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Legalisierung von Cannabis : Kiffen erlaubt?

Was dann eintrat, gleicht dem typischen Muster einer Cannabis-Sucht, wie sie auch Martin Hambrecht, Chefarzt an der Klinik für Psychiatrie am Elisabethenstift in Darmstadt, beschreibt: Vor allem die psycho-soziale Entwicklung der Jugendlichen wird gestört. Die Schule ließ Maximilian schleifen, die gerade erst begonnene Ausbildung brach er ab, auch mit der Polizei kam er in Konflikt. Er wurde zu einem „Drogencoaching“ verdonnert. „Interessant“ fand er es, so formuliert er es heute. „Aufgehört habe ich aber deswegen nicht.“ Durch das Kiffen fühlte sich Maximilian motivations- und antriebslos, ging nur noch selten vor die Tür und umgab sich fast nur mit Leuten, die auch konsumierten. „Alles war in dieser Zeit darauf konzentriert, dass man etwas zum Rauchen hatte“, sagt er.

Dann, im Spätsommer dieses Jahres, brach die Psychose aus, er kam zunächst sogar in die geschlossene Abteilung der Psychiatrie. Er litt an Wahnvorstellungen und Verfolgungsängsten. Zeitweise bildete er sich ein, jemand anderes zu sein. Auf der Station gab er sich einmal als Doktor aus und erteilte der Assistenzärztin Anweisungen. Jetzt kämpft er sich wieder in ein normales Leben zurück.

Negativbeispiel Colorado

Natürlich führt nicht jeder Cannabiskonsum geradewegs in die Psychose. Viele Nutzer haben keine Probleme. Doch für Rainer Thomasius, Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen, wäre eine Legalisierung von Cannabis trotzdem ein großer Fehler. Er rechnet damit, dass bei einer Freigabe der Konsum erheblich ansteigen würde, und verweist auf Erfahrungen, die in dem amerikanischen Bundesstaat Colorado gesammelt wurden. Dort können seit 2012 Erwachsene im Alter von mehr als 21 Jahren Cannabis legal erwerben – mit der Folge, dass die Zahl der kiffenden Jugendlichen stetig nach oben geht.

„Die Kollegen aus Colorado berichten von einer Sisyphosarbeit in der Behandlung junger Abhängiger“, sagt Thomasius. „Längst erzielte Erfolge in der Therapiearbeit wurden dort durch die Legalisierung der Droge zunichtegemacht.“ Gefährdet sei besonders die Gruppe von Jugendlichen mit geringem Bildungsstand. „Eine Legalisierung wäre ein höchst unsozialer Akt“, sagt der Suchtexperte deshalb.

Große Skepsis bei der Union

Das Problem an der Debatte: Gegner und Befürworter der Liberalisierung bewerten die Fakten völlig unterschiedlich. Schon über die Frage, ob Cannabis den Stellenwert einer „Alltagsdroge“ erreicht hat, herrscht Uneinigkeit. Die Grünen behaupten: Ja. Womit der Beweis erbracht wäre, dass die bisherige Politik gescheitert ist und eine kontrollierte Freigabe jedenfalls keinen großen Schaden anrichten kann. Ein Verbot, das von keinem ernst genommen wird, kann genauso gut auch abgeschafft werden.

Gegner wie Thomasius sehen das anders. Er spricht von den großen Erfolgen der deutschen Drogenpolitik. „Cannabis ist alles andere als eine Alltagsdroge.“ Die Verbreitung der Droge liege deutlich unter der von Alkohol und Tabak. Während etwa zwölf Prozent der Gesamtbevölkerung regelmäßig Tabak rauchen und jeder Fünfte gewohnheitsmäßig Alkohol trinkt, liegt der Anteil bei Cannabis nur bei 1,2 Prozent.

Ähnlich weit auseinander liegen die Einschätzungen bei der Frage, wie sehr eine Legalisierung von Cannabis auch den Konsum harter Drogen befeuert. Der Stoff gilt als „Einstiegsdroge“. Wer kifft, nimmt häufig auch andere, härtere Drogen. Das könnte sich durch „Cannabisfachgeschäfte“ verändern, glaubt Haucap, weil diese anders als der Drogendealer keinen Anreiz hätten, den Kunden andere Rauschmittel anzudrehen. „Mein Weinhändler versucht ja auch nicht, mich vom Wein abzuhalten.“ Der Stoff wäre zudem qualitativ wertvoller, weil staatlich geprüft. Ginge es nach den Grünen, verböte sich selbstverständlich auch jede Genmanipulation. Bleibt nur noch die Frage, ob Bundeskanzlerin Angela Merkel und CSU-Chef Horst Seehofer da mitspielen. Sie gucken nicht umsonst noch sehr skeptisch.

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