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Leitartikel Wirtschaft : Die Renditefabriken

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Mit dem Verkauf des Berliner Verlags an zwei Finanzinvestoren ist eine Debatte wieder entbrannt, die gerade erloschen schien: die von dem SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering initiierte Diskussion über die als "Heuschrecken" bezeichneten Beteiligungsgesellschaften und Hedge-Fonds.

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          Mit dem Verkauf des Berliner Verlags an zwei Finanzinvestoren ist eine Debatte wieder entbrannt, die gerade erloschen schien: die von dem SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering initiierte Diskussion über die als "Heuschrecken" bezeichneten Beteiligungsgesellschaften und Hedge-Fonds. Wieder wurde das ausländische Kapital von der Politik, den Gewerkschaften und der kulturschaffenden Prominenz mit lautstarkem Zeter und Mordio begrüßt. Dabei stand nicht etwa eine in Teilen durchaus berechtigte Kritik an den rüden Methoden des britischen Investors David Montgomery im Vordergrund, es ging um ein pauschales Abkanzeln von Finanzinvestoren und das Streben nach Gewinn an sich.

          Diese Debatte offenbart eine geradezu schizophrene Sicht: Als Kleinanleger wollen die Deutschen an den Aktienmärkten ihr Geld vermehren; die dazu erforderliche starke Renditeorientierung der Unternehmen lehnen viele jedoch ab, weil sie Arbeitnehmerinteressen beschädigt sehen. Die hohen Gewinne der außerbörslichen Beteiligungsfonds (Private Equity) locken deutsche Anleger in Scharen in die Dachfonds; wenn dann jedoch amerikanische Finanzinvestoren deutsche Unternehmen kaufen, gilt das als verwerflich.

          Die Diskussion zeigt auch ein erschreckendes Maß an Unkenntnis über die zunehmend wichtige Anlageklasse Private Equity - mit unguten Folgen. Nicht wenige Anleger lassen sich derzeit von dem einen oder anderen Fondsanbieter durch den Lockruf betören, diese Anlage werfe Erträge von 30 Prozent ab. Doch dabei wird nicht nur übersehen, daß aufgrund der saftigen Gebührenstrukturen der Dachfonds bei dem gemeinen Kleinanleger nur ein Bruchteil dieser Rendite hängen- bleibt. Ausgeblendet wird auch, daß Renditen von rund 27 Prozent, wie sie der amerikanische Private-Equity-Pionier Kohlberg Kravis Roberts in den vergangenen 25 Jahren erwirtschaftet hat, nur für die absoluten Top-Fonds der Branche gelten. An diesen kann Lieschen Müller mit ihren 20 000 Euro nicht teilhaben - eine zweistellige Millionensumme sollte schon zur Hand sein, um die Chance zu haben, als Investor aufgenommen zu werden. Wohlgemerkt nur die Chance, denn die erfolgreichsten Beteiligungsgesellschaften können sich vor Geldern kaum retten und müssen so manchem Investor die Tür vor der Nase zuschlagen.

          Vor allem die auf Übernahmen etablierter Unternehmen spezialisierten Fonds waren in den vergangenen Jahren sehr erfolgreich. Im zehnjährigen Durchschnitt haben sie eine Rendite von 15 Prozent erwirtschaftet. Und im Gegensatz zu dem sehr wechselhaften Wagniskapitalgeschäft waren die Gewinne zumeist einige Prozentpunkte besser als die Aktienmärkte. Vor allem den nach der Jahrtausendwende aufgelegten Fonds werden wieder sehr hohe Renditen bescheinigt, denn die Umstände für Übernahmen waren gerade in Europa sehr günstig: eine schlechte Börsenverfassung, sich restrukturierende Industrieunternehmen und äußerst liquide Fremdfinanzierungsmärkte. In dieser Zeit sind viele angloamerikanische Finanzinvestoren nach Deutschland vorgestoßen. Indem sie deutsche Unternehmen kaufen und nach ein paar Jahren gewinnbringend wieder abstoßen, sichern sie beispielsweise die Rente amerikanischer Polizisten und mehren das Vermögen der katholischen Kirche. Denn für den Vatikan und große amerikanische Pensionskassen wie die staatliche kalifornische Calpers ist es längst eine Selbstverständlichkeit, stark in Private Equity und Hedge-Fonds zu investieren. Das gilt auch für große Universitäten wie Harvard, die diesen Fonds ein Viertel ihres hochprofessionell verwalteten, 27 Milliarden Dollar schweren Geldtopfs überlassen.

          In Deutschland dagegen schauen nicht nur Privatanleger, sondern auch Versicherungsnehmer in die Röhre. Deutsche Versicherungen und Pensionskassen scheuen das vermeintliche Risiko und stecken weniger als ein Prozent ihrer Anlagegelder in Beteiligungsfonds. Während Harvard in den vergangenen zehn Jahren eine jährliche Rendite von 15,9 Prozent erzielte, scheinen sich deutsche Lebensversicherungen mit den weniger als 3,5 Prozent einer zehnjährigen Bundesanleihe zufrieden- zugeben.

          Ein Umdenken ist immerhin spürbar; angelockt von den Traumrenditen, trauen sich deutsche Versicherungen und Pensionskassen zaghaft an größere Private-Equity-Investitionen heran. Das ist begrüßenswert, auch wenn die Erkenntnis spät kommt. Denn es sollte keiner der Illusion unterliegen, die hohen Renditen der Vergangenheit ließen sich einfach fortschreiben. Beteiligungsgesellschaften sind keine wundersamen Renditemaschinen. Sollten sich die Rahmenbedingungen verschlechtern - durch steigende Zinsen, Konjunkturschwäche, Konkurrenz durch strategische Unternehmenskäufer -, werden die Gewinne der Fonds sinken.

          Wie stets fallen die Renditen einer Anlageklasse dann, wenn zuviel Geld in sie hineingepumpt wird. Genau das ist derzeit der Fall. In diesem Jahr werden Private-Equity-Fonds atemberaubende 200 Milliarden Dollar einsammeln. Einige Fachleute warnen, die Summe sei zu groß, um sinnvoll investiert zu werden. Wenn immer mehr Geld immer weniger "Deals" hinterherjagt, dann werden die ohnehin schon hohen Preise für Unternehmen ins Uferlose steigen. Die daraus erwachsende Gefahr ist nicht so sehr, daß reihenweise Fonds zusammenbrechen werden. Wegen der Streuung auf zumeist zehn bis 15 Einzelinvestitionen je Fonds ist das eher unwahrscheinlich. So manches der stark fremdfinanzierten Übernahmekonstrukte könnte dann aber unter Druck geraten - und die Renditen der jeweiligen Fonds dadurch erheblich belasten.

          Da Private Equity die Aktienmärkte bislang aber allemal geschlagen hat, sind Hoffnungen auf weitere Erfolge auch nicht unberechtigt. Deutschland täte daher gut daran, von der Beteiligungsbranche zu profitieren, anstatt über "Heuschrecken" zu lamentieren.

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