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Lehrerin auf Zeit : Eine Hauptschulkarriere

Von den Kindern heiß geliebt: Maja Lasic ist eigentlich provierte Biologin. Jetzt gibt sie ein Gastspiel in einer Schule in einem Berliner Problemviertel Bild: Julia Zimmermann / F.A.Z.

In der Schule am Brunnenplatz ist Maja Lasic schnell zum Star geworden: Seit fünf Monaten ist sie Lehrerin auf Zeit in einer schwierigen Hauptschule in Berlin. Dabei ist sie eigentlich promovierte Biologin - und hat eine glänzende Karriere dafür unterbrochen.

          In der Schule am Brunnenplatz in Berlin ist Maja Lasic schnell zum Star geworden. Wenn sie mit ihren energischen Schritten durch das flache Schulgebäude läuft, gibt es kaum einen Jugendlichen, der sie nicht grüßt. „Hallo Frau Lasic!“ oder „Tag, Frau Doktor!“ rufen sie ihr zu, in der Hoffnung, ein wenig von ihrer Aufmerksamkeit zu erhaschen. Lasic lacht. Sie kennt viele der fast 500 Schüler mit Namen.

          Inge Kloepfer

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          „Kommst du heute Nachmittag zum Tanzen?“, ruft sie einem türkischen Mädchen zu, das verzagt in Richtung Ausgang geht. „Komm vorbei und bring deine Freundin mit.“ Das Mädchen zieht die Stirn in Falten. „Wir reden nicht mehr“, erklärt sie der jungen Lehrerin, die seit dem Sommer an der Schule ist. Lasic lässt nicht locker: „Ich glaube, wir sollten einmal zu dritt sprechen. Nach dem Unterricht habe ich Zeit.“

          Maja Lasic hat immer Zeit. Sie hat die Zeit, mit mehreren Mädchen nachmittags in der Schule zu kochen, Tanzkurse zu organisieren oder eine Fußball-AG mit Trainer für die Jungs oder einen Hausaufgabenclub für die siebte Klasse. Sie hat Zeit, Gespräche zu führen, zu motivieren oder zu den Sitzungen des Quartiersmanagements zu gehen, um für Unterstützung der Kinder vom Brunnenplatz in dem Berliner Bezirk Wedding zu werben. Sie ist mit ihrem Mann in das alte Arbeiterviertel gezogen, wo heute viele Migranten leben. Lasic hat sich zwei Jahre Zeit genommen für jene Kinder und Jugendlichen, die man im Fachjargon als „sozial benachteiligt“ bezeichnet. Viele von ihnen findet man an der Oberschule am Brunnenplatz, dieser Haupt- und Realschule, die als Namen nur eine Ortsbezeichnung trägt. Deutsche Schüler gibt es dort kaum. Die meisten sind Türken, Araber oder kommen vom Balkan.

          Maja Lasic und Simon Turschner sind die ersten Absolventen, die im Rahmen der gemeinnützigen Bildungsinitiative Teach First ab September 2009 als Lehrkräfte auf Zeit an Schulen in sozialen Brennpunkten unterrichten

          Pädagogik im Crashkurs

          Die junge Frau ist keine ausgebildete Lehrerin, sondern hat die Grundzüge der Pädagogik in einem Crashkurs erlernt. Denn sie ist Fellow bei Teach First Deutschland, einer gemeinnützigen Initiative, die nach amerikanischem Vorbild Spitzenabsolventen deutscher Universitäten für zwei Jahre an Brennpunktschulen bringt. In den Vereinigten Staaten hat sich dieses Modell in 20 Jahren zu einer wahren Bildungsbewegung ausgewachsen, bei der sich Jahr für Jahr 20.000 Hochschulabsolventen bewerben. In Deutschland sind mit diesem Schuljahr erstmals knapp 70 Fellows im Einsatz - für ein Referendarsgehalt von 1700 Euro im Monat.

          Die junge Frau aus Bosnien hat dafür viel aufgegeben. Sie hatte nach ihrer Promotion bei Procter & Gamble zum Dreifachen ihres jetzigen Salärs eine Karriere begonnen. Doch die Arbeit hatte sie nicht erfüllt. Jetzt gibt sie Chemie-, Biologie- und Mathematikunterricht. Auch auf Klassenfahrt ist sie schon gewesen.

          „Für die Schüler ist sie wunderbar“, sagt eine ältere Kollegin, die selbst schon drei Jahrzehnte im Schuldienst ist. „Schon allein deshalb, weil sie so jung ist und so unverbraucht.“

          Das bisschen Luxus im eintönigen Alltag

          Lasic ist das bisschen Luxus in dem eintönigen Alltag der Kinder aus dem Wedding. In Naturwissenschaften zum Beispiel können die Klassen jetzt geteilt werden. Die Gruppen sind kleiner, die Experimente aufwendiger - und es bleibt mehr in den Köpfen hängen. Auch die stellvertretende Direktorin Steffi Mosch ist begeistert von Lasic' Anwesenheit - nicht nur, weil sie mit der promovierten Biologin naturwissenschaftliches Know-how in die Schule bekommt, sondern auch, weil Maja Lasic so motiviert und engagiert ist.

          Sie habe sich ja bewusst für dieses Umfeld entschieden und wolle etwas bewegen, sagt die Konrektorin. Außerdem wird sie, anders als andere Quereinsteiger im Schuldienst, permanent betreut und weiter ausgebildet. Die Idee von Teach First Deutschland, junge angehende Karrieristen in schwierige Schulen zu schicken, findet Steffi Mosch gut und wichtig. „Diese Menschen, die später einmal in Führungspositionen sein werden, bekommen dadurch einen Blick dafür, was hier läuft.“

          Hier - das ist der untere Rand der Gesellschaft. Zu gerne hätte die stellvertretende Schulleiterin noch einen weiteren Fellow von Teach First an ihrer Schule eingesetzt. Doch da hat ihr der Personalrat einen Strich durch die Rechnung gemacht, womöglich aus Sorge, dass die Fellows ausgebildeten Lehrern den Platz wegnehmen könnten. Nur, sagt Steffi Mosch, seien die in Berlin derzeit gar nicht zu kriegen. Für zwei Stellen sucht sie Lehrer. Überall klaffen Lücken.

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