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Leitartikel Wirtschaft : Hotzenplotz statt Playstation

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Radiosender machen sich einen Spaß daraus, weil sich das Resultat so schön vertonen lässt. Frage an einen zufällig ausgewählten Bürger: "In diesen Tagen findet ja die Vierschanzentournee der Skispringer statt.

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          Wer keine gute
          Qualifikation hat, wird auch im Aufschwung abgehängt.

          Radiosender machen sich einen Spaß daraus, weil sich das Resultat so schön vertonen lässt. Frage an einen zufällig ausgewählten Bürger: "In diesen Tagen findet ja die Vierschanzentournee der Skispringer statt. Von wie vielen Schanzen springen die?" Antwort: "Zwei." Oder dieser Dialog aus einer Umfrage, aufgenommen unter jugendlichen Passanten im Alter zwischen 16 und 25 Jahren vom Radiosender SWR 3 anlässlich des Besuches des Papstes in Deutschland im vergangenen Jahr: Was denkt ihr, wie heißt die Frau vom Papst? "Anna. Das hört sich adlig an." Nächste Frage: Der Papst lebt ja im Zölibat, wo liegt das? "Irgendwo in Italien, in Rom vermutlich." Dritte Frage: Wer ist denn in Deutschland Papst? "Weiß ich nicht, Schröder vielleicht?" Wenigstens die letzte macht Mut: Was macht der Papst beruflich? "Von der katholischen Seite, von den Christen, ist er der Chef." Man könnte sich kaputtlachen, wäre es nicht so traurig. Das Ergebnis ist natürlich nicht repräsentativ, solche Umfragen werden reißerisch aufbereitet. Aber Grund zur Sorge bieten sie allemal, denn die offenbarten Bildungslücken sind leider keine Einzelfälle.

          Gespräche mit gestandenen Mittelständlern, mithin dem Rückgrat der deutschen Wirtschaft, fördern Abgründe zutage. Abgänger der Hauptschule einstellen? Eine einzige Katastrophe. Von der Realschule ist es auch kaum besser. Bewerbungsschreiben voller Fehler trudeln da ein, schlampig verfasst und liederlich abgepackt. Und erst die Vorstellungsgespräche: Die jungen Leute beherrschen heutzutage nicht mal mehr die Grundrechenarten, von Antworten auf die Frage, welchen Job Schiller gemacht haben könnte oder was Einstein für eine Theorie aufgestellt hat, ganz zu schweigen.

          Gerade hat der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) wieder Alarm geschlagen. Die Schere zwischen Jugendlichen, die ohne Hilfe keinen Einstieg mehr ins Berufsleben schafften, und Unternehmen, die immer höhere Anforderungen an ihre Mitarbeiter stellen müssten, öffne sich zusehends. Nur eine gute Schulausbildung für jeden Jugendlichen könne diesen Widerspruch auflösen. Schulabgängern mangele es zudem an persönlicher Qualifikation. Viele Jugendliche mit unzureichenden Schulleistungen wüssten oft auch nicht, wie wichtig Zuverlässigkeit, Leistungsbereitschaft oder angemessene Umgangsformen sind. Das Institut für Arbeitsmarktforschung unterstreicht den Ernst der Lage. Hauptschüler haben kaum noch Chancen auf dem Lehrstellenmarkt. Nur gut jeder dritte bei den Arbeitsagenturen registrierte Bewerber mit Hauptschulabschluss bekam einen regulären Ausbildungsplatz.

          Ob früher alles besser war, sei dahingestellt. In der Rückschau verklärt sich vieles. Aber die erschreckenden Meldungen aus den Betrieben sind nicht wegzudiskutieren, das allgemein angemahnte Bestreben nach besserer Schul- und Allgemeinbildung deshalb mehr als eine Worthülse. Wer sich keine gute Qualifikation aneignet, wird auch in diesen Zeiten des konjunkturellen Aufschwungs auf dem Arbeitsmarkt abgehängt. Die Einbindung der deutschen in die internationale Wirtschaft verschärft das Tempo. Frühzeitig Englisch lernen, um nur ein Beispiel herauszugreifen, ist längst keine Option mehr, sondern Pflicht.

          Da Bildung ein entscheidender Wirtschaftsfaktor im rohstoffarmen Deutschland ist, sind die diversen Bemühungen nicht hoch genug zu loben. Gute Ansätze gibt es, im Kleinen wie im Großen. Die Bundeszentrale für politische Bildung gibt jährlich ihren Timer heraus, ein Hausaufgabenheft mit Info-Kalender zu Terminen aus aller Welt, aus Politik und Zeitgeschichte, aus Gesellschaft und Kultur. Den Jugendlichen soll damit auf spannende Weise eine tägliche Dosis politischer Bildung angeboten werden.

          Annette Schavan will mit einer Bund-Länder-Initiative die Zahl der Schulabbrecher in Deutschland binnen fünf Jahren halbieren. Gemeinsam mit den Ländern will die Bundesbildungsministerin im laufenden Jahr eine Offensive für den Bildungsaufstieg ins Leben rufen. Zudem sollen die Schüler stärker zu den technischen Fächern hingeführt werden, damit genügend junge Leute für die Bereiche qualifiziert werden, in denen "künftig die Musik spielt". Nur so kann Deutschland auch in der Bildung im Wettbewerb eine starke Rolle spielen. In Deutschland liegt die Abbrecherquote demnach bei mehr als neun Prozent. Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft wurden im Jahr 2004 etwa 82 000 Hauptschulabbrecher gezählt, zudem blieben etwa 246 000 Berufsschüler ohne Abschluss.

          Die staatseigene Förderbank KfW hat festgestellt, dass die innovativen oder wissensbasierten Gründungen, die gesamtwirtschaftlich von herausragender Bedeutung sind, weil sie besonders nachhaltig sind, überdurchschnittlich viele Arbeitsplätze schaffen und die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands stärken, mit doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit von einer Person mit Fachschulabschluss gegründet werden wie von einer, deren höchster Abschluss eine Lehre ist.

          Wie man es auch dreht und wendet: Bildung - oder wie die Ökonomen sagen würden: Humankapital - zahlt sich aus. Dass dieses sich in allen Schichten stärker Bahn brechen kann, obliegt freilich nicht dem Staat allein. Es fordert vor allem Eigeninitiative und ist eine Gemeinschaftsaufgabe für Familie, Kindergarten, Schule, Hochschule und Ausbildungsbetrieb. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks spricht treffend von einer "Wertschöpfungskette im Bildungssystem". Eltern sind ganz am Anfang dieser Kette gefordert. Wie wäre es zum Auftakt eines ereignisreichen Lebens mal wieder mit Vorlesen statt Fernsehen? Lieber Räuber Hotzenplotz als Playstation.

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