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Legalisierung von Cannabis : Kiffen erlaubt?

Eine Jamaika-Koalition, die den Joint kreisen lässt, zeigte schon das Titelbild der F.A.Z.-Woche vom 29.September, direkt nach der Bundestagswahl. Bild: Jan Rieckhoff

Noch nie war die Legalisierung von Cannabis so nah. In einer Jamaika-Koalition haben die Freunde des Kiffens die Oberhand. Doch in der Union herrscht Skepsis.

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          Eins muss man Christian Lindner lassen: Inspiration holt er sich aus vielen Ecken der Erde, auch aus Südamerika: „Uruguay erlaubt den legalen Verkauf von Cannabis in Apotheken“, schrieb der FDP-Chef im Juli auf Twitter. „Warum nicht auch in Deutschland? FDP wäre dabei.“ So ungewöhnlich Uruguays neue Vorbildfunktion ist, den Grünen dürfte er damit aus dem Herzen gesprochen haben. Es ist noch nicht lange her, dass Parteichef Cem Özdemir mit einer ebenso überschaubaren wie illegalen Hanf-Zucht zeitweilig die Aufmerksamkeit der Strafverfolgungsbehörden auf sich zog. Allein auf kreativen Protest haben sich die Grünen nicht beschränkt, sondern gleich Nägel mit Köpfen gemacht: Der Gesetzentwurf eines „Cannabiskontrollgesetzes“ liegt schon fix und fertig in der Schublade: 68 Seiten, 45 Paragraphen, inklusive Jugendschutz und Bußgeldvorschriften.

          Corinna Budras
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Noch im Sommer ist der Gesetzentwurf im Bundestag gescheitert, aber jetzt wendet sich das Blatt. Denn selbst die Union zeigt sich nicht mehr ganz so abgeneigt: Das konservative Image bröckelt und mit ihm der Widerstand gegen das Kiffen. Joachim Pfeiffer, wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, outete sich jüngst als Anhänger einer Liberalisierung.

          Keine Supermarktware

          Je näher Deutschland einer möglichen Jamaika-Koalition rückt, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit einer kontrollierten Freigabe von Cannabis. Das wäre angesichts jahrelanger, zäher Debatten geradezu eine Revolution. Diese Aussichten freuen einen ganz besonders: den Ökonomen Justus Haucap von der Düsseldorfer Universität, der sich schon vor Jahren an die Spitze einer akademisch geprägten Liberalisierungsbewegung gesetzt hat. Er hofft nicht nur wegen der erwarteten Steuereinnahmen darauf. Zurückhaltenden Schätzungen zufolge gehen dem Staat mindestens 1,4 Milliarden Euro dadurch verloren, dass die Tüte mit dem Kraut nicht über eine registrierte Ladentheke geht, sondern schwarz an der Bahnhofsecke gehandelt wird.

          Nein, auch Ökonomen wie Haucap denken nicht nur ans schnöde Geld, er hält die bisherige Drogenpolitik schlicht für gescheitert: Cannabis sei zwar verboten, aber trotzdem spielend einfach zu beschaffen, auch – oder eher: gerade – für Schüler. Verbraucher- und Jugendschutz blieben auf der Strecke, dafür laufe der untadelige Bürger Gefahr, für jeden Feierabend-Joint kriminalisiert zu werden.

          Bald legal? Cannabis ist ein beliebtes Betäubungsmittel, kann unter bestimmten Umständen aber auch gefährlich für die Psyche sein.
          Bald legal? Cannabis ist ein beliebtes Betäubungsmittel, kann unter bestimmten Umständen aber auch gefährlich für die Psyche sein. : Bild: dpa

          Ob dies tatsächlich geschieht, hängt davon ab, ob und wo dieser ansonsten untadelige Bürger erwischt wird. In vielen Bundesländern sehen die Behörden davon ab, kleinere Mengen für den Eigenbedarf strafrechtlich zu verfolgen. In Bayern dagegen ist die Polizei strenger. Was bleibt, ist ein völlig unüberschaubares Sanktionsrisiko, das sich unter rechtsstaatlichen Gesichtspunkten nicht rechtfertigen lässt. Die Forderung der Prohibitionsgegner: Erwachsene Menschen müssten selbstbestimmt entscheiden können, ob sie die Risiken des Cannabiskonsums für die Vorteile eines Rausches in Kauf nehmen wollen – ganz so, wie es bei Alkohol und Tabak auch heute schon der Fall ist.

          Das soll keineswegs heißen, dass Cannabis nun zur Supermarktware werden soll, sauber verpackt zwischen Vollkornbrot und Müsliriegel, versichert Haucap. In der Diskussion ist vielmehr, den Verkauf von 30 Gramm über ein „Cannabisfachgeschäft“ zu erlauben. Selbstverständlich nur an Personen älter als 18 Jahren. Denn im sich entwickelnden Gehirn von Jugendlichen kann das Rauschmittel womöglich schwere Schäden anrichten.

          Haschisch kann die Entwicklung von Jugendlichen stören

          Der Jugendschutz, da sind sich alle einig, ist deshalb der Dreh- und Angelpunkt der Liberalisierung. Nur in der Frage, wie er erreicht werden kann, scheiden sich die Geister. Und ob überhaupt. Schon jetzt erscheint das schwer genug: Dem jüngsten Drogenbericht zufolge verschmähen Jugendliche zwar zunehmend Alkohl und Tabak, aber Cannabis wird beliebter.

