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Lehrer Michael Stenger : „Niemand ist motivierter als Flüchtlinge“

Michael Stenger von der Schlau!-Schule Bild: dpa

Michael Stenger hat eine Schule nur für Flüchtlinge aufgebaut. Im Interview mit der F.A.S. sagt der Lehrer: Wir schaffen das - mit harten Regeln und klaren Ansagen.

          3 Min.

          Herr Stenger, seit sechzehn Jahren leiten Sie in München eine private Schule nur für jugendliche Flüchtlinge. Wie kamen Sie dazu?

          Bettina Weiguny

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ich habe früher Deutschkurse für Ausländer gegeben. Da saß oft ein jugendlicher Analphabet neben einem 50 Jahre alten Schlosser. Das ist keine optimale Lernsituation. Eines Tages meinte ein Kollege: „Wir bräuchten eine Extraschule für die Kinder und einen Verrückten, der das macht.“ Das war ich.

          Angesichts der Massen, die zu uns kommen: Schaffen wir es, die Kinder alle in die Schule, in eine Ausbildung und später in Arbeit zu bekommen?

          Die Frage kann ich so nicht erlauben! Ja, die Aufgabe ist schwer bis unlösbar, aber sie zu lösen ist ein moralischer Imperativ. Es bleibt uns keine andere Wahl. Und wenn alle enger zusammenarbeiten, ist das auch zu bewältigen.

          Letztes Jahr sind schätzungsweise 325 000 Kinder eingewandert. Allein für sie bräuchten wir 20 000 zusätzliche Lehrer. Das kostet eine Milliarde.

          Das klingt schlimmer, als es ist. Für einen Tornado können Sie das Jahresgehalt von 5000 Lehrern bezahlen. Da kann mir keiner sagen, das sei nicht finanzierbar.

          Sie nehmen berufsschulpflichtige Kinder ab 16 Jahren auf und wurden mehrfach ausgezeichnet, weil bei Ihnen kaum einer durchfällt.

          Fast jeder hier schafft den Hauptschulabschluss, 20 Prozent wechseln auf die Realschule oder das Gymnasium. Die anderen bringen wir alle auf dem Arbeitsmarkt unter, die meisten in einer Ausbildungsstelle. Die sind so was von motiviert und wissbegierig, das können Sie sich nicht vorstellen.

          Die Ängste, die Pegida schürt, sind alle unbegründet?

          Hören Sie auf mit denen! Was sind das denn für Ängste? Dass die Flüchtlinge unseren Kindern die Jobs wegnehmen, höre ich oft. Die Furcht ist unbegründet. Unsere Schüler gehen in die Verwaltung, auf den Bau, lernen Bauzeichner oder Automechatroniker, klar. Sie werden aber auch Bäcker und Installateur. Wer will heute denn noch einen Handwerksberuf machen? Fragen Sie mal einen Bäcker. Oder Krankenpfleger. Bei unseren Schülern sind Pflegeberufe sehr beliebt. Und von denen bricht auch kaum einer die Lehre ab.

          Sie wollen sagen, dass es keine Probleme gibt?

          Was die Motivation angeht, kann ich sagen: Niemand ist motivierter als die Flüchtlinge. Die wissen, dass das hier ihre Chance ist. Ansonsten haben wir natürlich Probleme. Zu uns kommen schließlich Jugendliche zwischen 16 und 25 Jahren, die meisten davon sind traumatisiert. Sie sprechen kein oder kaum Deutsch, etliche können weder schreiben noch lesen.

          Und doch schaffen die Jugendlichen nach zwei bis vier Jahren bei Ihnen den Abschluss?

          Ja. Und die Prüfungen legen sie nicht bei uns ab, sondern auf einer Regel- schule.

          Wäre es nicht besser, die Flüchtlinge schneller in Klassen mit deutschen Kindern zu schicken?

          Darüber habe ich mir viele Gedanken gemacht. Aber was sollen sie da, solange sie nicht sprechen können, nichts verstehen im Unterricht? Dann kommen Frust und Aggressionen auf. Nein, es ist sinnvoller, sie hier vorzubereiten.

