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Kommentar Langzeitarbeitslose : Abgehängt im Aufschwung

  • -Aktualisiert am

Prognosen vom Arbeitsmarkt: Die Quote der Langzeitarbeitslosen steigt weiter trotz Fachkräftemangel. Bild: dpa

Noch nie hatten so viele Menschen eine Stelle wie heute. Der Arbeitsmarkt eilt von Rekord zu Rekord. Doch Langzeitarbeitslose profitieren davon kaum.

          Wetten, dass die nächsten Nachrichten vom deutschen Arbeitsmarkt wieder phänomenal ausfallen? Gut, besonders gewagt ist die Prognose nicht, schließlich eilen die Zahlen derzeit von einem Rekord zum nächsten: Noch nie seit der Wiedervereinigung gab es in Deutschland so wenige Arbeitslose, noch nie hatten so viele Menschen eine Stelle – und nichts deutet darauf hin, dass sich daran bald etwas ändern könnte. Im Gegenteil, weil die Unternehmen sich vor Aufträgen kaum retten können, suchen viele von ihnen weiter händeringend Personal. 1,2 Millionen offene Stellen meldeten sie Ende vergangenen Jahres – auch das ein Höchststand.

          Vor allem für kleine und mittelgroße Betriebe wird das zunehmend zum Problem. Auf dem Bau, im Handwerk, in der Pflege, in der Automobilindustrie, im Maschinenbau – auch wenn von einem flächendeckenden Fachkräftemangel noch keine Rede sein kann, gibt es doch deutliche Engpässe. Bis eine frei gewordene Stelle wieder besetzt ist, kann es daher schon mal etwas dauern. Die Vakanzzeiten steigen seit Jahren kontinuierlich auf nun im Durchschnitt 102 Tage, in der Altenpflege sind es sogar 171 Tage. Auf eine offene Stelle kommen nur noch zwei Arbeitslose, und die haben oft nicht die passende Qualifikation oder leben ganz woanders.

          Arbeit ist immer noch der beste Schutz gegen Armut

          Für alle, die Arbeit suchen, bedeutet das im Umkehrschluss: Noch nie waren ihre Chancen so gut wie heute, zumindest in der Theorie. Doch noch immer gibt es eine recht große Gruppe von Menschen, die trotz der ungewöhnlich guten Bedingungen bei keinem Arbeitgeber unterkommt. Zwar stimmt es nicht, dass sich hier nichts tut. Auch die Zahl der Langzeitarbeitslosen, die über Jahre hartnäckig um die Marke von einer Million pendelte, sinkt seit einiger Zeit. Doch gibt es immer noch knapp 860.000 Menschen in Deutschland, die seit mindestens einem Jahr keine Arbeit haben. Viele von ihnen haben „multiple Vermittlungshemmnisse“, wie es im Behördendeutsch heißt, sind also beispielsweise schon länger aus dem Berufsleben raus, nicht mobil oder können oder wollen sich nicht in einen strukturierten Arbeitsalltag einfügen.

          Die neue Bundesregierung hat sich vorgenommen, Langzeitarbeitslose stärker in den Blick zu nehmen, was richtig ist. Nicht nur, weil Deutschland es sich aus wirtschaftlicher Sicht gar nicht leisten kann, diese Gruppe einfach aufzugeben. In einer Zeit, in der sich mehr und mehr Menschen von der Politik abwenden und das Vertrauen in unser Gesellschaftssystem verlieren, kann soziale Teilhabe helfen, gegenzusteuern. Schließlich gilt, und das ist gerade in der aktuellen Debatte um die Essener Tafel wichtig: Arbeit ist immer noch der beste Schutz gegen Armut.

          Endlich das Hartz-IV-System entschlacken

          Was Union und SPD in ihrem Koalitionsvertrag präsentieren, gibt allerdings wenig Anlass zur Hoffnung, dass sie diese große Herausforderung tatsächlich meistern werden, möglicherweise sind die Pläne sogar kontraproduktiv. Zwei Punkte stechen ins Auge. Zum einen will die neue große Koalition einen sozialen Arbeitsmarkt schaffen und den Jobcentern dafür bis zum Jahr 2021 zusätzlich 4 Milliarden Euro zur Verfügung stellen. Damit sollen für bis zu 150.000 Menschen etwa Lohnkostenzuschüsse für Arbeitsplätze in der freien Wirtschaft, in gemeinnützigen Einrichtungen und den Kommunen gezahlt werden. Lieber Arbeit finanzieren als Arbeitslosigkeit, lautet die Idee dahinter. Was auf den ersten Blick gut klingt, könnte sich allerdings als Sackgasse erweisen: Wie soll jemand, der einmal als unvermittelbar abgestempelt ist, je wieder eine Stelle auf dem ersten Arbeitsmarkt finden? Die Erfahrungen mit früheren Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen lassen jedenfalls nichts Gutes erahnen.

          Punkt Nummer zwei: Union und SPD haben sich auch für diese Legislaturperiode vorgenommen, alle Formen von Arbeitsverhältnissen einzudämmen, die aus ihrer Sicht zum Missbrauch einladen – nach der Zeitarbeit steht jetzt die befristete Beschäftigung im Fokus. Dabei übersehen sie allerdings, dass dies die Einstiegshürden für Langzeitarbeitslose (ebenso übrigens für Flüchtlinge) noch vergrößert: Wenn Unternehmen Menschen eine Chance geben sollen, die ein Päckchen mit sich herumtragen, muss es möglich sein, diese zunächst auf Zeit einzustellen. Leider will das offenbar niemand hören.

          Statt noch mehr zu regulieren, sollte diese Regierung ihre Energie darauf verwenden, endlich das Hartz-IV-System zu entschlacken. Man kümmere sich um jeden Einzelnen, sagte Bundesarbeitsagentur-Vorstand Valerie Holsboer kürzlich. Das ist der richtige Ansatz, und es passiert teilweise schon: Um Langzeitarbeitslose in Arbeit zu bringen, hilft nur intensive Betreuung – gepaart mit den notwendigen Qualifizierungsmaßnahmen. Noch allerdings ist jeder zweite Jobcenter-Mitarbeiter damit beschäftigt, Hartz-IV-Ansprüche auszurechnen und Bescheide zu erstellen. Zudem schichten die Jobcenter immer größere Anteile ihres Budgets von immerhin rund 8 Milliarden Euro in den Verwaltungshaushalt um. Schon im vergangenen Koalitionsvertrag hatten Union und SPD versprochen, diese Probleme anzugehen, die Ergebnisse waren enttäuschend. Unter dem neuen sozialdemokratischen Arbeitsminister Hubertus Heil bekommen sie nun eine neue Gelegenheit.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

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