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Leitartikel Wirtschaft : Bild, Bams und Glotze

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In Deutschland soll ein neuer Medienkonzern entstehen, dessen wirtschaftliche Macht und meinungsbildende Kraft ein in der Bundesrepublik bisher nicht gekanntes Maß erreicht. Das größte Zeitungshaus des Landes, der Axel Springer Verlag, ...

          In Deutschland soll ein neuer Medienkonzern entstehen, dessen wirtschaftliche Macht und meinungsbildende Kraft ein in der Bundesrepublik bisher nicht gekanntes Maß erreicht. Das größte Zeitungshaus des Landes, der Axel Springer Verlag, kündigte am Freitag an, für insgesamt 4,2 Milliarden Euro den Münchner Fernsehkonzern Pro Sieben Sat.1 zu übernehmen, eine der beiden dominierenden Privatfernsehgruppen in Deutschland.

          Niemand hat die über die rein wirtschaftliche Sphäre hinausreichende Bedeutung und Problematik dieses Zusammenschlusses so knapp auf den Punkt gebracht wie Gerhard Schröder. Der Bundeskanzler meinte schon vor Jahren, er brauche zum Regieren die Springer-Zeitungen Bild, Bild am Sonntag und das Fernsehen ("Bild, Bams und Glotze"). Sollte Schröder mit seinem geflügelten Wort recht haben, dann gäbe es jetzt Grund zur Sorge. Denn der Umkehrschluß liegt nahe: Gegen den neuen Verlags- und Fernsehriesen würde das Regieren in Deutschland schwierig. So viel Macht für ein einzelnes Unternehmen der "vierten Gewalt" aber kann niemand wollen.

          An der Dominanz eines um das reichweitenstärkste Medium Fernsehen erweiterten Springer-Konzerns im Inland besteht kein Zweifel. Zwar verweist Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner darauf, daß der deutlich größere Medienkonzern Bertelsmann allein in Deutschland mehr Umsatz erwirtschafte als ein um das Fernsehgeschäft vergrößerter Springer-Konzern. Doch kein anderes Unternehmen hat bei Tageszeitungen, Zeitschriften - und demnächst womöglich auch im Fernsehen - eine solch starke Stellung wie Springer.

          Im Tageszeitungsmarkt ist Springer mit einem Auflagen-Anteil über 20 Prozent mehr als doppelt so groß wie seine beiden größten Wettbewerber zusammen und verfügt mit dem Boulevardblatt Bild über das mit weitem Abstand auflagenstärkste Medium in Deutschland. Im Zeitschriftenmarkt ist Springer die Nummer zwei. Im Fernsehen würde Springer ebenfalls zur Großmacht: Pro Sieben Sat.1 beherrscht gemeinsam mit der zu Bertelsmann gehörenden Sendergruppe RTL und den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ARD und ZDF das deutsche Fernsehen.

          Daß es sich bei der Diskussion um die Meinungsmacht von Springer nicht nur um eine abstrakte akademische Fragestellung, sondern um eine von konkreter Relevanz handelt, zeigt eine Randnotiz der vergangenen Woche. Der Verlag kündigte an, er werde im anstehenden Bundestagswahlkampf in seinen Blättern keine Wahlwerbe-Anzeigen der neuen "Linkspartei" drucken.

          Muß ein solch weitreichendes Vorhaben wie die Pro-Sieben-Übernahme durch Springer nicht am Veto des Bundeskartellamtes und der Medienaufsichtsbehörden scheitern? Die Chancen von Springer stehen besser, als es zunächst den Anschein haben mag. Denn das Kartellamt greift relativ kurz und interessiert sich ausschließlich für Marktbeziehungen. Doch die Sender von Pro Sieben Sat.1 sind kostenlos zu empfangen - eine Marktbeziehung zwischen Zuschauern und Sender besteht deshalb nicht. Relevant ist aus Sicht der Bonner Wettbewerbshüter deshalb ausschließlich die Marktmacht des zukünftigen Springer-Konzerns im Geschäft mit der Fernsehwerbung und im Leser- und Anzeigenmarkt. In seinen bisherigen Entscheidungen hat das Kartellamt allerdings den Fernsehwerbe- und den Lesermarkt als getrennte Märkte betrachtet. Ein Zusammenfügen von Verlags- und Fernsehgeschäft wäre demnach unproblematisch.

          Zweite Prüfungsinstanz ist die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK), ein Organ der für die Überwachung des Privatfernsehens zuständigen Landesmedienanstalten. Diese nimmt eine zu verhindernde "vorherrschende Meinungsmacht" jedoch erst ab einem Zuschauermarktanteil von etwa 30 Prozent an - Pro Sieben liegt klar unter dieser Grenze.

          Ein Selbstläufer ist der Springer-Fall dennoch nicht. Bislang hatten weder Kartellamt noch KEK einen Medienzusammenschluß von der Größenordnung des jetzt anstehenden zu beurteilen. Für beide Kontrollinstanzen ist die Prüfung Neuland. Diese neue Dimension läßt Zweifel daran aufkommen, ob die vom Kartellamt bisher vorgenommene Trennung von Anzeigen- und Fernsehwerbemarkt richtig ist. Die Behörde tut deshalb gut daran, ihre bisherige Marktabgrenzung kritisch zu überprüfen. Und die KEK hat laut Gesetz die Möglichkeit, bei ihrer Entscheidung auch benachbarte Medienmärkte - in diesem Fall also auch das Verlagsgeschäft von Axel Springer - zu berücksichtigen. Die Kommission sollte davon Gebrauch machen.

          Unbehagen bei den Plänen von Springer stellt sich nicht nur zu Aspekten der Wettbewerbs- und Meinungsvielfalt ein. Auch industriepolitisch ist das Projekt gewagt. Springer-Chef Döpfner argumentiert, durch den Schulterschluß entstünde neben Bertelsmann ein weiterer nationaler Champion im Mediengeschäft, der den bislang in den meisten Fällen weit größeren internationalen Medienkonzernen wie Disney, News Corp. Time Warner oder auch Yahoo und Google Paroli bieten könne. Natürlich ist dies wünschenswert. Doch der Blick auf die nackten Zahlen legt die Frage nahe, ob der neue "Champion" nicht auf tönernen Füßen steht. Der Preis, den Springer für die Sendergruppe Pro Sieben Sat.1 bezahlt, ist wahrlich kein Pappenstiel. Und trotz gegenteiliger Bekundungen Döpfners sind die finanziellen Lasten für Springer enorm. Zur Finanzierung des Geschäfts wird das Unternehmen voraussichtlich neue Kredite in Höhe von drei Milliarden Euro aufnehmen müssen. Auch für einen Konzern wie Springer ist dies ein großes Wagnis. Scheitert das neue Unternehmen, würde der deutsche Medienmarkt in einer bislang nicht gekannten Weise durcheinandergewirbelt.

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