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Leitartikel Wirtschaft : Kampf um den deutschen Müllmarkt

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Australien liefert Sondermüll zur Verbrennung nach Deutschland, Metallschrotte aus Nordrhein-Westfalen werden nach China verschifft, ausländische Investoren reißen sich um deutsche Abfallunternehmen. Die Globalisierung ist in der deutschen Entsorgungswirtschaft angekommen.

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          Mit Veolia drängt der zweitgrößte Entsorger der Welt auf den deutschen Markt.

          Australien liefert Sondermüll zur Verbrennung nach Deutschland, Metallschrotte aus Nordrhein-Westfalen werden nach China verschifft, ausländische Investoren reißen sich um deutsche Abfallunternehmen. Die Globalisierung ist in der deutschen Entsorgungswirtschaft angekommen. Mit der französischen Veolia drängt nun der zweitgrößte Entsorger der Welt auf den lukrativen deutschen Markt. Die Jagd nach dem Müll geht in eine neue Phase. Mit seiner Finanzkraft könnte der Mischkonzern die Kräfteverhältnisse gründlich verändern.

          Trotz einiger spektakulärer Fusionen ist die Branche im Vergleich zu anderen EU-Staaten hierzulande immer noch stark zersplittert. Rund 3000 Unternehmen konkurrieren untereinander und mit der kommunalen Abfallwirtschaft um das Geschäft. Die drei größten Entsorger - Remondis aus Lünen, Sulo und die Berliner Alba AG - kommen gerade auf einen Marktanteil von siebzehn Prozent. In Frankreich und Spanien beherrschen die drei jeweils führenden Unternehmen 50 bis 60 Prozent des Marktes. Wegen der scharfen Konkurrenz im Heimatland hat sich auch die französische Nummer zwei, Suez, ein Standbein jenseits des Rheins aufgebaut. Ihre Tochtergesellschaft Sita gehört zur Spitzengruppe der deutschen Entsorger. Umgekehrt zieht es die großen deutschen Müllunternehmen vor allem in die neuen EU-Länder, wo die Einführung des europäischen Abfallrechts Chancen eröffnet.

          Dass sich die Marktbereinigung in Deutschland fortsetzen wird, steht daher außer Frage. Beschleunigt wird dieser Prozess durch die wachsenden technischen und damit auch finanziellen Anforderungen an die Unternehmen. Die Zeiten, in denen der Abfall einfach auf die Halde gekippt wurde, sind vorüber. Restmüll muss entweder verbrannt oder vor einer Deponierung biologisch-mechanisch vorbehandelt werden, um Umweltschäden zu vermeiden. Gewinner sind die Kommunen und Müllkonzerne, welche die Anlagen kontrollieren. Ihre Preise treiben die Entsorgungskosten in die Höhe und drücken die Margen derjenigen Unternehmen, die ihr Geld in der Vergangenheit lediglich als "Müllkutscher" verdient haben. Auch sinkende Preise in den Ausschreibungen für die Abholung der gelben Tonnen machen ihnen zu schaffen. Das Eigenkapital vieler kleiner Familienunternehmen ist nach Verbandsangaben schon kräftig zusammengeschrumpft.

          Auf der anderen Seite winken den Großen der Branche gute Geschäfte durch verschärfte Recyclingvorschriften und steigende Preise für Sekundärrohstoffe von Altpapier bis Metallschrott: Die Schrottpreise etwa haben sich binnen zwei Jahren verdoppelt. Die Perspektive weiter steigender Rohstoffnotierungen und der durch hohe Müllabfuhrgebühren gesicherte Cashflow macht die Müllentsorgung auch für viele Kommunen wieder attraktiv. Die private Entsorgungswirtschaft warnt gar vor einem "Rückfall in die Staatswirtschaft" und will nun europarechtlich gegen Wettbewerbsverzerrung durch die Mehrwertsteuerbefreiung der kommunalen Eigenbetriebe vorgehen. Doch die Investoren scheinen den Horrorszenarien des Verbandes wenig Glauben zu schenken. Mit Clipper Monitor Partners ist kürzlich sogar eine weitere Private-Equity-Gesellschaft in den Markt eingestiegen - und Appetit entwickeln "Heuschrecken" üblicherweise erst bei der Aussicht auf zweistellige Renditen.

          Auch Veolia hat sich sein Engagement viel Geld kosten lassen: Für 1,45 Milliarden Euro sicherte sich die Gesellschaft am Wochenende die Hamburger Sulo-Gruppe, die Nummer zwei unter den deutschen Entsorgern. Verkäufer sind die amerikanischen Beteiligungsgesellschaften Apax und Blackstone, die Sulo 2004 übernommen hatten und nun einen guten Schnitt gemacht haben dürften. Schon der von Veolia bezahlte hohe Kaufpreis spricht für strategische Ambitionen. Längst haben die Franzosen ihre Fühler auch nach der Grüne-Punkt-Gesellschaft Duales System Deutschland (DSD) ausgestreckt, die das Recycling von Verpackungsabfall, Altpapier und Glas organisiert. Es wäre die perfekte Ergänzung zum klassischen Entsorgungsgeschäft und der Umwelttechnik, in denen Sulo floriert.

          Das Geschäft mit den leeren Konservendosen und Joghurtbechern entfaltet magnetische Wirkung. Während die etablierten Systembetreiber DSD sowie seine Konkurrenten, die Kölner Interseroh AG und Landbell aus Mainz, den drohenden Entsorgungsnotstand ausrufen, drängen viele Neulinge in den Markt. Sie lockt die Aussicht auf sichere Erlöse durch eine Novelle der Verpackungsverordnung, welche die Schlupflöcher bei der Gebührenerhebung schließen und alle Konsumgüterhersteller in ein duales System zwingen soll. Mindestens ein Dutzend Unternehmen hat den Gang durch die Instanzen angetreten, um sich die Genehmigungen zum Aufbau alternativer dualer Systeme zu verschaffen. Allein dieses unter dem Siegel des Umweltschutzes angepriesene Reformwerk wird der Branche geschätzte Mehreinnahmen von einer halben Milliarde Euro im Jahr bescheren - zu Lasten neuer Kontrollbürokratie und natürlich der Verbraucher, die das System über höhere Preise im Einzelhandel finanzieren.

          Auf der Strecke bleiben könnte der Wettbewerb: Denn vielfach sind es nicht mehr Hersteller und Abfüller, die die Lizenzverträge für den Grünen Punkt abschließen. Vielmehr vereinbaren große Handelsketten wie Aldi Rahmenverträge mit dem DSD und kürzen ihre Großhandelspreise um die von den Herstellern zuvor gezahlten Lizenzgebühren. So entwickelt sich ein Oligopol auf der Nachfrageseite, das neuen Konkurrenten des DSD versperrt bleibt. Nebenbei schwindet für die Hersteller und Abfüller der finanzielle Anreiz, recycling- und umweltfreundliche Verpackungen zu entwickeln. Produzentenverantwortung für den Umweltschutz sieht anders aus.

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