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Libor-Skandal : Bafin erhebt Vorwürfe gegen weitere Deutsche-Bank-Manager

  • Aktualisiert am

In der Kritik: Vorstand Stephan Leithner Bild: Frank Röth

Der Libor-Skandal um manipulierte Zinssätze hält die Deutsche Bank auch nach dem Abschied von Co-Chef Anshu Jain und Milliarden-Strafen weiter in Atem. Die Bafin erhebt Vorwürfe gegen mehrere noch amtierende Vorstände.

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          Vier amtierende Vorstände und zwei weitere Top-Manager der Deutschen Bank sehen sich mit schweren Vorwürfen der Finanzaufsichtsbehörde Bafin konfrontiert. Sie seien ihren Kontrollpflichten nicht ausreichend nachgekommen und hätten Aufsehern bei der Aufarbeitung der Affäre unvollständig und zum Teil unzutreffend informiert, heißt es im bereits im Mai fertiggestellten Untersuchungsbericht der Behörde, den das „Wall Street Journal“ in der Nacht zu Freitag nun im Internet veröffentlichte.

          Zu möglichen Konsequenzen des Berichts hielt sich die Bank bedeckt. „Es wäre unangemessen, zum jetzigen Zeitpunkt Schlussfolgerungen hinsichtlich des Verhaltens der Bank oder einzelner Personen zu ziehen“, hieß es in einer Stellungnahme. „Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund, dass ihre detaillierten Antworten aus Respekt vor dem aufsichtsrechtlichen Procedere in nicht-öffentlicher Form erfolgen.“ Der Bericht enthalte zudem Aussagen, die aus dem Zusammenhang gerissen seien.

          Die Bafin äußerte sich nicht dazu. Weitere aufsichtsrechtliche Folgen sind nach früheren Angaben der Behörde nicht ausgeschlossen. Das entscheidet sich nach Auswertung der inzwischen bei der Behörde eingegangenen Stellungnahme der Bank. Als eines ihrer schärfsten Schwerter kann die Bafin Bankvorstände abberufen. Wie bereits bekannt war, belastete die Behörde in ihrem Bericht den bisherigen Co-Chef Jain schwer. Zu Monatsbeginn nahm er seinen Hut. Er wurde von John Cryan Jain ersetzt, der bis zur Hauptversammlung im Mai 2016 die Bank zusammen mit Jürgen Fitschen führen und danach allein leiten soll. Nach früheren Angaben der Bank haben die im Juni bekannt gebenen Personalien nichts mit den Libor-Ermittlungen zu tun.

          Heftige Kritik übt die Bafin in dem nun vollständig öffentlich gewordenen Bericht an dem im Vorstand unter anderem für regelkonformes Verhalten (Compliance) zuständigen Stephan Leithner. So soll die Bank intern schon 2008 nach einem entsprechenden Pressebericht über die Manipulationsanfälligkeit des Libor-Zinssatzes gesprochen haben. Fünf Jahre später mahnte Leithner auf dem Höhepunkt der Libor-Ermittlungen in einer Mail, nichts über die einstigen Diskussionen gegenüber der Presse zu erwähnen, „da ansonsten die Frage aufkommt, warum niemand bei der Deutschen Bank damals reagiert hat“.

          Vorstand Henry Ritchotte
          Vorstand Henry Ritchotte : Bild: Wolfgang Eilmes

          Angezählt wird auch der für die IT der Bank zuständige Vorstand Henry Ritchotte. Ihm wirft die Bafin vor, dass die Systeme des Instituts Fehlverhalten erst ermöglicht hätten. Laut „WSJ“ verteidigt sich der Manager damit, dass er seit seinem Amtsantritt an einer Verbesserung arbeite. Dem früheren Finanzvorstand Stefan Krause werfen die Aufseher vor, in den von ihm geleiteten Untersuchungen nicht genau hingeschaut zu haben. Er ist derzeit im Vorstand für das globale Transaktionsgeschäft, die Abwicklungseinheit und die Tochter Postbank zuständig.

          Auch Chefjustitiar Richard Walker und Risikovorstand Stuart Lewis attackiert die Bafin. Sie sollen die Informationsgesuche von amerikanischen Ermittlern nicht ernst genug genommen haben. Zudem sollen sie bei der Bafin irreführende Angaben gemacht haben. Die mangelnde Kooperation hatten die britische und amerikanische Behörden im Frühjahr als einen wichtigen Grund angegeben, weshalb sie die Deutsche Bank zu einer Rekordstrafe von 2,5 Milliarden Dollar verdonnerten.

          „Schwerwiegende“ Versäumnisse bescheinigt die Bafin dem Vermögensverwaltungschef Michele Faissola. Der frühere Investmentbanker und Jain-Vertraute soll ebenfalls Informationen zurückgehalten haben und trotz trotz früher Hinweise auf Manipulationen, das Prozedere bei der Feststellung des Libor nicht geändert haben.

          Die Deutsche Bank betonte, dass sie zahlreiche der in dem Bafin-Bericht geäußerten Bedenken wegen mangelnde Kontrollen inzwischen behoben habe und an weiteren Verbesserung arbeite. Grundsätzlich sehe sich das Institut aber weiter in seiner Einschätzung bestätigt, wonach kein heutiges oder früheres Mitglied des Vorstands oder des erweiterten Vorstands Mitarbeiter angewiesen haben, die Zinssätze zu manipulieren. Zudem habe kein Top-Manager von den Verfehlungen vor Juni 2011 Kenntnis gehabt.

          Vor der Strafe in den Vereinigten Staaten und Großbritannien war die Bank bereits von der EU-Kommission wegen der verbotenen Absprachen beim Interbankenzinssatz zu 725 Millionen Euro-Buße verdonnert worden. Der Libor-Satz gibt an, zu welchem Zins sich Banken gegenseitig Geld leihen. Daran sind Finanzprodukte in Billionenhöhe gekoppelt. Festgelegt wurden die Kurse aber lediglich von einigen wenigen Banken fast ohne öffentliche Kontrolle. Das nutzten zahlreiche Händler, die Zinssätze zugunsten eigener Geschäfte zu manipulieren.

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