https://www.faz.net/-gqe-szou
 

Leitartikel Wirtschaft : Globalisierung und Inflation

  • Aktualisiert am

Seit den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts befindet sich die Inflation in den Industriestaaten auf dem Rückzug. Seit den neunziger Jahren gilt dies auch für viele Entwicklungsländer. Erreichte die globale Inflation in ...

          Die Zentralbanken stehen unter höherem Erfolgsdruck. Die Märkte dulden keine lockere Geldpolitik.

          Seit den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts befindet sich die Inflation in den Industriestaaten auf dem Rückzug. Seit den neunziger Jahren gilt dies auch für viele Entwicklungsländer. Erreichte die globale Inflation in den frühen neunziger Jahren noch zweistellige Zuwachsraten von teils bis zu 30 Prozent, lag sie seit der Jahrtausendwende bei 3,9 Prozent im Jahresdurchschnitt. Im Kreis der Industrieländer waren es durchschnittlich gerade noch 1,9 Prozent je Jahr. Diese bemerkenswerte Entwicklung wird oft als selbstverständlich hingenommen. Das ist fatal und kann sich rächen. Gesellschaften, die über viele Jahre mit geringen Inflationsraten verwöhnt wurden, verkennen leicht den Vorzug einer niedrigen Geldentwertung. Die erheblich niedrigeren und weniger schwankenden Inflationsraten erleichtern den Menschen das alltägliche Wirtschaften und die Planung ihrer Zukunft. Die geringere Geldentwertung trägt so zu mehr Wachstum und Wohlstand bei.

          Notenbanker in den Industriestaaten neigen gelegentlich dazu, die günstige Inflationsentwicklung als das Verdienst der Zentralbanken darzustellen, und verweisen auf die größere Glaubwürdigkeit der Geldpolitik. Diese läßt sich nicht bestreiten. Viele Zentralbanken wurden in die Unabhängigkeit entlassen, und es hat sich vielerorts die Erkenntnis durchgesetzt, daß die beste Geldpolitik die ist, die eine ruhige Hand verfolgt, auf eine niedrige Inflation abzielt und der Versuchung widersteht, konjunkturelle Strohfeuer zu entfachen.

          Dies ist aber nur die halbe Wahrheit, denn seit den neunziger Jahren wird die Inflation in den Industriestaaten entscheidend durch die Globalisierung beeinflußt. China, Indien, die mittel- und osteuropäischen Staaten und andere Länder haben sich in den internationalen Warenaustausch eingeklinkt und versorgen die Welt mit preiswerten Waren und zunehmend auch Dienstleistungen. Das drückt zumindest kurzfristig auf die Preisentwicklung. Nach Angaben der Europäischen Zentralbank führte der Euro-Raum 2005 fast die Hälfte seiner Güter aus Niedriglohnländern ein. Zehn Jahre zuvor war es nur ein Drittel. Der Preisdruck durch billigere Einfuhren aus den Niedriglohnländern führte für sich genommen dazu, daß die Einfuhrpreisinflation von 2000 bis 2004 jahresdurchschnittlich rund 2 Prozentpunkte niedriger lag. Das ist sehr viel. Für die Vereinigten Staaten schätzen Ökonomen der dortigen Zentralbank, daß niedrigere Importpreise die Kernrate der Inflation zwischen 1995 und 2004 um 0,5 bis 1 Prozentpunkt drückten. Den günstigen Wirkungen steht entgegen, daß die Nachfrage der Entwicklungsländer die Preise für Rohstoffe und Öl hat in die Höhe schießen lassen. Derzeit scheint dieser preistreibende Effekt die Oberhand zu gewinnen.

          Wichtiger als die direkten Preiswirkungen der Globalisierung ist aus Sicht der Notenbanken der schärfere internationale Wettbewerb. Die Konkurrenz aus Osteuropa und Fernost verhindert, daß die Gewerkschaften in den Industriestaaten heute noch sehr große Lohnsteigerungen erkämpfen können. Unternehmen müssen steigende Kosten eher durch niedrigere Gewinnmargen auffangen, als daß sie diese direkt im Preis an ihre Kunden weiterreichen könnten. Das Band zwischen der gesamtwirtschaftlichen Auslastung der Kapazitäten und der Inflation hat sich damit gelockert. Wenn Mehrnachfrage auch aus dem Ausland bedient werden kann, zeigen rund um die Uhr laufende Maschinen im Inland nicht mehr zwingend steigenden Inflationsdruck an.

          Die globale Wirtschaftsentwicklung ist so für die nationale Geldpolitik wichtiger geworden, was den Notenbanken die Arbeit nicht erleichtert. Die größere Wettbewerbsintensität wirft auch die Frage auf, ob der neutrale Leitzins heute höher liegt als früher - was für die derzeitigen Bestrebungen, die Geldpolitik zu normalisieren, entscheidend ist.

          Mit der Globalisierung der Finanzmärkte sind die Zentralbanken einem stärkeren Erfolgsdruck unterworfen. Eine Geldpolitik, die hohe Inflationsraten zuläßt, wird heute schneller und drastischer durch Kapitalflucht und Abwertung bestraft als früher. Diese disziplinierende Wirkung schmälert das Lob für die Zentralbanken: Wer sich unter Druck bewegt, sollte sich dafür nicht auf die Schulter klopfen. Ohnehin ist umstritten, ob die Notenbanken gerade in den Vereinigten Staaten und in der Europäischen Währungsunion ihrer Verantwortung in den vergangenen Jahren hinreichend gerecht wurden. Der globalisierungsbedingte Preisdruck nach unten ist nicht deflationär - zumindest nicht in dem Sinne, daß er mit einer wirtschaftlichen Abwärtsspirale einhergeht. Die Globalisierung ähnelt eher einem Produktivitätsschub, der die Wirtschaft befeuert und - realwirtschaftlich bedingt - auf die Preise drückt. Gemessen daran, hätte die Inflationsrate der Industriestaaten in den vergangenen Jahren eigentlich noch niedriger liegen müssen.

          Mit ihrer sehr langen, sehr lockeren Geldpolitik haben die Fed und die EZB sich ein wenig auf der preisdämpfenden Globalisierung ausgeruht. Der Preis dafür ist die gestiegene Liquidität, die in Immobilien und andere Finanzanlagen drängte und dort die Preise rasant antrieb - mit dem noch bestehenden Risiko von zerplatzenden Blasen. Die Geldpolitik hat von der Globalisierung deutlich profitiert. Auch deshalb wäre es fatal, wenn die Doha-Handelsrunde endgültig scheiterte und sich ein neuer Protektionismus ausbreitete. Auf mittlere bis lange Sicht bestimmen freilich nicht realwirtschaftliche Veränderungen die Inflation, sondern allein das Ausmaß der Geldversorgung - und damit die Zentralbanker. Noch ist es zu früh für ein Urteil darüber, ob die allgemein günstige Inflationsentwicklung ein positiver Nebeneffekt des Globalisierungsschubs ist oder ob die Zentralbanken ihre Lektion wirklich gelernt haben.

          Topmeldungen

          Wer drehte das Ibiza-Video? : Ein Wiener Anwalt und seine Mandanten

          Das heimlich aufgenommene Video, das die FPÖ-Politiker Strache und Gudenus die Karriere kostete und Österreichs Regierung zu Fall brachte, läuft inzwischen unter dem Rubrum „Ibiza-Gate“. Die Hinweise auf Mittelsmänner verdichten sich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.