 Prozent der Summe, die die gesetzlichen Krankenkassen für Arzneimittel ausgeben“, ärgert sich die Branchenlobbyvereinigung. Die Folge sei ein Rückgang der Herstellerzahl, „der dramatische Folgen haben kann“. Denn falle ein Hersteller aus, würden die wenigen Verbliebenen meist „im Nu leergekauft“. Sie könnten die ausgefallene Produktion nicht kompensieren. „Es braucht jetzt Anreize, damit wieder mehr Unternehmen einsteigen. Dafür müssen wir Schluss machen mit dem Kostendruck auf Generika — vor allem bei kritischen Arzneimitteln“, fordert Geschäftsführer Bork Bretthauer.

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