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Lettland : Sturm auf Geldautomaten

Die Kunden der Swedbank hoben innerhalb von 24 Stunden rund 20 Millionen Lat ab - umgerechnet rund 30 Millionen Euro: achtmal so viel wie sonst Bild: AFP

In Lettland haben die Menschen aus Angst vor einer Bankenpleite die Geldautomaten der schwedischen Großbank Swedbank leergeräumt. Dabei hat die Bank erst vor wenigen Tagen den Stresstest der Bankenaufsicht ohne Fehl und Tadel bestanden.

          Was ist das versammelte Fachwissen der europäischen Bankenaufsicht schon gegen ein Gerücht auf Twitter und Facebook? Flüchtige Zeilen und anonyme Kommentare in verschiedenen sozialen Netzwerken haben am Wochenende einen Run auf die Geldautomaten der schwedischen Großbank Swedbank in Lettland ausgelöst – und das mangelnde Vertrauen der lettischen Bevölkerung in die Kontrollorgane des Finanzsystems grell ausgeleuchtet.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dabei hatte die Swedbank erst wenige Tage zuvor den Stresstest der Bankenaufsicht EBA ohne Fehl und Tadel bestanden. Die Bank, heißt es in dem von Zahlen und Kalkulationen strotzenden Bericht aus London, benötige selbst im schlimmsten angenommenen Krisenszenario kein zusätzliches Kapital – ganz anders als etwa die deutschen Großbanken Commerzbank, Deutsche Bank und Nord LB. So gut es demnach im Großen und Ganzen um die Liquidität der Swedbank bestellt sein mag, im Detail war in der Nacht zum Sonntag jeder zweite der rund 300 Geldautomaten des Instituts in Lettland leer. In Lettland, versucht ein Sprecher der Swedbank nun die Ereignisse der vergangenen Tage zu erklären, hätten die Behörden schon zu oft erklärt, alles im Griff zu haben – nur um kurz darauf ein Desaster einräumen zu müssen. So war es vor drei Jahren, als das größte einheimische Kreditinstitut Parex-Bank entgegen anderslautender Ankündigungen doch verstaatlicht wurde und so zum Symbol der Wirtschaftskrise wurde, die mit einer Rezession von 18 Prozent in Lettland so heftig ausfiel wie in keinem anderen europäischen Staat; so war es auch vor gut drei Wochen, als die deutlich kleinere Krajbanka des russischen Oligarchen Vladimir Antonov zusammenbrach.

          Die Swedbank allerdings genoss das Vertrauen der lettischen Sparer bislang in besonderem Maße. Das Baltikum definiert sie wie ihre skandinavischen Wettbewerber SEB und Nordea schon lange als Heimatmarkt; sie hatten nach der Auflösung der Sowjetunion ihre Fühler zur anderen Seite der Ostsee ausgestreckt und teilen sich den Markt mehr oder minder untereinander auf. Mit einem Anteil von 24 Prozent liegt die Swedbank nach eigenen Angaben in Lettland vorn, kein anderes Institut hat zwischen Ventspils, Riga und Aluksne mehr Privatkunden.

          Am Freitag jedoch tauchten im Internet die ersten beunruhigenden Meldungen auf und drehten wie eine Spirale immer weitere Kreise: Die Bank sei in Schwierigkeiten geraten; sie wolle sich aus dem Baltikum zurückziehen; für Estland sei dies schon beschlossene Sache, hieß es dort. Und weiter: In Schweden würden den Sparern ihre Einlagen nicht mehr ausgezahlt. In Lettland sei das gesamte Management festgenommen worden. Daraufhin wurden nach Auskunft der Bank innerhalb von 24 Stunden rund 20 Millionen Lat abgehoben. Das sind umgerechnet rund 30 Millionen Euro, achtmal so viel wie an einem gewöhnlichen Sonntag – und zu viel für die Bargeldbestände in den Automaten. Die Behauptungen, die im Internet die Runde gemacht hatten, seien absurd, versichern nun die Swedbank und die lettische Bankenaufsicht. Nach den Verfassern der Tweets und Threads fahndet die Polizei. Denn Gerüchte zu verbreiten, die das Vertrauen der Bevölkerung in das Finanzsystem untergraben, ist in Lettland seit Neuestem per Gesetz verboten.

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