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Leitartikel Wirtschaft : Freiheit wozu

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Die Aufforderung gehört zu den klassischen Lehrsätzen aus Kindertagen: "Es geht nicht um Freiheit wovon, es geht um Freiheit wozu!" Es war ein gängiger Satz in den siebziger Jahren, auch in der politischen Debatte.

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          Freiheit ist ein glückhafter Zustand, der genutzt werden will.

          Die Aufforderung gehört zu den klassischen Lehrsätzen aus Kindertagen: "Es geht nicht um Freiheit wovon, es geht um Freiheit wozu!" Es war ein gängiger Satz in den siebziger Jahren, auch in der politischen Debatte. Doch der in politischer Philosophie ein wenig geschulte Geist stutzt. War es nicht andersherum? Ist der Grundgedanke der Freiheit nicht gerade, Übergriffe und Zwänge abzuwehren? Steht das "wovon" also nicht gerade im Vordergrund und bedarf sogar des Schutzes gegen das "wozu" in Form kollektiver Ziele, mit denen eine Mehrheit das Individuum zu bevormunden droht? Hat die Elterngeneration alles falsch verstanden?

          Nein, hat sie nicht. Die Crux bei der Philosophie ist, dass wesentliche Gedanken als Teile umfassender Systeme auftreten. Einzelne Begriffe oder Sätze sind selten aus sich heraus verständlich; sie bedürfen der Erklärung, der Verankerung im gesamten Denkgebäude. Das hat zur Folge, dass hin und wieder die Argumentationsebenen verschwimmen, dass Begriffe verzerrt werden, sich als Schlagworte falsch festsetzen und mitunter völlig unbeabsichtigte Wirkung entfalten. Das Begriffspaar "Freiheit wovon" und "Freiheit wozu" ist ein solcher Fall - bevor man es benutzt, muss man dringend Argumentationsebene und Begrifflichkeit klären.

          Gemäß der politischen Philosophie gilt es zu unterscheiden zwischen zwei Freiheitskonzepten. Die - ungeschickterweise so genannte - "negative" Freiheit besteht in der Abwehr von äußerem Zwang. Die "positive" Freiheit zielt je nach Auslegung vor allem auf Teilhabe des Bürgers am politischen Leben oder darüber hinaus - in eins gesetzt mit der konzeptionell fragwürdigen "materiellen Freiheit" - auf die konkrete Realisierbarkeit von Lebensentwürfen. Die Argumentationsebene ist hier also die politische; es geht um den Ordnungsrahmen, in dem sich das Miteinander der Menschen in Wirtschaft und Gesellschaft abspielt. Negative Freiheit bedeutet Verteidigung gegen Willensunterwerfung und Bewahrung der individuellen Autonomie im Rahmen der Rechte des anderen; positive Freiheit bedeutet vor allem Mitgestaltung des Ordnungsrahmens. Negative Freiheit begründet Abwehrrechte vor allem gegen den Staat; positive Freiheit begründet Demokratie, Teilhabe und - in Verbindung mit der materiellen Freiheit - konkrete Ansprüche.

          Die Überlegenheit des negativen Freiheitsbegriffs erklärt sich dabei schlicht daraus, dass auch die auf Mehrheitsentscheidungen fußende Demokratie vor Übergriffen auf die Entscheidungsfreiheit des Individuums nicht haltmacht, wenn ihr keine Grenzen gesetzt sind. Mit Blick auf die Gestaltung eines Ordnungsrahmens ist es somit ein moralisches Gebot, die negative Freiheit davor zu bewahren, unter die Räder der positiven Freiheit zu geraten.

          Wenn der ordnungsethische Auftrag der negativen Freiheitssicherung benannt und idealerweise auch halbwegs erfüllt ist, dann tut sich freilich noch immer eine andere, eine individualethische Argumentationsebene auf - und hier setzen die hergebrachten Sprüche der Eltern an. "Freiheit wozu statt Freiheit wovon" in diesem Sinne zielt auf die Gestaltung eines erfüllten und erfüllenden Alltags, auf den persönlichen Sinn des Lebens - und da ist die Umkehrung der Begrifflichkeit durchaus angebracht. Dies ist eine andere Ebene, die aber nicht minder entscheidend ist.

          Im Lichte welcher Werte wir unser Leben gestalten und welche Ziele wir uns setzen, ob wir zupackend nach Neuem streben oder innerlich erstarren, ob wir nach vorne blicken oder zurück, ob wir aufbauen oder nur verzehren, ob wir abwehren oder gestalten, ob wir Verantwortung auf andere Menschen oder gar auf den Staat abwälzen oder ob wir sie tatkräftig selbst übernehmen - all das ist zudem wesentlich für die Dynamik und die Zielrichtung einer Gesellschaft. Wo der Mensch seine Freiheit nicht verantwortungsvoll und konstruktiv zu nutzen versteht, hat nicht nur das Individuum selbst wenig von seiner Freiheit, sondern im Ergebnis auch die Gemeinschaft.

          Nur lässt sich solcherlei nicht durch einen Ordnungsrahmen steuern. Werte und Ziele ergeben sich vorrangig im privaten Umfeld, sie haben etwas mit Erziehung zu tun und leiten sich von konkreten Vorbildern ab. Auch die Kirchen und andere normativ orientierte Gemeinschaften spielen hier immer noch eine wichtige Rolle. Wie Menschen die Freiheit nutzen wollen und wie viel Verantwortung unabdingbar mit dazugehört, ist ein Wertediskurs, der auch öffentlich geführt werden kann und darf - aber ohne Anmaßung. Auch darf er im politischen Handeln keinen unmittelbaren gestalterischen Niederschlag finden, wenn der Bürger frei bleiben und keine Bevormundung durch selbsternannte Sozialingenieure stattfinden soll. Hier gilt es wachsam zu bleiben.

          Umgekehrt ist es ein Kategorienfehler, den Abwehrreflex, der sich auf ordnungstheoretischer Ebene aus der politischen Philosophie ergibt, ungebrochen auf die individuelle Ebene zu übertragen. Wo politische Bevormundung in Schach gehalten und physische Gewalt ausgeschlossen ist, stellt sich dem Einzelnen im Alltag schließlich die Frage, wie und wozu er das Geschenk der Freiheit nutzen will. Statt die Zeit damit zu vergeuden, sich endlos immer weiter emanzipieren und von Zwängen aller Art unabhängig machen zu wollen, ist jedem Menschen der Auftrag gestellt, sich Ziele zu setzen, Verantwortung zu übernehmen, sich zu engagieren und auch freiwillig zu binden. So wie in der Politik individuelle Freiheit nicht Rechtlosigkeit des anderen bedeutet, so läuft sie im Persönlichen bestimmt nicht auf inhaltliche Leere, Verantwortungsverweigerung und Autismus hinaus.

          Freiheit ist ein glückhafter Zustand, der genutzt werden will. Sie endet nicht in Abkapselung, sondern mündet in Offenheit: sinnvoll, verantwortlich, kreativ. Alles andere wäre moralisch ein Frevel. Da hatten die Eltern schon recht.

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