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Liberalismus : Verführung von rechts

Friedrich A. von Hayek (1899 bis 1992), Ökonom und Philosoph Bild: Wolfgang Eilmes

Liberale streiten wie die Kesselflicker: Wie reaktionär darf man sein, ohne die Freiheit zu verraten? Jedenfalls sind es Debatten, um sich ordentlich zu verletzen.

          Es war im Sommer 1960. Die deutschen Neoliberalen waren in heller Aufregung. In der „Mont Pèlerin Gesellschaft“, dem exklusiven Hort des akademischen Liberalismus, brodelte es. Eine wahre Schlammschlacht spielte sich ab im vornehmen Männerzirkel. Am Ende fühlte sich sogar Wirtschaftsminister Ludwig Erhard genötigt einzugreifen. Erhard, von Haus aus Wirtschaftsprofessor, war selbst Mitglied im Kreis der Neoliberalen: „Der Sache des Liberalismus würde gewiss ein ernster Schaden zugefügt, wenn die Gesellschaft der Gefahr einer Spaltung ausgesetzt würde; dies umso mehr, als es ausgerechnet auf deutschem Boden und in unmittelbarer Nähe des Eisernen Vorhangs geschähe“, ließ Erhard seinen Staatssekretär Alfred Müller-Armack ausrichten. Der offene Ausbruch von Streitigkeiten sei unter allen Umständen zu vermeiden.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Es nützte nichts. Die Mont-Pèleristen stritten wie die Kesselflicker, und am Ende stand die Sezession einer Gruppe von enttäuscht Unterlegenen. Um ein Haar hätte der Konflikt die Mont Pèlerin Gesellschaft gänzlich zerstört.

          Um zu verstehen, worum der Machtkampf sich drehte, muss man ein wenig ausholen (nachzulesen in dem vorzüglichen Band „Wandlungen des Neoliberalismus“ über die Geschichte der Mont Pèlerin Society von meinem Kollegen Philip Plickert). Benannt nach einem kleinen Berg am Genfer See, dem Mont Pèlerin, trafen sich seit den Ostertagen 1947 hochkarätige Intellektuelle zum Gedankenaustausch: Die ökonomische und politische Katastrophe seit Beginn des Ersten Weltkriegs sollte durch die Wiederbelebung einer liberalen Weltordnung überwunden werden, die freilich nicht einfach eine Kopie des großen liberalen 19. Jahrhunderts sein konnte.

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          Deshalb nannte man sich, in Absetzung vom klassischen Liberalismus, „neoliberal“. Unter diesen neoliberalen Denkern waren Wilhelm Röpke und Walter Eucken, Köpfe der Freiburger Schule der Sozialen Marktwirtschaft, emigrierte Mitglieder der Wiener Schule um Ludwig von Mises, aber auch der junge Ökonom Milton Friedman von der Universität Chicago. Schulbildend waren der österreichische, in London lebende Philosoph Karl Popper und der Sozialphilosoph Friedrich August von Hayek, ebenfalls ein Österreicher, der in London und Chicago lehrte.

          Zwischen klassischem und konservativem Liberalismus

          Zum erbitterten Streit des Jahres 1960 führte eine Auseinandersetzung zwischen Hayek und seinem Rivalen Röpke: Während Hayek für den angelsächsischen, am klassischen Liberalismus orientierten Neoliberalismus stand, der den Markt und den Wettbewerb nicht nur als faires und effizientes, sondern auch als gerechtes und humanes Verfahren zur Herstellung von Wohlstand und Wahrheit ansieht, vertrat Röpke die deutsche Tradition eines konservativen Liberalismus, welcher die gesellschaftliche Ordnung („Ordo“) nicht zuletzt durch einen starken Staat als Garanten von Markt und Wettbewerb in Anspruch nahm. „Ökonomisten“ standen „Soziologisten“ gegenüber: Während die einen meinten, die Gesellschaft allein aus der Analyse von Tauschbeziehungen begründen zu können, war es für die anderen dringend erforderlich, das soziale Umfeld in den Blick zu nehmen, in welchem Märkte sich entwickeln (oder nicht entwickeln).

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