          Aggressionen sind also da?

          Drei Viertel unserer Schüler sind junge Männer, natürlich haben Sie da Aggressionen. Dabei achten wir darauf, dass wir den Anteil der Mädchen möglichst hochhalten, aber es flüchten halt 90 Prozent Männer. Vom ersten Tag an machen wir den Schülern klar, dass wir Regeln für das Zusammenleben haben und dass diese Regeln einzuhalten sind.

          Die Schülerinnen werden nicht belästigt?

          Von der ersten Minute an lernt jeder, dass der Umgang hier auf Respekt und Anerkennung gründet, ob zwischen den Religionen oder zwischen den Geschlechtern. Mann und Frau verkehren auf Augenhöhe, Punkt! Einmal im Jahr kommt es trotzdem vor, dass ich gerufen werde, weil es einen Zwischenfall gab. Da bin ich innerhalb von zwei Minuten im Klassenraum aufgetaucht und habe klargestellt, wo es langgeht.

          Schulleiter Michael Stenger (rechts) mit dem Schüler Sam Jalloh aus Sierra Leone.

          Sie sind auch eine imposante Erscheinung.

          Das hilft. Ein Junge kam hier mal an, der hatte von mir schon in Mogadischu gehört, „großer Mann, viele Haare“, und sich dann bis zu mir nach München durchgeschlagen. Der konnte es kaum glauben, als er endlich vor mir stand.

          Und? Was ist aus ihm geworden?

          Ramadan kam hier an seinem ersten Tag um 9.03 Uhr angetrottet. Da habe ich klargestellt: Wenn du bleiben willst, kommst du morgen um drei vor neun. Meinte er: „Aber Chief, sind nur drei Minuten.“ Habe ich ihm gesagt: „Drei vor heißt Unterricht mit dir, drei nach heißt Unterricht ohne dich. Musst du dir merken.“ Und das hat er.

          Was macht er heute?

          Er ist Krankenpfleger. Jetzt kam er kürzlich und meinte, er wolle jetzt etwas zurückgeben. Er betreut nun somalische Flüchtlinge. Die brauchen jemanden, der sich auskennt, sagt er. Er hatte mich, sie haben jetzt ihn. Und wissen Sie, was das Beste daran ist?

          Nein.

          Leute wie Ramadan sind die Säulen unserer Gesellschaft. Von denen brauchen wir viel, viel mehr.

          Er steht für unseren Wertekanon, für das Grundgesetz, für Demokratie?

          „Der Bär von Mogadischu“, wie ich ihn immer nenne, geht heute zu den neuankommenden Somalis hin und sagt: „Bist du verrückt, die Frauen hier anzugucken wie in Somalia! Willst du denn gar nichts lernen?“ Und wenn der ihnen das sagt, ist das ganz was anderes, als wenn das vom Schulleiter kommt.

          Wie finanzieren Sie sich?

          80 Prozent sind öffentliche Gelder. 20 Prozent kommen von privaten Spendern und Unternehmen, mehr als 20 insgesamt, darunter namhafte Großkonzerne.

          Dann schwimmen Sie im Geld?

          Das nicht. Aber tatsächlich hat ein Richtungswechsel stattgefunden. Wir können uns unsere Partner aussuchen.

          Sie haben 300 Schüler, jedes Jahr können Sie 70 neue aufnehmen. Damit werden wir das Problem nicht lösen.

          Wir haben viel zu wenige Plätze, das stimmt. Allein in München gibt es mehrere tausend berufsschulpflichtige Flüchtlingskinder, die finden nicht alle einen Platz. Aber es entstehen überall neue Einrichtungen, die Industrie- und Handelskammern sind sehr aktiv, die Städte und Gemeinden, da kommt momentan richtig was ins Rollen.

          Deutschland schafft das?

          Wenn wir es richtig angehen, die Flüchtlinge nicht alleinlassen, dann bekommen wir das Zehnfache von dem zurück, was wir in sie investieren.

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