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Leitzins soll lange niedrig bleiben : Bernanke signalisiert Ausstieg aus Anleihekäufen

Ben Bernanke Bild: REUTERS

Der Vorsitzende der amerikanischen Notenbank, Ben Bernanke, sieht ein mögliches Ende der milliardenschweren Anleihekäufe der Fed zur Jahresmitte 2014. Zugleich bekräftigte er, dass eine erste Erhöhung des Leitzinses in weiter Ferne liege.

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          Die amerikanische Notenbank Federal Reserve hat ein mögliches Ende der quantitativen Lockerung im kommenden Jahr skizziert, hält sich aber weiter alle Optionen offen. Der Fed-Vorsitzende Ben Bernanke sagte in Washington vor Journalisten, die Notenbank könnte in diesem Jahr beginnen, die Anleihekäufe zu verringern. Der Ausstieg aus der quantitativen Lockerung dürfte sich nach seiner Darstellung bis ins kommende Jahr hinziehen. Ungefähr zur Jahresmitte dürfte das Programm dann enden. Bernanke knüpfte dieses Szenario ausdrücklich daran, dass die Wirtschaft sich in etwa gemäß den Erwartungen der Fed entwickeln werde.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Dabei sieht der Offenmarktausschuss die Aussichten positiver als noch im März. Die Bedingungen am Arbeitsmarkt hätten sich in den vergangenen Monaten weiter verbessert, heißt es in der Erklärung des Offenmarktausschusses. „Die Abwärtsrisiken für den wirtschaftlichen Ausblick und den Arbeitsmarkt haben sich seit dem Herbst verringert.“ Im Herbst hatte die Fed die dritte Runde der quantitativen Lockerung begonnen, in der sie derzeit für 85 Milliarden Dollar im Monat Staatsanleihen und Hypothekenpapiere kauft. Die Arbeitslosenquote lag zuletzt bei 7,6 Prozent, einen halben Prozentpunkt niedriger als zu Beginn der quantitativen Lockerung. Der Offenmarktausschuss erwartet in diesem Jahr ein Wachstum von 2,3 bis 2,6 Prozent, marginal weniger als noch im März. Für 2014 und 2015 prognostiziert die Notenbank aber ein Wachstum von 3,25 Prozent im Mittel der Prognosen der Ausschussmitglieder.

          An der Wall Street weiteten die Verluste an den Aktienmärkten sich während der Pressekonferenz Bernankes aus. Der S&P-500-Index verlor 1,4 Prozent auf 1628 Punkte. Die Rendite auf Staatsanleihen mit 10 Jahren Laufzeit stieg auf 2,34 Prozent. Anfang Mai hatte sie noch etwa 1,6 Prozent betragen. Der Dollar gewann gegenüber dem Euro an Wert. Der Euro kostete am späten Abend knapp unter 1,33 Dollar, nachdem er vor der Fed-Erklärung noch mehr als 13,4 Dollar gekostet hatte.

          Zinserhöhung in weiter Ferne

          Bernanke betonte, dass ein Ende der Anleihekäufe nicht automatisch den Weg für Zinserhöhungen öffne. 13 der 19 Mitglieder des Offenmarktausschusses erwarten eine erste Zinserhöhung im Jahr 2015, einer der Geldpolitiker sogar erst im Jahr 2016. Seit Dezember 2008 hält die Notenbank den Leitzins bei nahe Null Prozent. Die Fed hat das Ende der Nullzinspolitik weiter daran geknüpft, dass die Arbeitslosenquote auf 6,5 Prozent fallen werde. Das dürfte nach der Prognose der FOMC-Mitglieder 2015 der Fall sein. Bernanke unterstrich auch hier, dass das Erreichen der Marke von 6,5 Prozent nicht automatisch Zinserhöhungen auslösen werde.

          Bild: FAZ.NET

          Die Fed beobachte die zuletzt sehr niedrige Inflationsrate und den Fall der Inflationserwartungen sehr aufmerksam, erklärte Bernanke. Er sprach von Sondereinflüssen. Die Notenbank erwartet für das kommende Jahr aber eine Inflationsrate von etwa 1,7 Prozent. James Bullard, der regionale Fed-Präsident von St. Louis, stimmte der Fed-Erklärung nicht zu, weil sie ihm zu wenig Aufmerksamkeit auf die niedrige Inflation legte. Esther George, Fed-Präsidentin von Kansas, votierte dagegen, weil sie fürchte, dass die andauernde geldpolitische Expansion künftige Inflationsrisiken mit sich bringe. Das von der Fed bevorzugte Inflationsmaß, die Kernrate des Anstiegs der Preisindex für die persönlichen Ausgaben, lag im April bei nur noch 1,1 Prozent.

          Fed plant keinen Verkauf der Hypothekenanleihen

          Die Fed sieht eine Verlangsamung oder ein Ende der Anleihekäufe nicht als Ende der expansiven  Geldpolitik. Bernanke zog einen Vergleich mit dem Autofahren. Es gehe darum, weniger stark auf das Gaspedal zu treten, nicht aber darum, auf die Bremse zu treten. Er stützt sich dabei auf die Theorie, dass für die geldpolitische Lockerung nicht das Ausmaß der neuen Ankäufe von Anleihen, sondern der Bestand der Anleihen in der Fed-Bilanz entscheidend sei. Dieser Bestand bestimmt danach darüber, wie sehr die Fed das Angebot an Staatsanleihen und Hypothekenpapieren am Markt verknappe, damit die langfristigen Zinsen senke und Anleger in andere Anlageformen wie etwa Aktien treibe.

