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Leitartikel Wirtschaft : Die Optionen der Agnellis

Der Familie Agnelli stellen sich drei Möglichkeiten: das Autogeschäft an General Motors übergeben, im Fiat-Konzern abzudanken oder den Konzern aufzuteilen.

          3 Min.

          Italien spekuliert immer heftiger über die Zukunft von Fiat. Steht der Autokonzern vor der Aufteilung? Beflügelt werden die Spekulationen durch zwei nüchterne Feststellungen von Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi, die seinen bisherigen Erklärungen und Beschwichtigungen entgegenstehen. Die Fiat-Aktionäre (also die Familie Agnelli) wollten das Autogeschäft verkaufen, sagte Berlusconi. Und: Der General-Motors- Konzern, der sich vor gut drei Jahren zur vollständigen Übernahme von Fiat Auto verpflichtet hatte, sei nun eigentlich nicht mehr daran interessiert.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Glaubt man, daß Berlusconi von Umberto Agnelli und der Fiat-Spitze eine offene Lagebeschreibung erhalten hat, ergibt das Spiel mit den strategischen Szenarien neue Perspektiven. Zuerst läßt sich festhalten, daß die Aktionäre wieder einmal über die wahre Lage getäuscht worden sind. Denn von Fiat und den Agnellis ist monatelang eine Perspektive beschworen worden, die längst überholt ist. Fiat müsse das Autogeschäft nicht zwingend verkaufen, sondern erst einmal sanieren, um dann frei zu entscheiden zwischen Weitermachen und Verkauf an General Motors, hieß es.

          Krise im Automobilgeschäft

          Doch von der Hoffnung auf einen Sanierungserfolg ist nicht mehr viel geblieben. Längst bedroht die Krise im Autogeschäft den Bestand des gesamten Konzerns. General Motors aber muß die krisengeschüttelten Automarken Fiat, Alfa Romeo und Lancia erst von 2004 an übernehmen. Offen bleibt die Frage, wie Fiat die Zeit bis dahin überbrücken will, noch dazu mit einem Präsidenten, der im April gehen will, und einem Chief Executive, den viele Italiener als Verlegenheitslösung sehen.

          Realistischer erscheint dagegen nun ein Szenario, in dem der scheidende Fiat-Präsident Paolo Fresco noch vor seinem Abgang im Frühjahr mit General Motors eine Lösung aushandelt. Die Amerikaner müßten dann entweder sofort die Autosparte von Fiat übernehmen oder aber eine Entschädigung dafür bieten, daß sie die Übernahme vertagen oder gar völlig aus ihrer Verpflichtung zum Kauf entlassen werden. Für einen solchen Fall brauchen die Agnellis neue Partner, möglichst aus der italienischen Unternehmerschaft. Roberto Colaninno, früher Chef von Olivetti, Sieger einer Übernahmeschlacht um Telecom Italia, seit dem Verkauf im Sommer 2001 auf der Suche nach neuen Investitionsobjekten, steht im Mittelpunkt der Spekulationen. Wenn Colaninno kommt, will er jedoch alleine regieren.

          Die Aussichten von Fiat würden sich allerdings auch unter Führung von Colaninno nicht schlagartig bessern. Zum einen ist Colaninno kein Autonarr wie etwa Ferdinand Piëch, sondern ein kühl rechnender Finanzinvestor. Zum anderen zeigen seine zwei Jahre bei Telecom Italia, daß er Schwierigkeiten im Umgang mit einem weitverästelten Konzern hat. Nahezu erfolglos war der ehemalige Telecom-Chef Colaninno im Umgang mit den Gewerkschaften, die sich gerade bei Fiat gegen jeglichen Personalabbau stemmen.

          Ein Bündnis der Agnellis mit anderen italienischen Unternehmern und Kapitalgebern bedeutete nicht den sofortigen Rückzug von Fiat, bietet aber nicht viele Chancen. Niemand will allein die Löcher im Autogeschäft stopfen, wenn nicht in der Zukunft hübsche Leckerbissen als Belohnung winken. Fiat besitzt schließlich einen der größten Traktorenhersteller der Welt (Case New Holland), einen wichtigen Lastwagenproduzenten (Iveco), Italiens viertwichtigste Zeitung ("La Stampa"), eine mittelgroße Versicherung (Toro), einen renditestarken Flugmotorenhersteller (Fiat Avio) und eine vielversprechende Beteiligung im Energiegeschäft an der Seite von Electricité de France (Edison). All diese Aktivitäten hatten die Agnellis bisher als Familiensilber angesehen, das für die Rettung des Autogeschäfts nicht verkauft oder aufs Spiel gesetzt werden kann. Abstoßen wollten sie nur den Anlagenbau (Comau) oder Autozulieferteile (Magneti Marelli), doch ginge dies nur zu Schleuderpreisen.

          Abschied vom Ersatz-Könighaus

          Von den drei Optionen der Agnellis - das Autogeschäft mit viel Geld an General Motors zu übergeben, im Fiat-Konzern abzudanken oder den Konzern aufzuteilen - wäre die Teilung des Konzerns in der Öffentlichkeit am wenigsten populär. Sie aber würde langfristig für die einzelnen Fiat- Aktivitäten und Italiens Wirtschaft die meisten Perspektiven bieten. Denn es macht wenig Sinn, die historische Aktionärsfamilie im Autogeschäft auf ihre alte Rolle festzunageln, wenn sie schon jahrelang ihre wichtigsten Investitionen in anderen Branchen tätigt. Die anderen Bestandteile des Konzerns, größtenteils wenig rentabel und ohne besondere Synergien untereinander, könnten unter der Führung jeweils eines eigenen, nur in einer Branche interessierten Unternehmers weit besser reüssieren.

          Die Agnellis müßten sich dann allerdings endgültig verabschieden von einer Rolle, die früher an die eines Ersatz-Königshauses erinnerte und die dem Clan allein deswegen viele wirtschaftliche Vorteile brachte. Doch eine vielfältig verzweigte Familie mit rund 120 sicherheits- und renditebewußten Erben eignet sich offenbar nicht dazu, an die Stelle eines einzelnen Unternehmers zu treten, der große Risiken eingeht und dabei immer wieder alles auf eine Karte setzt.

          Ironischerweise war es gerade die Angst vor einer Aufteilung der Fiat- Gruppe, die vor wenigen Wochen einen starken Sanierer an der Konzernspitze verhindert hat. Enrico Bondi, der Sanierer von Montedison, sollte im Handstreich an die Fiat-Spitze befördert werden. Doch sein Etikett als Gefolgsmann von Mediobanca, die Gegnerschaft der Gläubigerbanken und die Furcht vor Unternehmensverkäufen brachte Fiat anstelle eines starken Sanierers eine schwache Führung auf Abruf. Dabei suchte ein Finanzinvestor wie Colaninno seinen Gewinn ebenfalls in der Aufteilung des Konzerns und dem Verkauf einzelner Teile. Sicher können Politik, Gewerkschaften und öffentliche Meinung noch einige Zeit eine Aufteilung des Fiat-Konzerns verhindern. Die Konsequenz wäre langes Siechtum - vor dem endgültigen Zerfall.

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