          Wohin der regelmäßige Konsum bei Jugendlichen führen kann, sehen wir bei Maximilian, einem heute 24 Jahre alten Mann, der in Wahrheit anders heißt. Um mit ihm sprechen zu können, müssen wir in eine Psychiatrie nach Südhessen fahren, wo er seit einigen Wochen lebt. Wie so häufig war es eine schleichende Entwicklung: Mit 17 Jahren hat Maximilian angefangen zu kiffen, weil es auch andere in seinem Freundeskreis taten. An „Gras“ zu kommen war dabei nie ein großes Problem. Die Telefonnummern der Dealer wurden weitergereicht. Schon bald wurde der Teenager abhängig, rauchte jahrelang jeden Tag.

          Was dann eintrat, gleicht dem typischen Muster einer Cannabis-Sucht, wie sie auch Martin Hambrecht, Chefarzt an der Klinik für Psychiatrie am Elisabethenstift in Darmstadt, beschreibt: Vor allem die psycho-soziale Entwicklung der Jugendlichen wird gestört. Die Schule ließ Maximilian schleifen, die gerade erst begonnene Ausbildung brach er ab, auch mit der Polizei kam er in Konflikt. Er wurde zu einem „Drogencoaching“ verdonnert. „Interessant“ fand er es, so formuliert er es heute. „Aufgehört habe ich aber deswegen nicht.“ Durch das Kiffen fühlte sich Maximilian motivations- und antriebslos, ging nur noch selten vor die Tür und umgab sich fast nur mit Leuten, die auch konsumierten. „Alles war in dieser Zeit darauf konzentriert, dass man etwas zum Rauchen hatte“, sagt er.

          Dann, im Spätsommer dieses Jahres, brach die Psychose aus, er kam zunächst sogar in die geschlossene Abteilung der Psychiatrie. Er litt an Wahnvorstellungen und Verfolgungsängsten. Zeitweise bildete er sich ein, jemand anderes zu sein. Auf der Station gab er sich einmal als Doktor aus und erteilte der Assistenzärztin Anweisungen. Jetzt kämpft er sich wieder in ein normales Leben zurück.

          Negativbeispiel Colorado

          Natürlich führt nicht jeder Cannabiskonsum geradewegs in die Psychose. Viele Nutzer haben keine Probleme. Doch für Rainer Thomasius, Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen, wäre eine Legalisierung von Cannabis trotzdem ein großer Fehler. Er rechnet damit, dass bei einer Freigabe der Konsum erheblich ansteigen würde, und verweist auf Erfahrungen, die in dem amerikanischen Bundesstaat Colorado gesammelt wurden. Dort können seit 2012 Erwachsene im Alter von mehr als 21 Jahren Cannabis legal erwerben – mit der Folge, dass die Zahl der kiffenden Jugendlichen stetig nach oben geht.

          Bild: F.A.Z.

          „Die Kollegen aus Colorado berichten von einer Sisyphosarbeit in der Behandlung junger Abhängiger“, sagt Thomasius. „Längst erzielte Erfolge in der Therapiearbeit wurden dort durch die Legalisierung der Droge zunichtegemacht.“ Gefährdet sei besonders die Gruppe von Jugendlichen mit geringem Bildungsstand. „Eine Legalisierung wäre ein höchst unsozialer Akt“, sagt der Suchtexperte deshalb.

          Große Skepsis bei der Union

          Das Problem an der Debatte: Gegner und Befürworter der Liberalisierung bewerten die Fakten völlig unterschiedlich. Schon über die Frage, ob Cannabis den Stellenwert einer „Alltagsdroge“ erreicht hat, herrscht Uneinigkeit. Die Grünen behaupten: Ja. Womit der Beweis erbracht wäre, dass die bisherige Politik gescheitert ist und eine kontrollierte Freigabe jedenfalls keinen großen Schaden anrichten kann. Ein Verbot, das von keinem ernst genommen wird, kann genauso gut auch abgeschafft werden.

          Gegner wie Thomasius sehen das anders. Er spricht von den großen Erfolgen der deutschen Drogenpolitik. „Cannabis ist alles andere als eine Alltagsdroge.“ Die Verbreitung der Droge liege deutlich unter der von Alkohol und Tabak. Während etwa zwölf Prozent der Gesamtbevölkerung regelmäßig Tabak rauchen und jeder Fünfte gewohnheitsmäßig Alkohol trinkt, liegt der Anteil bei Cannabis nur bei 1,2 Prozent.

          Ähnlich weit auseinander liegen die Einschätzungen bei der Frage, wie sehr eine Legalisierung von Cannabis auch den Konsum harter Drogen befeuert. Der Stoff gilt als „Einstiegsdroge“. Wer kifft, nimmt häufig auch andere, härtere Drogen. Das könnte sich durch „Cannabisfachgeschäfte“ verändern, glaubt Haucap, weil diese anders als der Drogendealer keinen Anreiz hätten, den Kunden andere Rauschmittel anzudrehen. „Mein Weinhändler versucht ja auch nicht, mich vom Wein abzuhalten.“ Der Stoff wäre zudem qualitativ wertvoller, weil staatlich geprüft. Ginge es nach den Grünen, verböte sich selbstverständlich auch jede Genmanipulation. Bleibt nur noch die Frage, ob Bundeskanzlerin Angela Merkel und CSU-Chef Horst Seehofer da mitspielen. Sie gucken nicht umsonst noch sehr skeptisch.

          „High Cuisine“ : Kochkurs mit Cannabis

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