          Von einen Ende der quantitativen Lockerung ist in diesem Sinne erst zu reden, wenn die Fed auf lange Sicht ihre Bilanz wieder auf Normalmaß schrumpft. Der Offenmarktausschuss erarbeitet dazu derzeit die Ausstiegsstrategie. In einer langfristig wichtigen Festlegung erklärte Bernanke dazu, dass eine Mehrheit der Ausschussmitglieder die im Zuge der quantitativen Lockerung erworbenen Hypothekenanleihen später nicht verkaufen wolle. Die Fed würde diese Anleihen damit bis zur Fristigkeit halten und so einen graduellen Ausstieg aus der quantitativen Lockerung gewährleisten.

          Bernanke schweigt über seine persönliche Zukunft

          Bernanke, dessen Vertrag als Fed-Vorsitzender im Januar 2014 endet, lehnte jeden Kommentar über seine persönliche Zukunft ab. Er wolle die Aufmerksamkeit nicht von der Geldpolitik ablenken und habe nichts mitzuteilen, sagte er. Präsident Barack Obama hatte Anfang der Woche signalisiert, dass er wohl einen neuen Fed-Vorsitzenden berufen will. Bernanke sei schon länger geblieben als er wollte oder als er sollte, hatte Obama gesagt.

          Ökonomen kritisierten diese Bemerkung deutlich. „Ich glaube nicht, dass das eine sehr nette Geste seitens des Präsidenten war“, sagte Harvard-Ökonom Martin Feldstein. Der Präsident habe Bernanke mehr oder weniger bedeutet, dass seine Zeit abgelaufen sei. Feldstein vermutet, dass Bernanke nun auf jeden Fall vor seinem „sehr wahrscheinlichen“ Abgang im  Januar 2014 den Einstieg aus dem Ausstieg der quantitativen Lockerung beginnen wolle. Der frühere Fed-Gouverneur Laurence Meyer sagte, Obama habe Bernanke faktisch gefeuert. Unter Finanzmarktanalysten gilt als wahrscheinlichste Nachfolgerin Bernankes Janet Yellen, seine Stellvertreterin.

          Die quantitative Lockerung der amerikanischen Notenbank seit der Krise

          Die amerikanische Notenbank hat in Reaktion auf die Finanzkrise 2008 nicht nur ihren Leitzins auf ein historisches Tief nahe null Prozent reduziert. Sie intervenierte zudem ab Spätherbst 2008 in mehreren Runden an den Märkten für amerikanische Staatsanleihen und hypothekenbesicherte Wertpapiere (MBS). Gegenwärtig hält die Fed derartige Wertpapiere im Wert von 3,1 Billionen Dollar. Die Bilanzsumme der Fed hat sich verglichen mit Vorkrisenzeiten infolgedessen mehr als verdreifacht.

          Vorrangiges Ziel der Anleihekäufe ist es, die langfristigen Zinssätze zu verringern und damit die Finanzierungsbedingungen für die Binnenwirtschaft zu verbessern. Das soll die Konjunktur beleben. Am Mittwoch äußerte sich Fed-Chef Ben Bernanke erstmals konkret zum Ausstieg. Demnach könnten die Anleihekäufe im späteren Jahresverlauf 2013 reduziert und Mitte 2014 komplett eingestellt werden. Nachfolgend finden sich die einzelnen Runden des „Quantitative Easing“ (QE) in chronologischer Reihenfolge:

          QE1: Im November 2008 beginnt die Fed in einer ersten Welle, mit Hyptheken besicherte Wertpapiere im Wert von 600 Milliarden Dollar zu kaufen. Bereits im März 2009 werden die MBS-Käufe um 750 Milliarden Dollar erhöht. Zudem greift die Fed in den Markt für amerikanische Staatsanleihen mit 300 Milliarden Dollar ein. In der Folge schwillt die Bilanz der Fed von etwa 800 Milliarden Dollar vor der Krise auf mehr als zwei Billionen Dollar Mitte 2010 an.

          QE2: Nachdem sich die amerikanische Konjunktur nicht wie von der Fed erhofft erholt, beschließt sie im November 2010 eine zweite Runde von Anleihekäufen. Damit nimmt sie zusätzliche Staatsanleihen im Wert von 600 Milliarden Dollar in ihre Bücher. Das Programm endet im Juni 2011.

          „Operation Twist“: Als quasi mildere Form von QE beschließt die Fed im September 2011 ein Programm, mit dem sie die durchschnittliche Laufzeit der von ihr gehaltenen Wertpapiere erhöht. Dazu verkauft sie kurzlaufende Staatsanleihen und erwirbt längerlaufende Titel. Das Volumen dieses Tauschs beläuft sich auf 45 Milliarden Dollar pro Monat und insgesamt 400 Milliarden Dollar. Mit dem Schritt soll das Renditeniveau in den längeren Laufzeiten zusätzlich gedrückt werden, um die Konjunktur abzuschieben.

          QE3: Im September 2012 folgt die dritte Runde von Anleihekäufen. Erstmalig wird das Programm zeitlich und im Volumen unbefristet ausgestaltet. Unter QE3 kauft die Fed noch heute Hypothekenpapiere im Wert von monatlich 40 Milliarden Dollar. Im Dezember 2012 werden die Käufe anlässlich der auslaufenden „Operation Twist“ auf amerikanische Staatsanleihen ausgeweitet. Seither nimmt die Fed pro Monat Treasuries im Wert von 45 Milliarden Dollar vom Markt. Zusammen mit den MBS-Käufen ergibt sich eine Summe von 85 Milliarden Dollar je Monat. (dpa-AFX)

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