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Leitartikel Wirtschaft : Bank gegen Bank

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An der Börse trudeln die Kurse, dass einem schwindlig wird. Dabei gerät schon fast in Vergessenheit, wie das Drama nach Deutschland kam. Ende Juli drohte der bedeutende Düsseldorfer Mittelstandsfinanzierer IKB Deutsche Industriebank ...

          Es gibt schwere
          Vorwürfe gegen die Deutsche Bank - und eine spektakuläre
          Lösung für die IKB.

          An der Börse trudeln die Kurse, dass einem schwindlig wird. Dabei gerät schon fast in Vergessenheit, wie das Drama nach Deutschland kam. Ende Juli drohte der bedeutende Düsseldorfer Mittelstandsfinanzierer IKB Deutsche Industriebank unter der Last immer wertloser werdender amerikanischer Hypothekenkreditpapiere zusammenzubrechen. Seither reiht sich eine schlechte Nachricht an die nächste. Keine Bank traut mehr der anderen, die Notenbanken müssen mit Milliardenhilfen die Märkte flüssig halten.

          In Düsseldorf laufen derweil die Aufräumarbeiten unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Die Spurensuche fördert Ungeheuerliches zutage. Wenn man Stimmen aus der Umgebung der IKB und am Finanzplatz Frankfurt glauben darf, hätte die Krise zwar nicht verhindert, in ihrer Dramatik aber gebremst werden können. Ein erheblicher Teil der Schuld an dem Chaos im Allgemeinen und dem mit der IKB im Speziellen wird der Deutschen Bank gegeben, die gleich vierfach ein zweifelhaftes Spiel gespielt haben soll. Sie habe Kreditportefeuilles an die IKB verkauft. Sie habe diese als Treuhänder verwaltet. Sie habe an jenem 27. Juli angesichts der sinkenden Preise für die in den Portefeuilles liegenden Papiere die Kreditlinie der IKB gesperrt und dafür gesorgt, dass die Finanzaufsicht über deren Schieflage informiert wird. Und sie habe an vorderster Front zu Ramschpreisen zugegriffen, als in der Folge die Kurse der Papiere zusammenbrachen.

          Die Deutsche Bank weist dies von sich. Sie habe keine Papiere von der taumelnden IKB gekauft und sich auch sonst nicht unlauter verhalten. Sie habe schlicht als eine der ersten die Schwierigkeiten erkannt und entsprechende Maßnahmen eingeleitet. Ein mit der Materie Vertrauter sieht das anders und fährt schweres Geschütz auf: "Von chinesischen Mauern kann keine Rede sein. Die Deutsche Bank hat ihre Treuhandfunktion benutzt, um aktiv ihr eigenes Geschäft zu betreiben." Treiber des schmutzigen Spiels seien die Investmentbanker in London gewesen, für die "Skrupel" ein Fremdwort sei.

          Im Umfeld des IKB-Großaktionärs KfW, der einen teuren Risikoschirm spannte, macht sich Unmut breit. Die ehrgeizigen Staatsbanker mögen nicht, was da auf sie zurollt. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte wird die ehemalige Kreditanstalt für Wiederaufbau wohl einen Verlust ausweisen müssen. Und was für einen: Die KfW verdiente 2005 rund 625 Millionen und 2006 knapp eine Milliarde Euro. Die IKB benötigt nach bisherigen Schätzungen 3,5 Milliarden Euro, wovon die KfW 2,5 Milliarden Euro tragen soll - mithin verschlingt die Rettung gleich mehrere Jahresgewinne.

          Die KfW hätte die Situation anders entschärfen müssen, meinen manche Beobachter. So professionell wie dargestellt sei das Krisenmanagement nicht gewesen. Der Vorstand der KfW sei in Mannschaftsstärke aufmarschiert, habe die IKB-Verantwortlichen zur Rede gestellt, eine Liquiditätslinie von 8,1 Milliarden Euro beschlossen, den Vorstandsvorsitzenden gefeuert und das Ganze publik gemacht.

          Dabei hätte man es auch so lösen können: Die Vorstandssprecherin der KfW, Ingrid Matthäus-Maier, bittet den Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, zum Gespräch und macht ihm klar, dass die Geschäftsbeziehung der beiden Häuser eingefroren wird, wenn er die Entscheidung nicht revidiert. Gleichzeitig hätte die KfW in Absprache mit Finanzminister Peer Steinbrück eine Garantie für eventuelle Verluste ausstellen können. So hätte man Zeit gekauft und das Chaos mit mehr Ruhe aufräumen können.

          Das Drohpotential ist beachtlich. Die Deutsche Bank ist Haupthandelspartner der KfW am Kapitalmarkt. 60 Milliarden Euro refinanziert die staatliche Förderbank im Jahr, etwa das Doppelte läuft noch über derivative Finanzprodukte. Der Ertrag der Deutschen Bank aus dieser Verbindung wird auf jährlich 50 bis 60 Millionen Euro taxiert.

          Noch wichtiger ist, dass die Deutsche Bank nicht zuletzt durch dieses Volumen in den vielbeachteten Ranglisten der Banken über ihre Geschäfte ganz vorne auftaucht, was ihr zu Mandaten bei anderen Adressen verhilft. Verlöre die Deutsche Bank die KfW als Kunden, wäre diese Plazierung wohl weg - mit allen Konsequenzen für den Ertrag und die Boni der Banker.

          Dazu ist es nicht gekommen, womöglich auch, weil in der auf die Förderung des Mittelstandes spezialisierten KfW die Expertise für derart komplexe Bankgeschäfte nicht unbedingt zu Hause ist. Zudem bleibt festzuhalten: Der Vorstand der IKB um den Vorsitzenden Stefan Ortseifen hätte sich nie auf solch risikoreiche und verzwickte Geschäfte in diesem Volumen einlassen dürfen. Offenbar hat er angesichts verfallender Margen aus dem Mittelstandsgeschäft ein immer größeres Rad gedreht und den Überblick verloren. Unglaubliche 21,5 Milliarden Euro hat die doch eher kleine IKB in Kreditportefeuilles angelegt. Wie viel davon in leidenden Hypothekenkrediten steckt, vermag sie selbst fast vier Wochen nach Ausbruch der Krise nicht zu sagen.

          Wie bekommt man die Kuh vom Eis? Die ersten Investoren - die Banken UBS und Sal. Oppenheim - kaufen Aktienpakete. Dahinter könnte eine schicke Idee lauern. Die KfW könnte Aktien zurückkaufen (lassen) und die IKB von der Börse nehmen. Hernach könnte sie das sanierte Institut mit ihrer Ipex-Bank verschmelzen, dem für die Projektfinanzierung zuständigen Teil der KfW, der bald in die Selbständigkeit entlassen wird und ein ähnliches Geschäft betreibt wie die IKB. So entstünde ein Mittelstandsfinanzierer, der seinesgleichen sucht. Der ließe sich in eine tolle Story verpacken und lukrativ an die Börse bringen. Mal sehen, welche Bank ihn auf diesem Weg begleiten darf.

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