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Langzeitstudie : Wie sich das Landleben verändert

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Heute: Bischoffingen am Kaiserstuhl 2008 Bild: Imago

Seit einiger Zeit zieht es viele Deutsche in Ballungsräume und Großstädte. Sind die Menschen auf dem Land unglücklich? Mitnichten, zeigt eine Umfrage. Doch auch sie haben Schwierigkeiten.

          Zu wenige Arbeitsplätze und Einkaufsmöglichen, unzureichende medizinische Versorgung oder langsames Internet: Seit einigen Jahren zieht es die Deutschen vom Land immer mehr in Ballungsräume und Großstädte. Welche der Schwierigkeiten die Menschen tatsächlich dazu bewegt wegzuziehen, ist nicht eindeutig belegt. Das Leben auf dem Land gestaltet sich jedoch einer Langzeitstudie des Bundeslandwirtschaftsministeriums zufolge positiver als angenommen. Die Entwicklungen von Dörfern in Deutschland seien sehr unterschiedlich und entsprächen oft nicht dem landläufigen Bild, sagte der Projektkoordinator des Thünen-Instituts, Heinrich Becker, am Donnerstag in Berlin.

          Für die Untersuchung „Ländliche Lebensverhältnisse im Wandel“ dokumentieren Wissenschaftler seit 1952 das Leben in zehn Dörfern im Abstand von 20 Jahren. Seit dem Jahr 1993 wurden auch vier ostdeutsche Orte in die Studie aufgenommen. Mit dabei sind Orte von Falkenberg in Bayern bis Glasow und Krackow in Mecklenburg-Vorpommern. Die erste Studie entstand 1952 aus der Sorge wegen der „Landflucht“ im Nachkriegsdeutschland. Über 3100 Bürgerinnen und Bürger nahmen auch dieses Mal an der Befragung teil, es wurden knapp 400 qualitative Interviews durchgeführt und über 70 Vereine befragt. Die vom Ministerium in Auftrag gegebene Studie soll künftig um sechs weitere Orte ergänzt werden.

          Ungebrochen hohe Zufriedenheitsrate

          Seit Beginn der Untersuchung vor 63 Jahren haben die Dörfer vielerlei politische, technische, wirtschaftliche und soziale Veränderungen durchgemacht. „Heute liegen die Herausforderungen ländlicher Regionen insbesondere im demographischen Wandel und in strukturellen wirtschaftlichen Problemen sowie der Daseinsvorsorge“, sagte Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU). Alle Dörfer verzeichneten sowohl Zu- als auch Abwanderungen. Weder könne von einer „Entleerung ländlicher Räume“ noch von einer „Überbevölkerung“ gesprochen werden, heißt es in der Studie.

          Damals: Bischoffingen am Kaiserstuhl 1930

          Ein oft vermuteter Wegzug der erwachsenen Bewohner oder der Jugendlichen sei in den Orten nicht nachweisbar. Schmidt sagte, dass die Zufriedenheit trotz der unterschiedlichen Lebensbedingungen in den Dörfern ungebrochen hoch sei. Rund 90 Prozent der Befragten seien mit ihrer aktuellen Wohnsituation zufrieden. Die Zufriedenheit sei auch das Ergebnis eines gemeinschaftlichen Engagements der Einwohner. Unzufrieden seien die Dorfbewohner mit Einkaufsmöglichkeiten und der medizinischen Versorgung. „Auch das Fehlen von kinderkulturellen Freizeitangeboten wird in den Dörfern kritisiert.“ Ländliche Regionen stünden vor „großen Herausforderungen“, um Menschen aller Altersgruppen vor Ort eine Perspektive zu bieten. So würden für Zuzügler Arbeitsplätze, soziale Netze, das Wohnumfeld und Freizeitmöglichkeiten immer wichtiger.

          Unterschiedliche Entwicklung nicht monokausal erklärbar

          Arbeitsplätze im produzierenden Gewerbe und in Dienstleistungsbereichen seien das wirtschaftliche Rückgrat der ländlichen Räume. Überdies sei die Situation in jedem Ort sehr unterschiedlich. Zum Beispiel seien in neun von 14 Orten allgemeinärztliche Praxen ansässig, im 600 Einwohner großen Bischoffingen habe sich seit dem Jahr 1958 gar eine private 75-Betten-Klinik entwickelt. Lebensmittelgeschäfte fänden sich in einigen Orten, in anderen nicht. Vollversorger seien eine Ausnahme. Häufig, aber nicht überall, werde das Lebensmittelangebot durch mobile Händler erweitert. An der Verbesserung der Breitbandversorgung werde unter Zuhilfenahme der entsprechenden Förderprogramme intensiv gearbeitet, heißt es in der Studie, teilweise sei dieser Prozess auch schon abgeschlossen.

          Die unterschiedliche Entwicklung der Untersuchungsdörfer seit 1952 kann nach Schlussfolgerung der Studie nicht allein auf einzelne Faktoren zurückgeführt werden, etwa die verkehrliche Lage oder regionale, wirtschaftliche und demographische Entwicklungen. „Die örtlichen Entwicklungen sind vor allem Ergebnis der Entwicklungsanstrengungen vor Ort“, schreiben die Wissenschaftler. „Dabei verstanden es die örtlichen Entscheidungsträger vielfach, die verschiedenen staatlichen Unterstützungsprogramme in ihrem Sinn zu nutzen.“

          Eines der auffälligsten Ergebnisse der Analyse sei, dass die Problem- oder „Rückstandsdörfer“ aus der ersten Untersuchung von 1952 diese Situationen längst überwunden haben. Schilderungen der damaligen Verhältnisse aus Berichten der ersten Untersuchung im Jahr 1952 kämen heutigen Einwohnern vor, als seien dies Erzählungen aus einer sehr fernen Zeit und von einer anderen unterentwickelten Region der Erde.

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