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Leitzins bleibt auf Rekordtief : Draghi wagt Tabubruch

EZB-Präsident Draghi auf dem Weg zur Pressekonferenz Bild: dpa

Die EZB ist bereit, im Kampf gegen eine Deflation notfalls alle Register zu ziehen. Noch halten sich die Währungshüter zurück.

          Angesichts der geringen Inflationsrate im Euroraum hat die Europäische Zentralbank ihre Entschlossenheit zum Handeln betont, den Leitzins von 0,25 Prozent allerdings nicht weiter gesenkt. „Der EZB-Rat ist einstimmig in seinem Bekenntnis, innerhalb seines Mandats auch unkonventionelle Instrumente zu nutzen“, sagte EZB-Präsident Mario Draghi am Donnerstag nach der Ratssitzung in Frankfurt. Der Rat habe erstmals explizit über eine sogenannte quantitative Lockerung gesprochen, sagte Draghi. Damit ist ein massenhafter Ankauf von Anleihen gemeint. Die geringe Inflationsrate, die im März auf 0,5 Prozent gesunken war, werde man „sehr genau“ beobachten.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Die Ankündigung einer möglichen weiteren Lockerung der Geldpolitik ließ den Aktienleitindex Euro Stoxx 50 um 1 Prozent auf 3219 Punkte steigen, den höchsten Stand seit Herbst 2008. Der Euro-Wechselkurs notierte am Nachmittag bei 1,3714 Dollar, 0,4 Prozent niedriger als am Vortag.

          Ausführlich ging Draghi auf die Inflationsdaten vom März ein. Diese seien zum Teil wie erwartet gesunken, zum Teil aber überraschend ausgefallen. 70 Prozent des Rückgangs der Inflation in den vergangenen zwei Jahren gingen auf niedrigere Energiepreise und gedämpfte Nahrungsmittelpreise zurück, erklärte Draghi. Es gebe globale Faktoren für die niedrige Inflation. In diesem Jahr habe noch der milde Winter eine Rolle gespielt. Zum Teil sei die EZB aber auch vom Rückgang auf 0,5 Prozent im März überrascht worden, gab Draghi zu. Ein Teil der Erklärung sei, dass Ostern im Vorjahr sehr früh, schon im März, lag und Dienstleistungspreise zu den Feiertagen früher anzogen. Das verzerre den Jahresvergleich.

          Entwicklung der Leitzinsen zum 03.04.2014

          Die EZB erwartet, dass im April zu Ostern die Inflationsrate wieder steigen werde. „Über die folgenden Monate wird die Inflationsrate niedrig bleiben“, sagte Draghi. Erst nächstes Jahr werde sie schrittweise anziehen und Ende 2016 den Zielwert von nahe 2Prozent erreichen. „Wir sehen nicht, dass sich das Risiko einer Deflation erhöht hat“, sagte Draghi. Die Inflationserwartungen seien mittelfristig fest bei 2Prozent verankert. Allerdings ließ er eine gewisse Sorge durchblicken, dass die Preisdynamik länger als gedacht schwach bleiben könnte. „Je länger die Zeitspanne mit niedriger Inflation andauert, desto höher ist das Risiko für die Inflationserwartungen.“

          Im EZB-Rat habe es eine „reiche Diskussion“ über weitere Maßnahmen gegeben. Dem Gremium gehören neben Draghi 23 weitere Geldpolitiker an, darunter die 18 nationalen Notenbank-Chefs. Letztlich habe man einstimmig für eine Beibehaltung der bisherigen Leitzinsen und gegen neue Maßnahmen schon jetzt gestimmt. Es gab Stimmen, die das Deflationsrisiko stärker gewichteten. Letztlich sei man sich einig gewesen, dass man erst noch mehr Informationen brauche, sagte Draghi. Seine Rhetorik hat sich gegenüber der vergangenen Pressekonferenz etwas verschärft.

          Seitenhieb gegen Lagarde

          Einen Seitenhieb teilte Draghi gegen IWF-Direktorin Christine Lagarde aus, die am Vortag die EZB zu einer quantitativen Lockerung (QE) aufgerufen hatte. Draghi sagte sarkastisch, der Internationale Währungsfonds sei „so extrem großzügig mit Anregung, was wir tun sollen“. Er frage sich, ob der IWF dies auch gegenüber der amerikanischen Fed wagen würde. Vor einer möglichen quantitativen Lockerung gelte es, deren Wirkung zu untersuchen. In Amerika wirke sich der Anleihekauf über die Wertpapiermärkte direkt auf die Finanzierungsbedingungen der Wirtschaft aus. In Europa jedoch laufe die Finanzierung der meisten Unternehmen über Kredite von Banken. Hier liege das Hauptproblem. Die anstehende Bankenbilanzprüfung durch die EZB solle der Gesundung des Bankensektors dienen. Als seine „größte Sorge“ im Euroraum bezeichnete Draghi die Aussicht, dass es zu einer anhaltenden Stagnation im Euroraum mit lange Zeit hoher Arbeitslosigkeit komme.

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