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Leitartikel Wirtschaft : Großbritannien wird grün

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Großbritannien hat stürmische Küsten. Früher war es ein Fluch, wenn die Winterstürme Öltanker an diesen Küsten zerschellen ließen und die Ölteppiche Strände und Vogelkolonien bedrohten. Heute entpuppen sich diese Küstengewässer auch als Segen.

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          Zum Schutz des Klimas setzen auch die Briten stärker auf erneuerbare Energie.

          Großbritannien hat stürmische Küsten. Früher war es ein Fluch, wenn die Winterstürme Öltanker an diesen Küsten zerschellen ließen und die Ölteppiche Strände und Vogelkolonien bedrohten. Heute entpuppen sich diese Küstengewässer auch als Segen. Die britische Regierung genehmigte zum Jahreswechsel den Bau der weltgrößten Offshore-Windanlage vor Essex und Kent: ein Meilenstein der britischen Regierungspolitik, die die Nutzung der erneuerbaren Energie vorantreiben will.

          Großbritannien wird plötzlich grün, nachdem Umweltfragen in der britischen Politik über Jahrzehnte keine Rolle spielten. Anders als in Deutschland, wo die Grünen seit mehr als einem Vierteljahrhundert Umweltbelange in die Politik tragen, lässt das britische Mehrheitswahlrecht kleinen Parteien wenig Raum. Dies erklärt, warum selbst der sich modern präsentierende Premierminister Tony Blair bis vor kurzem keinen ernsten Gedanken an Umweltpolitik verschwendet hat.

          Das erstaunt ein wenig, da die Bevölkerung sehr an der Idylle ihrer nahezu unangetasteten Landschaften des Merry Old England hängt. Strengster Denkmalschutz verhindert, dass in den Märchenlandschaften der Cotswolds oder Kents auch nur der Hauch der Moderne einzieht. Nirgendwo sind romantische Parks so beliebt wie bei Engländern. Bauernmärkte mit Bioprodukten sind in Mode, Supermärkte sortieren ihr Sortiment um, damit sie der rasant steigenden Nachfrage nach organischen Produkten, "Fair Trade" und gesunder Feinkost gerecht werden können.

          Doch Nostalgie hat eben nichts mit Umweltschutz zu tun. Noch heute haben zwei Drittel der britischen Haushalte keine Wasserzähler. Sie zahlen einen nach ihrer Wohnungsgröße bemessenen Pauschalbetrag an die Versorger. Die meisten Haushalte haben keine Doppelverglasung und kennen keine energiesparende Isolierung ihrer Häuser. Noch immer landen zwei Drittel des Hausmülls auf der Müllkippe, anstatt in den Kreislauf des Recyclings geschleust zu werden. Das ist eine der schlechtesten Wiederverwertungsquoten in Europa. In jedem britischen Supermarkt herrscht Verpackungswut, wird jede Gurke und jeder Salatkopf in Plastik verschweißt, stopfen die Verbraucher ihren Einkauf in Millionen Plastiktüten, die anschließend im Müll landen.

          Dennoch denken jetzt auch die Briten um. Die Umweltpolitik steht nun oben auf der Liste von Labour und Oppositionsführer David Cameron. Erneuerbare Energie, Autobahngebühren, "grüne" Steuern und Kernenergie sind die großen Themen. Drei Faktoren spielen dabei eine entscheidende Rolle: Erstens ist die Bevölkerung über die vermuteten Folgen der Erderwärmung alarmiert. Cameron nutzt dieses neue Umweltbewusstsein, um der Konservativen Partei einen grünen Anstrich zu verpassen. Blair und sein auserkorener Nachfolger Gordon Brown reagieren darauf, sie wollen sich das Zepter nicht aus der Hand nehmen lassen.

          Zweitens verliert Großbritannien derzeit seinen Status als Ölexporteur, weil das Nordsee-Öl nicht mehr so sprudelt wie zuvor. Will Großbritannien nicht immer abhängiger von ausländischer Energiezufuhr werden, muss es eigene, neue Energiequellen auftun.

          Drittens muss Großbritannien wie alle anderen europäischen Länder die Emission des Treibhausgases Kohlendioxyd drosseln, kämpft aber mit besonders umweltbelastenden Kohlekraftwerken und alten Kernkraftwerken, von denen die meisten ausgemustert werden müssen.

          Die Regierung ist daher bestrebt, den Anteil erneuerbarer Energie an der künftigen Energiegewinnung deutlich aufzustocken. Sie glaubt, dass Großbritannien Dänemark in zwei Jahren als größten Betreiber von Windanlagen vor den Küsten abgelöst haben könnte.

          Aber das reicht nicht aus. Der Druck, den Energieverbrauch der Zukunft zu decken, gleichzeitig aber die Emission von Treibhausgasen zu drosseln, legt nach Einschätzung von Blair die langfristige Nutzung der Kernenergie nahe. Atomstrom ist zwar nach den Eskapaden um die von Unfällen geplagte Anlage Sellafield in Großbritannien so unpopulär wie in Deutschland. Aber während Deutschland den Ausstieg aus der Kernenergie verfolgt, wendet sich die britische Politik schon wieder der Frage zu, wie der Genehmigungsprozess neuer atomarer Anlagen beschleunigt werden könnte, selbst wenn die Frage der Endlagerung des atomaren Abfalls nicht geklärt ist.

          Blair wird es nicht mehr sein, der die Bevölkerung von der atomaren Option überzeugen muss. Er winkt nicht umsonst mit dem von ihm in Auftrag gegebenen "Stern-Report" über die beängstigenden Konsequenzen der globalen Erderwärmung, um die Bevölkerung mit dem Gedanken an neue Atomkraftwerke vertraut zu machen. Deren Widerstand sollte nicht unterschätzt werden. Protestaktionen gegen Tierversuche und Gentechnik haben das Gewaltpotential einiger vermeintlicher Umweltschützer gezeigt.

          Die britische Regierung macht sich aber auf die ernsthafte Suche nach umweltverträglichen Lösungen der künftigen Energieversorgung. Die Bevölkerung ist angesichts deutlicher werdender Zeichen der Erderwärmung mehr als gewillt, auch unbequemen Entscheidungen zu folgen. Dieses Wohlwollen darf nicht aufs Spiel gesetzt werden. Wenn der Bürger den Eindruck erhält, dass mit sogenannten "grünen Steuern" eher das Staatssäckel gefüllt werden soll, als dass Umwelt- und Energiefragen gelöst werden, riskiert die Regierung den guten Willen der Verbraucher. Auf den aber ist sie angewiesen, wenn sie auf Dauer wirklich eine zukunftsorientierte Umwelt- und Energiepolitik durchsetzen will.

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