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Unterhändler der Kanzlerin : Merkels dienstältester Sherpa

Dienstältester Sherpa: Lars-Hendrik Röller bereitet für Merkel die Gipfel vor. Bild: Picture-Alliance

Schlaflos in Hamburg: Lars-Hendrik Röller bereitet für Kanzlerin Merkel die Gipfel vor. Für den dienstältesten Sherpa der G20 ist das eine extreme Zeit – diesmal mehr denn je.

          Zum Schluss wird durchverhandelt. Nach seinem kurzen Abstecher nach Washington ist Lars-Hendrik Röller nun in Hamburg im Dauereinsatz. Als sogenannter Sherpa von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bewegt er sich in diesen Tagen in der Todeszone, um im Bild zu bleiben. Wie beim Aufstieg auf den Mount Everest wird kurz vor dem Gipfel die Luft extrem dünn.

          Manfred Schäfers

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Dienstag bis Donnerstag, drei Tage sind für die abschließenden Gespräche der wichtigsten Zuarbeiter der Staats- und Regierungschefs geblockt. Die Zeit muss der 58 Jahre alte Ökonom nutzen, um jede Einigungsmöglichkeit auszuloten. Er hat so viel Strittiges wie möglich aus der geplanten Schlusserklärung „wegzuverhandeln“, wie es nur geht. Der Rest landet zwangsläufig bei den „Chefs“, was als unschön gilt. Im Entwurf der Schlusserklärung stehen solche Passagen üblicherweise in eckigen Klammern.

          Grundlage für jeden Fortschritt ist der Konsens, da jeder aus der Gruppe der zwanzig wichtigsten Wirtschaftsnationen (G20) dem Kommuniqué zustimmen muss, damit es am Ende veröffentlicht werden kann. In Wirklichkeit sind deutlich mehr als 20 Beteiligte eingebunden. Zu den 19 ständigen Mitgliedstaaten und der Europäischen Union kommen Spanien und Singapur als Dauergäste. Berlin hat außerdem die Niederlande und Norwegen dazugebeten. Außerdem dabei sind Vertreter aus Afrika und Asien sowie internationaler Organisationen. Man kommt damit auf fast 40 Delegationen. Notfalls müssen die Sherpas noch einmal in der Nacht von Freitag auf Samstag ran. Man kann generell davon ausgehen, dass es in der Schlussphase vor dem Gipfel nicht allzu viel Schlaf für den „Persönlichen Beauftragten der Bundeskanzlerin für die G7/G20-Gipfel“ gibt.

          Röllers Aufgabenfeld ist breit gefächert

          Röllers Aufgabe ist schon in normalen Zeiten nicht einfach, aber dieses Jahr ist der Leiter der Abteilung im Kanzleramt für Wirtschaft, Finanzen und Energie wirklich nicht zu beneiden. Nie waren die Meinungsunterschiede so groß wie dieses Mal. In keinem der früheren Treffen stand die Führungsmacht der westlichen Welt im selbstgewählten Abseits wie die Amerikaner dieses Mal mit Donald Trump und seinen Positionen zum Klimaschutz und Handel. Zwar gibt es noch allerlei weitere Themen. Man prüft, wie möglichst viele Staaten und Menschen in den einzelnen Ländern vom Wachstum der Weltwirtschaft profitieren können. Man diskutiert die Bedeutung der globalen Wanderungsbewegungen. Man will den Anteil der Frauen an den Erwerbstätigen erhöhen. Andere Stichworte sind Afrika, Gesundheit, Digitales, Schattenbanken, globale Steuervermeidung.

          Aber der Erfolg oder Nicht-Erfolg des Treffens wird daran gemessen, was zum Klimaschutz in Hamburg verabredet wird. Und wie die Sprachregelung zum Handel ausfallen wird. Soll er frei oder fair sein? Gibt es ein Bekenntnis zu gemeinsamen, multilateralen Regeln? Zur Welthandelsorganisation?

          Mittlerweile ist der frühere Lehrstuhlinhaber an der Berliner Humboldt Universität der dienstälteste Sherpa – sowohl in der Gruppe der sieben Industrieländer als auch in der G20. Die Erfahrung merkt man ihm an. Er kennt die Prozesse und Themen aus dem Effeff. Da er lange selbst in Amerika gelebt hat, ist er sicher in der Verhandlungssprache. Sein Bruder Ulf-Jensen leitet übrigens in Washington das ZDF-Studio.

          Doch ihn muss der erfahrene Wirtschaftswissenschaftler nicht fragen, wenn es um das amerikanische Lebensgefühl geht. Als Assistent hat er an der University of Pennsylvania geforscht, später hatte er Lehraufträge in Amerika. Stationen in Frankreich und Brüssel haben mit dazu beigetragen, dass der Vater dreier Kinder auch in weiteren Ländern herumgekommen ist.

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          Öffentlich tritt Merkels Mann für Gipfeltreffen und Wirtschaftsfragen wenig in Erscheinung. Dabei ist er stets dicht dran, wenn Merkel andere Mächtige der Welt trifft. Seit sechs Jahren arbeitet der Sohn des früheren Vorstandsvorsitzenden der Dresdener Bank, Wolfgang Röller, für die Bundeskanzlerin. Wer so lange durchhält, muss verschwiegen, belastbar, sachkundig sein. Der gebürtige Frankfurter stand zunächst im Schatten seines Vorgängers Jens Weidmann, der seit Mai 2011 Präsident der Deutschen Bundesbank ist und so eloquent wie elegant große Linien zeichnen kann. Längst hat er sich freigeschwommen. Wirtschaftsvertreter schätzen ihn als aufgeschlossenen, sachkundigen Gesprächspartner.

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