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Lieferboykott der Landwirte hält an : Milchbauern beklagen schwache Verhandlungsposition

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.-Greser&Lenz

Die deutschen Milchbauern wollen ihren Lieferboykott unvermindert fortsetzen, um höhere Preise zu erzwingen. An diesem Montag verhandeln sie mit dem Einzelhandel. Vor den großen Molkereien setzen sie ihre Proteste fort.

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          Die Milchbauern streiken vorerst weiter. In einem Spitzengespräch einigten sich der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM), der Bauernverband und die Milchindustrie am Sonntagabend lediglich, in einem gemeinsamen Gespräch den Lebensmittelhandel zu Preiserhöhungen „innerhalb kürzester Frist“ aufzufordern, wie der BDM mitteilte. Solange es keine Einigung zwischen Molkereien und Handel gebe, werde der Lieferboykott fortgesetzt, sagte der BDM-Vorsitzende Romuald Schaber im ZDF-Morgenmagazin.

          Der BDM hat die schwache Verhandlungsposition der Bauern in Deutschland kritisiert. Sie seien nicht gut aufgestellt und würden nicht als gleichwertige Partner im Markt behandelt, sagte Schaber. Zudem gebe es eine ungeheure Konzentration des Handels. „Dazwischen sind die Molkereien, die bisher nicht bereit waren, mit uns gemeinsam die Mengen, also das Angebot zu steuern, damit wir beim Handel wieder eine Position bekommen“, sagte er.

          Vor den Verhandlungen mit dem Lebensmitteleinzelhandel am heutigen Montag haben die Landwirte ihre Forderung nach einer Erhöhung der Milchpreise bekräftigt. „Der Handel muss uns entgegenkommen. Die Preissenkungen, die ich für unmoralisch halte, müssen zurückgenommen werden“, sagte Schaber weiter. In diesem Punkt würden die Landwirte mit der Milchindustrie an einem Strang ziehen.

          43 Cent plus x - auf dass man es weithin sehe
          43 Cent plus x - auf dass man es weithin sehe : Bild: ddp

          Als „absolutes Muss“ bezeichnete Schaber einen Milchpreis von 43 Cent für die Bauern. Derzeit sind es nach BDM-Angaben 27 bis 35 Cent. „Wir haben diesen Preis im Herbst errechnet. In der Zwischenzeit sind die Kosten schon wieder gestiegen. Das muss der Mindestpreis sein. Wettbewerb kann oberhalb dieser Spanne stattfinden, aber nicht mehr darunter.“ Schaber rief Bundesagrarminister Horst Seehofer (CSU) und die Agrarminister der Länder auf, sich in den Streit einzuschalten. „Die Politik hat hier schon eine Verantwortung. Milchproduktion ist eine gesellschaftliche Frage.“

          Die deutschen Molkereien bereiten die Verbraucher auf steigende Preise für Milch und Milcherzeugnisse vor. Wegen des Lieferstreiks vieler Milchbauern und der Blockade von Molkereien durch protestierende Landwirte rechnet der Milchindustrieverband (MIV) schon in den kommenden Tagen mit Versorgungsengpässen. „Der Markt ist wie leergefegt“, sagte MIV-Geschäftsführer Eckhard Heuser der F.A.Z. Auch im Ausland sei keine Milch mehr zu bekommen.

          „Dann müssten die Preise um fast ein Drittel steigen“

          Der vom BDM seit einer Woche organisierte Lieferstreik stößt auf eine unerwartet große Resonanz unter den Landwirten, wie Vertreter der Landwirtschaft und der Milchindustrie übereinstimmend berichten. Bestärkt sehen sich die Bauern durch Landwirtschaftsminister Seehofer, der ihre Preisforderungen unterstützt.

          Die Molkereien sehen für Preiserhöhungen keinen Spielraum, solange der Einzelhandel diese nicht an die Verbraucher weitergibt. „Die Lage ist schwierig, nicht nur für die Molkereien, sondern auch für die Verbraucher. Wenn sich der BDM durchsetzt, müssten die Milchpreise im Einzelhandel um fast ein Drittel steigen“, sagte Heuser.

          Der Handel will keine neuen Verträge

          Hubertus Pellengahr, der Sprecher des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE), lehnte die Neuverhandlung der erst im Frühjahr vereinbarten Verträge ab. „Es geht hier um eine Auseinandersetzung zwischen Bauern und Molkereien. Deren Auszahlungspreise sind nicht Sache des Handels“, sagte der Sprecher. Die Ursache des Preisrückgangs sei allein das Überangebot, und dafür seien Politik und Landwirtschaft verantwortlich, nicht der Handel. Ernsthafte Lieferengpässe seien nicht zu erkennen, betonte Pellengahr.

          Offensichtlich setzt der Handel darauf, dass die Landwirte ihren Lieferstopp nicht mehr lange durchhalten können. Der BDM rechnete seinen Mitgliedern dagegen vor, dass sich trotz der vorübergehenden Umsatzverluste selbst ein längerer Boykott schnell auszahlen könnte.

          Bauernproteste halten an

          Rund 200 Milchbauern haben auch am Montagmorgen noch die Zufahrt zur Sachsenmilch-Molkerei in Leppersdorf (Kreis Kamenz) blockiert. Sie hatten die Blockade auch während der gesamten Nacht aufrecht erhalten. Aufgebrachte Landwirte haben auch in Baden-Württemberg mehrere Molkereien blockiert. Betroffen von den Aktionen waren nach Angaben der Polizei in Freiburg Betriebe der Omira Oberland-Milchverwertung GmbH in Rottweil und Ravensburg sowie ein Betrieb der Allgäuland-Käserei in Riedlingen (Kreis Biberach). Die Demonstranten verstellten mit ihren Traktoren die Zufahrtswege zu den Werken. Für die Milch-Tankwagen gab es daher keine Möglichkeit, die Molkereien zu erreichen.

          Wütende Landwirte verstellten mit Traktoren die Zufahrt der beiden rheinland-pfälzischen Großmolkereien Hochwald in Thalfang und Milch-Union Hocheifel in Pronsfeld. „Es kann im Moment keine Milch mehr rein und keine Milch mehr raus“, sagte der Landesvorsitzende des BDM, Oliver Grommes, am Montag. Auch bundesweit seien „alle zur Zeit produzierenden Molkereien dicht“.

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