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Lebensmittel : Im Klosterladen brummt es

Lebensmittel aus dem Kloster - von den Kunden hoch geschätzt Bild: picture-alliance/ dpa

Die Verbraucher entdecken die Mütter der Direktvermarktung. Im Kloster gibt es Öko-Obst und die zugehörige Aura. Zumindest bei einer bestimmten Klientel stehen die Diener Gottes ganz oben in der Kundengunst.

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          Vor zehn Jahren war es ein Unwort - Öko-Food. Kein Mensch außerhalb der grünen Reformhaus-Szene wollte von Leinsamen-Müsli oder Tofu-Buletten etwas wissen. Heute hat „Öko-Food“ die Bestseller-Listen („Die Ernährungslüge“) und die Discounter-Regale erreicht.

          Bettina Weiguny

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die neue Wertewelle verhilft einigen zum Aufschwung, die in der Rechnung der Ernährungs-Vermarkter gar nicht vorkommen: Bauern mit dem längst überholten Hofladen-Modell - und den Klöstern.

          Diener Gottes ganz oben in der Kundengunst

          Seit der Einkauf eine Frage des Vertrauens, der Glaubwürdigkeit geworden ist, stehen die Diener Gottes ganz oben in der Kundengunst. Der Verbraucher besinnt sich derer, die ihre Felder nach jahrhundertealter Tradition bestellen, Vieh züchten und Brot backen, der Profis unter den Heilkundlern und Selbstversorgern (viele Klöster leben seit Jahrhunderten von dem, was sie selbst anbauen und aufziehen).

          Anders als Lidl, Rewe oder Aldi wirtschaften die Glaubensleute seit dem frühen Mittelalter im Einklang mit der Natur und im Auftrag des Herrn, nicht des schnöden Profites wegen. Zumindest steht es so geschrieben, seit der heilige Benedikt vor 1500 Jahren das abendländische Ordenswesen gründete: „Bei der Festlegung der Preise darf sich das Übel der Habgier nicht einschleichen. Man verkaufe immer etwas billiger, als es außerhalb des Klosters möglich ist.“ Daß die Kunden im Klosterladen trotzdem mehr zahlen als beim Discounter um die Ecke, liegt an Produktionsweise, geringer Stückzahl und dem Umstand, daß jede Klostergemeinschaft für das eigene Überleben verantwortlich ist. Zuschüsse von der Kirche gibt es nicht.

          Markenzeichen „Made im Kloster“

          Die Geschäftstüchtigen unter den Klosterbewohnern haben ihre Chance nach BSE, Vogelgrippe und Gammelfleisch erkannt. „Made im Kloster“ entwickelt sich zum Markenzeichen. Fast jedes Kloster erweitert oder eröffnet einen Laden, sie erobern die Innenstädte und das Internet. Auch das Edel-Versandhaus Manufactum führt „Gutes aus Klöstern“.

          Den Aufpreis von mindestens 20 bis 30 Prozent gegenüber dem Einzelhandel nehmen die Kunden im Klosterladen in Kauf. Schulterzuckend. „Die besten Kunden fahren eh mit dem Mercedes vor“, erzählt Schwester Philippa vom Kloster St. Hildegard oberhalb von Rüdesheim. Wohlhabend sind sie, wertkonservativ, gern auch esoterisch angehaucht. Haben die Alternativen der achtziger Jahre die Weinberge noch zu Fuß oder auf dem Rad erklommen, so laden die „Edel-Ökos“ heute den Kofferraum voll mit Wein und Dinkel-Produkten.

          Dinkel-Knusperwaffeln für 3,40 Euro

          Daß die 150-Gramm-Packung Dinkel-Knusperwaffeln 3,40 Euro kostet, spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Hauptsache, es wird auf Geschmacksverstärker, Haltbarkeitszusätze und Tiermehl bei der Viehfütterung verzichtet und mit natürlichen Mitteln gedüngt.

          Die Kunden wollen wissen, woher die Lebensmittel stammen. „Gerade bei Fleisch ist die Herkunft ausschlaggebend“, sagt Hans Hagenow vom Haus Bollheim bei Köln. Seine Stammkunden sind kinderlose Genießer-Ehepaare (Toskana-Fraktion) und ernährungsbewußte junge Familien. 200 Hektar bewirtschaftet der Ökobauer, 60 Prozent des Umsatzes erzielt er über den Direktverkauf, 1,2 Millionen Euro im Jahr.

          Etwa 40.000 Bauern vertreiben inzwischen einen Teil ihrer Ware direkt. Der eine verkauft Obst und Gemüse, der andere Schweinefleisch und Wurst, einer Eier, der nächste Lamm. Damit sich für die Kunden die Anfahrt lohnt, bilden sich vielerorts regionale Zusammenschlüsse. Das Kloster Plankstetten beispielsweise, seit 1994 ein Öko-Gut, verkauft auch die Produkte der Biobauern rundum. Dazu bieten viele Höfe Extras, die ein Einzelhändler schuldig bleiben muß: der Einkauf als Verkostungs-Erlebnis oder als Familien-Event mit Abenteuerspielplatz, Streichelzoo, Kälbchen-Besuch und Hoffest. Beim Kloster gibt es daneben auch Seelsorge und ein wenig Aura gratis.

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