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Leitartikel Wirtschaft : Den Energiepreiswettbewerb nutzen

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Viele private Haushalte klagen über hohe Strom- und Gaspreise. Nur wenige kennen und nutzen jedoch vorhandene preisgünstige Angebote. Kein Privathaushalt muss die Preise seines örtlichen Anbieters zähneknirschend hinnehmen.

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          Der Wettbewerb um die Privathaushalte ist längst in vollem Gang.

          Viele private Haushalte klagen über hohe Strom- und Gaspreise. Nur wenige kennen und nutzen jedoch vorhandene preisgünstige Angebote. Kein Privathaushalt muss die Preise seines örtlichen Anbieters zähneknirschend hinnehmen. Bundesweit kann auf Konkurrenten ausgewichen werden, die durchweg niedrigere Preise verlangen. Es handelt sich meist um Tochtergesellschaften großer, leistungsstarker Unternehmen. Risiken sind mit einem Lieferantenwechsel nicht verbunden. Kosten entstehen den privaten Haushalten nicht. Die Abmeldung beim bisherigen Energielieferanten übernimmt das beauftragte neue Unternehmen.

          Den Anfang mit dem Umwerben von Privathaushalten hat schon vor Jahren der Stromkonzern EnBW mit seinem Tochterunternehmen Yello Strom gemacht. Mehr als eine Million Kunden hat Yello inzwischen an sich gezogen. Dieser Erfolg hat die anderen Energieriesen auf dem deutschen Markt nicht ruhen lassen. Eon und RWE haben nachgezogen und bieten ebenfalls bundesweit mit ihren Tochterunternehmen E wie einfach und Eprimo eine billige Versorgung mit Strom (zum Teil auch mit Gas) an. E wie einfach verspricht, den Strom stets einen Cent je Kilowattstunde billiger zu liefern als das örtliche Versorgungsunternehmen. Dieser Preisvorteil gälte auch dann, wenn das heimische Stadtwerk seinen Preis senken würde. Bei Gas garantiert E wie einfach einen um zwei Cent pro Kubikmeter niedrigeren Preis als der örtliche Versorger. Auf ein Jahr bezogen, führt ein Lieferantenwechsel zu fühlbar niedrigeren Energiekosten. Auch Telekommunikationsunternehmen wie Mobilcom (Bonusstrom) und Teldafax betätigen sich inzwischen als Stromlieferanten. Im Internet kann sich jedermann über die konkurrierenden Anbieter und deren Energiepreise informieren und Preisvergleiche anstellen. In Kürze wird der Lieferantenwechsel auf Druck der Bundesnetzagentur elektronisch zwischen den beteiligten Unternehmen abgewickelt, was die Kosten der Versorgungsunternehmen senkt und den Wechsel beschleunigen hilft.

          Die kommunalen Anbieter sind von den neuen Konkurrenten wenig entzückt. Die glücklichen Zeiten, in denen Demarkations- und Konzessionsverträge jeglichen Wettbewerb ausschlossen und den Stadtwerken ein lukratives Monopol sicherten, sind als Folge der Deregulierung aller Energiemärkte endgültig vorbei. Die Reaktionen der örtlichen Versorgungsunternehmen sind unterschiedlich: Fusionen und gemeinschaftlicher Einkauf zu vorteilhaften Bedingungen stehen obenan. Preissenkungen versprechen dagegen wenig Erfolg, da die Konkurrenten meist den Preisabstand beizubehalten versprechen. Mit der Qualität der Leistungen bei den Privathaushalten zu punkten wird kaum gelingen. Qualität, insbesondere Versorgungssicherheit, bieten - schon aus physikalischen Gründen zwingend - auch die Konkurrenten.

          Der härtere Wettbewerb auf den lokalen Energiemärkten hat Folgen für die Gemeindefinanzen. Die umsatzabhängigen Einnahmen aus den Konzessionsabgaben, die für die Nutzung kommunaler Straßen zwecks Leitungsverlegung zu bezahlen sind, werden sinken. Das kommunale Wegemonopol, bisher zu Lasten der Strom- und Gaskunden ausgebeutet, wird weniger lukrativ. Die erheblichen Überschüsse aus dem Strom- und Gasabsatz ihrer Stadtwerke haben die Gemeinden außerdem zur Deckung von Defiziten anderer kommunaler Betriebe, insbesondere von Verkehrsbetrieben, genutzt. Diese Überschüsse, über hohe Preise für Strom und Gas zu Lasten der Bürger erwirtschaftet, werden ebenfalls schrumpfen.

          Der Ausweg, ortsfremden Energielieferanten mit prohibitiv hohen Preisen für die Nutzung der örtlichen Verteilernetze das Leben schwerzumachen und so den ungeliebten, einnahmensenkenden Wettbewerb zu unterbinden, ist den Gemeinden versperrt. Die Bundesnetzagentur prüft die kommunalen Netznutzungspreise und verhindert unangemessen hohe Belastungen ortsfremder Energieversorgungsunternehmen.

          Verbraucherschützer, aber auch Bundes- und Landespolitiker geben sich gern als Anwälte kleiner Energieverbraucher aus, beklagen die oligopolistische, wettbewerbsbehindernde Struktur der Energiemärkte und fordern mehr preisdrückenden Wettbewerb. Dass gerade der Wettbewerb um die Privathaushalte längst in vollem Gange ist, freilich von den Verbrauchern offensichtlich bisher nur wenig genutzt wird, scheinen viele Mahner nicht zu sehen. Es ist ähnlich wie bei der kundenfreundlichen, wettbewerbsfördernden Deregulierung in anderen Wirtschaftsbereichen. Trägheit und Unwissenheit vieler Verbraucher verhindern rasche und umfassende Reaktionen auf ein neues Marktumfeld. Das zeigte sich beispielsweise deutlich in der Telekommunikation. Erst nach Jahren vollziehen sich dort die radikalen Änderungen zu Lasten des ehemaligen Monopolisten, mit denen eigentlich schon viel früher hätte gerechnet werden können.

          In der Versorgung der privaten Haushalte mit Strom und Gas ließe sich dieser Prozess beschleunigen, wenn nicht nur die neuen Anbieter, sondern auch Politiker und Verbraucherschützer nachhaltig und eindringlich auf die Chancen verwiesen, die durch die Nutzung des Preiswettbewerbs zwischen vielen bundesweit anbietenden Konkurrenten entstanden sind. Davon ginge zugleich ein stärkerer Druck auf die ehemaligen örtlichen Monopolisten aus, ihre Geschäfts- und Preispolitik den veränderten Marktverhältnissen anzupassen. Je mehr Energieverbraucher von den neuen, billigeren Angeboten Gebrauch machen, desto schneller wird sich dieser Umstellungsprozess zum Vorteil vieler Millionen privater Haushalte vollziehen. Die Deregulierungspolitik hat sich erneut bewährt.

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