https://www.faz.net/-gqe-v99r
 

Leitartikel Wirtschaft : Unruhe im Apothekerland

  • Aktualisiert am

Apotheker haben eine der politisch erfolgreichsten und schlagkräftigsten politischen Lobbys. Sie sind exzellent vernetzt in Bund und Ländern und genießen in der Öffentlichkeit hohes Ansehen. Nicht von ungefähr: Der Pharmazeut ist ...

          Apotheker haben eine der politisch erfolgreichsten und schlagkräftigsten politischen Lobbys. Sie sind exzellent vernetzt in Bund und Ländern und genießen in der Öffentlichkeit hohes Ansehen. Nicht von ungefähr: Der Pharmazeut ist in der Not auch in der Nacht erreichbar, und er personifiziert ein beinahe einmaliges Vertriebssystem für Arzneimittel, das die Versorgung mit Medikamenten binnen Stunden sicherstellt. Zwar verdient der Apotheker sein Geld mit Pillen und Pasten, doch schadet das nicht seiner allgemeinen Beliebtheit als Helfer der Kranken. Mit solchen Vertrauenspersonen legt sich auch die Politik ungern an.

          Die verschiedenen Reformen am Gesundheitssystem haben die deutsche Apothekerschaft denn auch, anders als sie öffentlich beklagt, nicht geschwächt. Die Zahl der Apotheken ist seit Jahren mit rund 21 500 stabil auf einem - im internationalen Vergleich - hohen Niveau. Die Betriebsergebnisse sind im vergangenen Jahr nach Berechnungen der Apothekervereinigung Abda zwar gesunken. Zugleich aber hat die Zahl der Beschäftigten in diesem personalkostenintensiven Geschäft um 4000 zugenommen und damit einen neuen Höchststand von fast 144 000 erreicht. Die Apotheker haben sich ihre Nische im medizinisch-pharmazeutischen Komplex komfortabel eingerichtet.

          Dennoch wächst die Unruhe im Apothekerland. Dagegen helfen die Warn- und Ermutigungsappelle wenig, die auf dem heute beginnenden Deutschen Apothekertag wieder zu hören sein werden und die in der Behauptung gipfeln, einzig eine von freiberuflichen Apothekern geführte Präsenzapotheke werde die Arzneimittelversorgung im Land sicherstellen.

          Das deutsche Apothekenmodell wird seit geraumer Zeit von mehreren Seiten attackiert: aus Europa, aus der Gesundheitspolitik und nicht zuletzt aus der eigenen Zunft. Schon haben Dutzende Apotheker das rote Apotheken-A abgeschraubt und gegen das grüne DocMorris-Kreuz eingetauscht, Pharma-Discounter breiten sich aus, der Versandhandel, für den Drogeriemärkte wie dm als Rezeptsammelstationen auftreten, wächst beständig. Die Präsenzapotheke steckt in einer Abwehrschlacht, die sie alleine nicht gewinnen kann.

          Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird der Europäische Gerichtshof bald dafür sorgen, dass auch im deutschen Pharmageschäft die Freizügigkeit den ihr im Binnenmarkt zustehenden Platz erhält. Bislang darf in Deutschland nur ein Apotheker Eigentümer einer Apotheke sein, zudem darf er nur drei weitere Apotheken in räumlicher Nähe betreiben. Es ist wünschenswert, dass eine Apotheke von einem Pharmazeuten geführt wird. Aber muss sie ihm deshalb gleich gehören? Muss dem Busfahrer das Busunternehmen gehören, dem Automechaniker die Werkstatt? Arbeitsteilung könnte auch im Apothekenmarkt zu einer wirtschaftlicheren Versorgung beitragen. Dies gilt umso mehr, als die Apotheker lieber ihre Fähigkeiten als Pharmazeuten denn als Kaufleute herausstreichen. Wenn die Apotheker, dem Namen nach Freiberufler, heute stolz darauf sind, sich aus dem Wettbewerb um die regulierten Preise für (verschreibungspflichtige) Arzneimittel verabschiedet zu haben, dann dürfen sie sich morgen nicht darüber beklagen, am Gängelband der Politik geführt zu werden.

          Lange haben die Apotheker hinhaltenden Widerstand gegen die Veränderungen im Arzneimittelvertrieb geleistet, in der Hoffnung, ihre schönste aller Welten zu konservieren. Jetzt, mit dem Europäischen Gerichtshof im Rücken, steht auch in Deutschland die Gründung von Apothekenketten vor der Türe. Kapitalstarke Pharmagroßhändler haben ihre Schlachtpläne in der Schublade, auch wenn nicht alle sie öffentlich machen wie Celesio. Der größte Pharmahändler Europas hat sich für zweihundert Millionen Euro gleich die Mehrheit an der Apothekenmarke DocMorris gesichert. Diese Versandhandelskette verdankt ihren großen Bekanntheitsgrad gerade dem Kampf, den veränderungsresistente Standesvertreter - bisher weitgehend erfolglos - gegen sie führen.

          Der Versandhandel ist nach der Kette der zweite Lieblingsfeind der verfassten Apothekerschaft. Denn er nimmt Umsatz und führt zu einem Preiswettbewerb, auf den sich die Apotheker um die Ecke aus nachvollziehbaren Gründen lieber nicht einlassen wollen. Auch hier könnten die Europa-Richter nachhelfen: Mit einer Klage will die EU-Kommission die in Deutschland geltende räumliche Begrenzung für die Belieferung von Krankenhäusern durch einzelne Apotheken kippen. Wie bei der Freizügigkeit fällt die Verteidigungsrede der Bundesregierung gegen diese Wettbewerbsbeschränkung halbherzig aus. Wie es aussieht, wäre man im politischen Berlin dankbar, lösten die Europa-Richter das Problem. Dann müsste die Politik nicht in den Clinch mit den Apothekern gehen.

          Dem künftigen Wettbewerbsdruck werden, sind die Schutzzäune einmal niedergerissen, nicht alle Sonnen-, Linden- oder Paracelsus-Apotheken standhalten. Der Apothekenmarkt wird sich aufspalten in große Versender, in Ketten und Kooperationen, die vor allem in einem heftigen Preis- und Imagewettbewerb stehen. Daneben wird es Apotheker geben, die sich als Gesundheitsunternehmer verstehen, die medizinische Beratung, Prävention und Arzneimittel im Angebot haben, die eine Salbe anrühren und auch noch eine Gesundheitsreise nach Ischia vermitteln. Solche Veränderungen bieten nicht nur den Kunden, sondern auch den Apothekern Chancen. Die Apotheker sollten sie nutzen, statt ihre Kräfte noch länger in einem Abwehrkampf gegen den Markt zu verschleißen.

          Topmeldungen

          Schlechte Laune im Osten? Das stimmt nicht so ganz.

          Ostdeutschland : Woher die schlechte Laune?

          Steht es dreißig Jahre nach dem Ende der DDR wirklich so schlimm mit der deutschen Einheit und dem Osten? Nein. Die krasse Fehleinschätzung hat auch etwas mit denen zu tun, die heute die politische Meinung im Osten mitprägen.
          Ashton Applewhite

          Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

          Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.