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Lebensmittelhandel : Schweizer Migros streckt Fühler nach Tegut aus

Tegut: Es ist längst nicht alles im grünen Bereich. Bild: dapd

Im deutschen Lebensmitteleinzelhandel dürfte bald ein neuer Spieler mitspielen. Die eidgenössische Migros-Gruppe steht in Verhandlungen über einen Einstieg bei der Supermarktkette Tegut. Die Geschäfte des Bio-Anbieters laufen seit geraumer Zeit schleppend.

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          Schweizer Genossen könnten demnächst bei der biologisch-nachhaltigen Einzelhandelskette Tegut ein Wörtchen mitzusprechen haben. Das im hessischen Fulda ansässige Familienunternehmen Tegut bestätigte, dass man sich in Gesprächen mit Migros Zürich befinde, einer von zehn Genossenschaften der Migros-Gruppe. Weitere Einzelheiten wollte eine Sprecherin nicht nennen, das hätten beide Parteien so vereinbart. Als Ziel nannte sie lediglich eine „gute Weiterentwicklung des Unternehmens“.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Gespräche waren bekanntgeworden, nachdem sie Firmenpatriarch Wolfgang Gutberlet der „Lebensmittelzeitung“ bestätigt hatte. Zuvor hatte sein Sohn Thomas, der das Unternehmen als Vorstandsvorsitzender führt, stets betont, man habe keine Verkaufsabsichten und führe keine Gespräche.

          Tegut war bio als das noch belächelt wurde

          Tegut gilt als Besonderheit im deutschen Lebensmitteleinzelhandel. Die Kette verortet sich zwischen konventionellen und Biosupermärkten. Das Unternehmen führt Biolebensmittel bereits seit den 80er Jahren, als man dafür eher belächelt als geachtet wurde. Im Gegensatz zu speziellen Biomärkten hat das Unternehmen, das sich als Anbieter für die breite Masse sieht, auch konventionelle Lebensmittel im Produktprogramm. Rund ein Viertel des Umsatzes wird mit Biowaren erzielt - eine Quote, die deutlich über der eines normalen Supermarktes liegt.

          Die Geschäfte der Kette liefen zuletzt eher schleppend. Der Vorstandsvorsitzende Thomas Gutberlet hatte sich vor einem Jahr in einem Gespräch mit der F.A.Z. unzufrieden mit der Umsatzrendite von 0,27 Prozent gezeigt, die das Unternehmen 2010 erreichte. Das ist selbst für die in dieser Hinsicht genügsame Handelsbranche sehr wenig. Bald solle es mehr als ein Prozent sein, betonte er seinerzeit. Allerdings nicht sehr viel mehr, denn „dann haben wir nicht genug in die Zukunft investiert“.

          Eine Sprecherin sagte jetzt, die Umsatzrendite habe sich inzwischen auf jeden Fall verbessert, ohne jedoch eine Zahl zu nennen. 2012 sei ein Jahr des Aufräumens und der Konsolidierung. Derzeit trenne man sich von Kostenträgern, die sich nicht rechneten. Unter anderem verwies sie auf Standorte in Nordhessen und in Thüringen. Dort nehme einerseits die Bevölkerung ab und die Konkurrenz zu, so dass es zu extremen Überkapazitäten komme. Auslaufende Mietverträge nimmt Tegut in solchen Fällen zum Anlass zu kündigen. In der Vergangenheit hatte sich Tegut auch von Märkten im Rhein-Main-Gebiet getrennt, die 2010 von Tengelmann übernommen worden waren.

          Branchenfachleute bewerten einen Einstieg von Migros als „Rettungsanker“ für Tegut. Angeblich sollen die Schweizer eine „signifikante“ beziehungsweise eine Mehrheitsbeteiligung anstreben. Auch eine Komplettübernahme wird nicht ausgeschlossen. Die Gespräche laufen noch, so dass offensichtlich viele Details noch nicht geklärt sind.

          Migros gilt als finanzstark

          Beobachter fragen sich, in welchem Umfang die Gründer- und Eigentümerfamilie Gutberlet künftig beteiligt bleibt. Für denkbar wird gehalten, dass Wolfgang Gutberlets Söhne Thomas und Johannes auch unter einer Führung durch Migros im Unternehmen mitarbeiten. Vater Wolfgang dagegen, der das Unternehmen groß gemacht hat, ist seit geraumer Zeit aus dem Vorstand ausgeschieden. Er soll die Lust am Unternehmen verloren und auf einen Verkauf hingearbeitet haben. Zudem ist von einem Zwist innerhalb der Familie die Rede. In unternehmensnahen Kreisen wird davon ausgegangen, dass jüngst abgeschlossene Änderungen in der Unternehmensstruktur dazu dienten, den Einstieg eines Investors zu erleichtern.

          Tegut mit einem Umsatz von knapp 1,2 Milliarden Euro könnte mit Migros laut Branchenbeobachtern eine gute Perspektive haben. Die Schweizer Genossen gelten als finanzstark. Außerdem sind sie daran interessiert, ihren Biobereich zu stärken. Unter anderem arbeitet Migros mit der deutschen Biosupermarktkette Alnatura zusammen. Ein erster Laden wurde im Sommer in Zürich eröffnet.

          Die Migros ist das größte Einzelhandelsunternehmen der Schweiz. Die 1925 gegründete Gruppe beschäftigt mehr als 83.000 Mitarbeiter und zählt gut zwei Millionen Mitglieder. Sie besteht aus zehn regionalen Genossenschaften und betreibt insgesamt 550 Supermärkte. 2011 erzielte die Migros im genossenschaftlichen Einzelhandel einen Umsatz von 21 Milliarden Franken, davon 435 Millionen mit Biowaren. 

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