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Strampeln für zwei Kaffee

Von GUSTAV THEILE
Foto: Jens Gyarmaty

27. November 2020 · Lockdown ist Lieferando-Zeit. Aber wie geht es eigentlich einer Fahrerin, die durch die Stadt jagt, um Essen auszuliefern? Wir sind mitgefahren.

Langsam wird es dunkel. Ihr Fahrrad ruckelt über das Kopfsteinpflaster. Das Essen in ihrem orangefarbenen Rucksack wird durchgeschüttelt. Ein strahlender Tag in diesem Lockdown-November geht zu Ende, das erste Drittel ihrer Zehn-Stunden-Schicht hat die Lieferando-Fahrerin geschafft. Da fängt sie wieder an zu pfeifen. „Um mich selbst zu motivieren irgendwie“, sagt sie. Wie das Lied heißt, hat sie gerade vergessen. Nach der Tour schickt sie eine Nachricht: „Strangers in the night“, Frank Sinatra, 1966.

Eine Fremde in der Nacht, das ist auch sie. Sie will Vera Veganova heißen in diesem Text, weil sie unsicher ist, ob Lieferando einverstanden wäre, dass sie mit der Presse spricht. Weil sie Veganerin ist, und wahrscheinlich auch, weil es um Essen geht und sie das Allermeiste, das sie ausliefert, niemals essen würde. Veganova ist Anfang fünfzig. Sie kommt ursprünglich aus Osteuropa, hat Medizin studiert, erzählt sie. Dann im Ausland als Krankenschwester gearbeitet, vor Jahren eine Immobilienfirma gehabt. Seit der Trennung von ihrem Mann ist ihr wenig geblieben. Im November 2018 hat sie angefangen, Essen auszufahren, sagt sie. Erst für Foodora, jetzt für Lieferando. Auf ihrem Rucksack steht „Euro 2020“ und „stolzer Partner“. Die Rucksäcke auszutauschen, hielt nach der Absage der Fußball-Europameisterschaft offenbar niemand für nötig. 44 Stunden wird sie nächste Woche fahren, sagt sie. Sechs Tage die Woche für 1200 Euro netto. „Ich wohne bei den Obdachlosen“, sagt sie, mehr ist nicht rauszubekommen. In den ersten vier Stunden bis zur Pause schafft Veganova neun Aufträge, 28 Kilometer hat sie zurückgelegt.

Schichtbeginn in Frankfurt
Schichtbeginn in Frankfurt Foto: Gustav Theile
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