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Leitartikel Wirtschaft : Die Konjunkturmaschine

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Der Maschinenbau scheint nicht zu halten. Schon das vergangene Jahr ist wesentlich besser verlaufen, als alle Optimisten erwartet hatten. Die Produktion legte um sieben Prozent zu. Sie wuchs damit weit stärker als zu Jahresanfang ...

          Der Aufschwung im Maschinenbau geht in das vierte Jahr.

          Der Maschinenbau scheint nicht zu halten. Schon das vergangene Jahr ist wesentlich besser verlaufen, als alle Optimisten erwartet hatten. Die Produktion legte um sieben Prozent zu. Sie wuchs damit weit stärker als zu Jahresanfang mit zwei Prozent vorausgesagt und deutlich stärker als die gesamte Wirtschaft. Auch 2007 deuten alle Zeichen auf ein kräftiges Wachstum. Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau hat seine Prognose zuletzt auf ein Produktionsplus von vier Prozent verdoppelt. Selbst der vorsichtige Verbandspräsident Dieter Brucklacher verfällt in überbordenden Optimismus. Denn die Auftragsbücher sind so prall gefüllt, dass jetzt schon für die nächsten sechs Monate die Beschäftigung gesichert ist.

          Der Maschinenbau ist zu einem Träger des Aufschwungs geworden. Zwar liegt das für dieses Jahr prognostizierte Wachstum deutlich unter den Zuwächsen des abgelaufenen Jahres. Doch gilt es bei einer Bewertung zu berücksichtigen, dass der Aufschwung mittlerweile in sein viertes Jahr geht. Selbst zuversichtliche Naturen fragen sich daher allmählich: Ist eine so lange Aufschwungphase in dieser zyklischen Branche noch normal? Vor einem Vierteljahrhundert haben Maschinen- und Anlagenbauer zuletzt solches erlebt. Nach den gängigen Mustern sind sie mit drei Jahren Wachstum schon bestens bedient.

          Doch ein Abreißen des Aufschwungs ist nicht zu erkennen. Trotz des nach wie vor vergleichsweise teuren Standorts Deutschland haben es die 6000 zumeist mittelständisch geprägten und kleinen Familienunternehmen geschafft, ihre Produkte zu einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis anzubieten. Sie haben sich damit im erbitterten Wettbewerb, vor allem gegenüber der erwachenden mächtigen asiatisch-chinesischen Konkurrenz, behauptet.

          Hinzu kommt eine für den Maschinenbau überaus erfreuliche Tatsache: Die Investitionsgüterkonjunktur im Inland ist im vergangenen Jahr endlich richtig angesprungen. Niemand redet mehr von "Investitionsstau", sondern davon, dass dieser sich auflöse. Die Branche hatte zwar gehofft, aber lange offenbar nicht mehr so recht zu glauben gewagt, dass die erwartete nachlassende Dynamik im Auslandsgeschäft, vor allem im immer noch wichtigsten amerikanischen Markt, durch das Wiedererstarken der Inlandsnachfrage aufgefangen werden könne. Seit dem vergangenen Herbst ist dies quasi amtlich. Die Sorgen vieler Unternehmer bezüglich der Durchhaltekraft der inländischen Konjunktur sind vorerst weggefegt. Denn auch wenn im Maschinenbau nur ein Viertel der Produktion im Inland verkauft wird, sind die Zuwachsraten hier so stark, dass sie zur wichtigen Größe in den Auftragsbüchern werden.

          Derzeit wird produziert, was das Zeug hält. Die Kapazitäten sind mit mehr als 90 Prozent so hoch ausgelastet wie zuletzt in den vereinigungsbedingten Boomjahren 1990 und 1991. Die Branche hat im vergangenen Jahr 15 000 neue sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze geschaffen und macht mit 880 000 Beschäftigten ihrem Ruf als größter industrieller Arbeitgeber in Deutschland wieder alle Ehre. In diesem Jahr können gut und gerne weitere 10 000 Stellen hinzukommen. Die Unternehmen investieren in ihren Maschinenpark und erhöhen ihre Kapazitäten. Daher dürften die gegenwärtigen Engpässe in der Produktion, unter denen manche Firmen leiden und die sie schon das eine oder andere Mal zur Ablehnung von Aufträgen gezwungen haben, verschwunden sein.

          Zugleich stellt der Kapazitätsaufbau den Maschinenbau vor neue Herausforderungen. Denn es gilt, die weitere Auslastung der Anlagen zu sichern, also für ein erhöhtes Niveau an Auftragseingängen und -beständen zu sorgen - ausgerechnet zu einer Zeit, in der das Rückschlagsrisiko zunimmt. Eine Abkühlung wird unvermeidlich sein, auch wenn der Zeitpunkt bisher nicht abzusehen ist.

          Viel hängt davon ab, inwieweit die nachlassende Dynamik in den Vereinigten Staaten durch Inlandsaufträge und zusätzliche Asien-Geschäfte aufgefangen werden kann. Normalerweise kündigt die Entwicklung in den Sommermonaten an, ob eine Delle bevorsteht. In diesem Jahr werden die Unternehmen daher mit Argusaugen auf die Auftragslage im Juli und August schauen. Eine Trendwende hat sich bisher stets in diesen Monaten angekündigt. Bleibt diese auch 2007 aus, wäre das schlicht phänomenal.

          Für den Fall einer Abkühlung wird der Druck auf die Unternehmen größer, sich mit ausreichend Aufträgen auf einem dann höheren Kapazitätsniveau zu halten. In der Vergangenheit schon haben die Unternehmer ihre Fähigkeit zur Flexibilität bewiesen. Nicht umsonst dringt vor allem der Maschinenbauer auf betriebliche Bündnisse. Sie erlauben es ihnen und den Mitarbeitern, in atmenden Fabriken in schlechten Zeiten weniger und in guten mehr zu arbeiten - was angesichts der überquellenden Arbeitszeitkonten nur vernünftig wäre.

          Viele Unternehmen haben Flexibilisierungselemente seit Jahren implementiert und so in Flautezeiten einen unverhältnismäßig hohen Arbeitsplatzabbau vermieden. Das geht wegen der tarifpolitischen Korsettstangen selten ganz ohne Schwierigkeiten ab und zwingt manchmal durch ungewöhnliche Betriebsbündnisse zum halblegalen Handeln. Bewahrt sich der Maschinenbau diese Flexibilität, hat er gute Chancen, nicht nur mit einer Kühlperiode fertig zu werden. Die vier satten Jahre haben die Unternehmen so gestärkt, dass sie die Herausforderungen besser meistern werden - auch zum Vorteil der Arbeitnehmer.

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