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Leitartikel Wirtschaft : Peróns Erbe

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Wie Phönix aus der Asche ist Argentinien aus der schweren Wirtschaftskrise der Jahre 1999 bis 2002 auferstanden. Seit vier Jahren wächst Argentiniens Bruttoinlandsprodukt (BIP) mit einer Rate von durchschnittlich neun Prozent.

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          Argentinien ist wiederauferstanden. Die Voraussetzungen für dauerhafte Stabilität fehlen noch.

          Wie Phönix aus der Asche ist Argentinien aus der schweren Wirtschaftskrise der Jahre 1999 bis 2002 auferstanden. Seit vier Jahren wächst Argentiniens Bruttoinlandsprodukt (BIP) mit einer Rate von durchschnittlich neun Prozent. Nur ein Jahr nach Abwicklung der größten Staatspleite aller Zeiten waren argentinische Anleihen 2006 an den globalen Finanzmärkten der Hit. Berücksichtigt man freilich die vorangegangene Krise, so ist Argentiniens Wirtschaft in den vergangenen acht Jahren im Mittel nur um zwei Prozent gewachsen. Damit gehört Argentinien selbst im besonders krisenanfälligen Lateinamerika immer noch zu den Schlusslichtern. Zudem ist in Argentinien in den letzten Jahrzehnten noch auf jeden Boom eine tiefe Krise gefolgt. Sollte es diesmal anders sein?

          Präsident Néstor Kirchner betreibt eine ähnliche Wirtschaftspolitik wie der frühere Staatschef Juan Domingo Perón, dessen erste Regierungszeit (1946 bis 1955) von vielen Argentiniern immer noch als die beste Epoche ihrer Geschichte angesehen wird. Als Perón Argentiniens Staatschef wurde, habe man auf den Gängen der Zentralbank kaum laufen können, weil sich dort die Goldbarren stapelten, wird kolportiert. Argentinien hatte durch die Lieferung von Fleisch und Weizen an die Weltkriegsparteien so gut verdient, dass Perón aus dem Vollen schöpfen konnte. Der General gab das Geld aus, um die Arbeiter stärker am Wohlstand zu beteiligen und eine schwache nationale Industrie auf Kosten der exportstarken Landwirtschaft zu fördern. Das bescherte dem Volk eine kurze Wachstumsblüte. Doch bald waren die Reserven erschöpft, die Staatsfinanzen rutschten tief in die roten Zahlen, die Inflation begann zu galoppieren. Perón selbst musste erste schmerzhafte Anpassungsmaßnahmen verordnen.

          Präsident Kirchner kopiert die frühe Phase der Perón-Regierung bisher mit Erfolg. Aber kann er den anschließenden Niedergang verhindern? Als Kirchner 2003 sein Amt antrat, konnte er zwar nicht auf hohe Reserven zurückgreifen, vielmehr hatte sein Land riesige Schulden. Doch diese wurden nach der Abkoppelung des Peso vom Dollar und nach der Erklärung des Staatsbankrotts von 2002 einfach nicht mehr bezahlt. Viele Milliarden Dollar, die vorher in den Schuldendienst geflossen waren, standen nun für Sozialprogramme und für die Subventionierung der heimischen Wirtschaft zur Verfügung. Gleichzeitig nahmen die Preise argentinischer Agrarprodukte wie Soja, Mais und Rindfleisch im Sog der steigenden Nachfrage aus Asien einen lange nicht erlebten Aufschwung. Die Rohstoffhausse ließ die Reserven rasch auf neue Rekordhöhen steigen. Wie früher Perón kann Kirchner das Geld mit vollen Händen ausgeben.

          Die drastische Abwertung des Peso um mehr als zwei Drittel erlaubte der Regierung, die sprudelnden Exporteinnahmen der Landwirtschaft mit hohen Sondersteuern abzuschöpfen und damit die kräftig wachsenden Staatsausgaben zu finanzieren. Da die inländischen Löhne in harter Währung nicht mehr viel wert sind, sollen die Exportsteuern auch helfen, die Preise von Milch, Mehl und anderen Nahrungsmitteln auf dem Inlandsmarkt unter dem Weltmarktniveau zu halten. Im Zweifel zögert die Regierung nicht, die Ausfuhr von Rindfleisch oder Mais zu sperren, um die Versorgung des lokalen Marktes zu niedrigen Preisen "sicherzustellen". Gleichzeitig schützt der billige Peso die ansonsten kaum wettbewerbsfähige Industrie gegen Importkonkurrenz. Wie unter Perón subventioniert die starke Landwirtschaft eine schwache Industrie und den Konsum der großen Städte.

          Für die langfristige Entwicklung werden damit freilich die falschen Signale gesetzt. So kürzen die Produzenten von Rindfleisch, dem bestem Exportprodukt des Landes, ihre Investitionen. Stattdessen lebt eine schon abgeschriebene Textilindustrie wieder auf, die gegen Asiens Billigkonkurrenz kaum bestehen dürfte, wenn sich die Löhne und der Außenwert des Peso wieder auf einem höheren Niveau einpendeln. Ähnlich verfehlt ist die Energiepolitik: Die Einfrierung der Strom- und Gaspreise auf einem Bruchteil des international üblichen Niveaus heizt den Konsum an, verhindert aber Investitionen in neue Kapazitäten.

          Die heutige Unterbewertung des Peso ist langfristig genausowenig tragfähig wie die Überbewertung des Dollar-Peso in den späten neunziger Jahren. Wenn die Zentralbank durch den fortgesetzten Ankauf von Dollar weiter eine Aufwertung des Peso verhindert, wird das die mit zahllosen Regierungsinterventionen nur notdürftig zurückgestaute Inflation zusätzlich anheizen. Seit einem Jahr zwingt die Regierung die Unternehmen, die Preise von besonders wichtigen Gütern stabil zu halten, obwohl die Löhne und andere Kosten kräftig steigen. Doch Preiskontrollen, Exportverbote und ähnliche Maßnahmen hemmen die Investitionen. Wenn die Preise trotz angeheizter Nachfrage und erhöhter Kosten nicht steigen dürfen, wird das Angebot früher oder später knapp.

          Immerhin - unter Kirchner sind die öffentlichen Kassen zum ersten Mal seit vierzig Jahren im Überschuss. Der Exportboom bei Soja und anderen Agrarrohstoffen scheint aufgrund des starken Wachstums in Asien vorerst nicht abzuebben. Der Aufschwung beschert Kirchner im Wahljahr 2007 hohe Zustimmungsraten, die volle Staatskasse verleiht ihm fast unumschränkte Macht. Doch anders als etwa das Nachbarland Chile hat Argentinien weiterhin keinen institutionellen Rahmen, der die Stabilität auf Dauer festigen würde. Wie schnell Argentiniens Staatsschiff manövrierunfähig wird, wenn es konjunkturell in schwereres Fahrwasser gerät, hat zuletzt der Niedergang unter Ex-Präsident Carlos Menem in den späten neunziger Jahren gezeigt.

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