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Schanghai : Schaut auf diese Stadt

„Home cooking“ als Trend

Schon zu seinen ersten „goldenen Zeiten“ in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts habe Schanghai seine überragende Stellung als Ort von Moderne und Fortschritt einer in China einzigartigen Mittelklasse zu verdanken gehabt, schreibt die kalifornische Historikerin Wen-hsin Ye in ihrem Werk „Schanghais Glamour“. Wir suchen das Bürgertum der Gegenwart in der Huanshan Lu, beste Schanghaier Adresse. Vor hundert Jahren gehörte die halbe Straße einer einzigen chinesischen Familie. Frau Yuan, Besitzerin dreier Kunstgalerien, bittet in den zwölften Stock.

„Home cooking“ heißt der neueste Trend, bei dem Schanghaier im Internet anbieten, Wildfremde in den eigenen vier Wänden zu verköstigen. Gekommen sind ein Unternehmensberater, zwei Wirtschaftsprüferinnen und ein Anwalt. Es gibt haarige Krabben, eine Spezialität. Die Gastgeberin, so viel wird im Laufe des Abends klar, will nicht nur für ihre Kochkünste werben: seit 15 Jahren führt ihre Wohltätigkeitsorganisation Mädchen aus armen Migrantenfamilien durch die Schulzeit bis zum Erwerb der Berechtigung zum Studium. Eine Zivilgesellschaft ist in China eigentlich weder existent noch behördlich erwünscht. Die gesetzliche Registrierung eines gemeinnützigen Vereins kostet schikanöse 4000 Euro. „Also haben wir ihn nicht angemeldet“, sagt die Gastgeberin.

Nirgendwo sonst auf der Welt hat der Fortschritt so viel Kraft wie in Schanghai.
Nirgendwo sonst auf der Welt hat der Fortschritt so viel Kraft wie in Schanghai. : Bild: Reuters

Der Blick in Schanghais Bourgeoise ist faszinierend, bitte mehr davon. An einem strahlenden Sonntagnachmittag bittet der Bürger Lang in sein schönes Heim, ein drei Stockwerke hohes Stadthaus. Wo man hinsieht: Rosenholz. Ein Tisch der „Acht Unsterblichen“, Armsessel mit gerundetem Rücken neben Bonsai-Bäumen und kunstvollen Schnitzereien. So sah es in China vor einhundert Jahren aus. Damals gehörte auch das Nebenhaus den Langs. Doch in Maos Kulturrevolution wurde ihnen alles genommen. Den Stuhl, der dem Gast angeboten wird, konnten die Langs nur unter hohem Risiko vor den Todesschwadronen der „Roten Garden“ verstecken, es handelte sich um die Mitgift der Großmutter. Die saß dann trotzdem bis in die achtziger Jahre als Klassenfeindin im Gefängnis. Herr Lang serviert Pu-Erh-Tee, in 4000 Metern Höhe in Yunnan gepflückt. Das Zeremoniell folgt jahrhundertealten Regeln: Die Teeblätter kommen in die Kanne, dann in kleine Tassen. Vor der zweiten Runde werden sie gewaschen. Wichtig ist, nicht bis zum Rand einzuschenken, denn das würde bedeuten, die Gäste sollten gehen. Es gibt Mondkuchen dazu.

Wir sind zu Gast bei Sitte und Anstand. Bei Schanghais Kaufmannstum, das auch Hamburg und London entsprungen sein könnte. Früher hat Lang als Ingenieur für Volkswagen gearbeitet, doch sobald er konnte, machte er sich selbständig. Heute handelt er mit Antiquitäten. Die Familie konnte eine der geraubten Immobilien zurückkaufen, die andere ist verloren. Hat Mao das blühende Schanghai mitsamt dem Rest des Landes in die kulturelle Wüste geführt, wie es in einer neuen Biographie des früheren Staatschefs heißt? „Das sind nur Worte“, lächelt Herr Lang. „Die Wirklichkeit war hundertmal schlimmer.“ Es gibt in China vielerorts den Glauben an den starken Staat. Lang teilt ihn nicht. Wir verabschieden uns und fahren heim. Ausruhen, bevor wir wieder eintauchen in diese Stadt. Viel Zeit ist dafür nicht. In der Mitte der Nacht beginnt in Schanghai schon ein neuer Tag.

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