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Leistungsgesellschaft : Und ewig lockt das süße Gift

Der Profiradsport hat sich vom Fairnessprinzip des Wettbewerbs verabschiedet Bild: picture-alliance/ dpa

Der Doping-Skandal verrät die Wahrheit über unsere verkommene Leistungsgesellschaft. Das sagen die Kulturpessimisten und machen auf Antikapitalismus. Wahr ist das Gegenteil: Die Radler leugnen, dass der Wettbewerb Regeln braucht.

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          Am Horn von Afrika - im Jemen, in Somalia, in Äthiopien - wird seit Jahrhunderten Qat gekaut, ein pflanzlicher Stoff, der je nach Konsument leichte bis mittlere Rauschzustände hervorruft. Die Empfindungen sind höchst unterschiedlich: Sie reichen von Euphorie und starkem Rededrang bis zu Hyperaktivität, unverhoffter Leistungssteigerung und dem Gefühl völligen Losgelöstseins. Die Menschen dopen sich und finden daran nichts Verwerfliches. Im Gegenteil: Im Parlament von Sanaa gibt es einen eigenen Qat-Raum, in dem sich sogar die Volksvertreter aufputschen.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Europa hat zu euphorisierenden und leistungssteigernden Drogen ein zwiespältiges Verhältnis. Kaffee war lange Zeit verpönt („Du böses Kind, du loses Mädchen, ... Tu mir den Coffee weg“, swingt es in Johann Sebastian Bachs Kaffeekantate), bis das Getränk den Frühstückstisch der bürgerlichen Familie eroberte. Zigaretten dagegen galten über viele Jahrzehnte als gesellschafts- und fernsehtauglich, bis sie plötzlich („Rauchen ist tödlich“) von der Bildfläche verschwanden. Und Alkohol wird seit über 2000 Jahren mit mehr oder weniger schlechtem Gewissen in kleineren oder größeren Mengen konsumiert.

          „Moderatoren stimulieren sich vorher mit Alkohol“

          Nur die historisch Kurzsichtigen können zu der Auffassung gelangen, Doping sei ein Phänomen unserer Tage und spiegele die Perversion überhitzter Leistungsgesellschaften. Doch Kurzsichtigkeit ist derzeit eine weitverbreitete Krankheit. „So treibt sich eine Leistungsgesellschaft mit leistungssteigernden Mitteln zu noch mehr Leistung“, lamentieren die Kulturpessimisten, um umso drastischer den Verfall aller guten Sitten zu beschreiben: „Orchestermusiker schlucken vor Konzerten Tranquilizer. Wer eine neue Stelle will, stellt sich für das Bewerbungsgespräch ruhig. Und Moderatoren stimulieren sich mit Alkohol vor der Sendung.“ Der eine braucht Prozac, der andere Viagra. Ein jeder nach seiner Façon. Soll heißen: Die ganze Gesellschaft ist gedopt.

          Die Tour de France verrate die Wahrheit über unsere verkommene Lebenswelt, verkünden die Kulturkritiker. In jedem neuen Patrik Sinkewitz entdecken wir uns selbst. Kein Wunder, dass jetzt wieder süffige Geschichten über Burnout Konjunktur haben. Gierige Investmentbanker, die den Hals nicht voll kriegen können, basteln tagsüber an Fusionen und Massenentlassungen, koksen nachts so lange, bis sie umfallen, und sind nach Monaten des wirtschaftlichen Booms inzwischen zwar steinreich, aber völlig ausgebrannt. Was folgt, sind Schwindel, Depressionen und der fünfte Hörsturz.

          Der Antikapitalismus war schon einmal besser

          Der Schuldige ist rasch gefunden: Es ist, wen wundert es, der kalte Kapitalismus, der inzwischen jedes Maß verloren habe. Der Wettbewerb entfesselter Leistungsgesellschaften braucht sein Epo. „Schneller, weiter, höher“, der ehrgeizige Ruf aller Sport- und Marktplätze, geht aus eigener Leistung offenbar nicht mehr. Der Ehrliche ist der Dumme. Und wer dopt, bescheißt oder lügt, obsiegt. Korruption bei Siemens, Lustreisen bei VW und Testosteron in den Bergen der Pyrenäen - im Grunde sei alles eins, behauptet die neue antikapitalistische Analyse.

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