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Langfristige Versorgung : Das Rohstoff-Monopoly

  • -Aktualisiert am

Unternehmen müssen die meisten Rohstoffe aus dem Ausland beziehen Bild: dpa

Zur Sicherung der Rohstoffe in Deutschland hat das Kabinett um Angela Merkel eine „Rohstoffstrategie“ entwickelt. Doch letztendlich obliegt es den Unternehmen selbst, ihre Rohstoffversorgung zu sichern - nicht der Politik.

          Die Frage treibt nicht nur deutsche Konzernchefs um: Ist die Versorgung mit Rohstoffen gesichert? Wie lange und wenn ja, zu welchen Preisen? Rohstoffe sind der Treibstoff industrieller Fertigung. Ist ihre Versorgung nicht gesichert oder unterliegen die Preise starken kurzfristigen Schwankungen, hat das unmittelbar Auswirkungen auf Produktion und Beschäftigung. Ohne Stahl und Aluminium laufen keine Autos vom Band, ohne Gallium gibt es keine Dünnschicht-Photovoltaik. Doch beim großen Rohstoff-Monopoly bleibt der freie Handel immer öfter auf der Strecke. Der vom Aufholprozess der Schwellenländer befeuerte Wettlauf um die Rohstoffe ist auch ein Wettlauf um Deutschlands industrielle Zukunft.

          Die Bundeskanzlerin hat das verstanden. Vor dem Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft sagte Angela Merkel unlängst, es sei „dringend erforderlich, dass sich auch die Industrienationen im europäischen Bereich Gedanken über ihre langfristige Rohstoffversorgung machen“. Ihr Kabinett hat nun eine „Rohstoffstrategie“ verabschiedet. Auf 25 Seiten analysiert sie die Lage und gibt Absichtserklärungen, wie und wo die Regierung deutschen Unternehmen helfen will. Dass das Kabinett sich mit dem Thema befasst hat, zeigt die wachsende Besorgnis über die Entwicklung auf den Rohstoffmärkten. Sie zeigt aber auch eine oft vermisste Wertschätzung der Industrie als Basis wirtschaftlichen Wohlstands. Ein an Rohstoffen armes Land wie die Bundesrepublik muss verstärkt auf Bildung setzen, aber es darf seine lebenswichtige Versorgung mit Rohstoffen deshalb nicht aus dem Blick verlieren.

          Keine Diskussionen über Energierohstoffe

          Um so erstaunlicher, dass die Rohstoff-Strategie der Regierung die wichtigsten Import-Schmierstoffe, die eine Volkswirtschaft am Laufen halten, außen vor lässt: Öl, Gas, überhaupt die Energierohstoffe. Ob Merkel und ihre Minister glauben, dass die nicht so freien Energiemärkte die Versorgung schon sicherstellen werden oder dass die Umstellung auf Bio-Gas und Ökostrom die Energieversorgung das Land vor weiteren Versorgungsschocks bewahren wird?

          Die Gefahren für die Versorgungssicherheit sind mannigfach. Oft sind wichtige Rohstoffvorkommen auf wenige Länder konzentriert, was den Zugang erschwert. 95 Prozent der Seltenen-Erden-Metalle kommen in China vor, Platin liegt zu 90 Prozent in Russland und Südafrika. Oft sind Produzentenländer politisch instabil. Nicht selten paart sich maximale Korruption mit minimaler Achtung der Menschenrechte. Handelspolitische Beschränkungen gehören zur Grundausstattung vieler Regierungen, auch wenn sie die Freihandelsregeln der Welthandelsorganisation unterzeichnet haben. Rohstoff-Rambos wie China nehmen ganze Lagerstätten durch Aufkäufe vom Markt. Erschwerend hinzu kommen Konzentrationsprozesse unter Bergbaukonzernen, die den Wettbewerb behindern. Auch haben die Finanzmärkte Rohstoffe als Objekte ihrer Spekulations- und Wettlust entdeckt.

          Finanzielle Unterstützung für Einkauf in Rohstofflager

          Angesichts dieses Befundes sind die Möglichkeiten der Bundesregierung zu aktiver Hilfe begrenzt. Sie ist bereit, Unternehmen finanziell zu unterstützen, die sich in Rohstofflager einkaufen wollen. Sie dringt auf Einhaltung multilateraler Handelsverträge. In bilateralen Gesprächen will sie die Interessen hiesiger Unternehmen stärker berücksichtigen. Auch dass die Ministerien für Wirtschaft, Äußeres und Entwicklungshilfe besser zusammenarbeiten wollen, ist ein lange vermisster Fortschritt.

          Es liegt in der Natur der Sache, dass sich der Blick in der Rohstoffdebatte vor allem nach außen richtet. Doch werden dabei leicht Potentiale übersehen, die das Inland bietet. Hier geht es weniger um die von der Politik angemahnten Einsparungen durch Effizienzverbesserungen – dafür werden in einer wettbewerbsorientierten Wirtschaft die Betriebe schon alleine sorgen. Eine verbesserte Wiederverwertung von Abfällen, auch aus dem Abbruch von Häusern, könnte etwa das Angebot von Metallen und Mineralien signifikant erhöhen. Doch täte die Regierung gut daran, den Wettbewerb nicht durch Festlegungen zugunsten kommunaler Entsorger zu behindern.

          Unternehmen müssen für Rohstoffbezug sorgen

          Deutschland hat keine Lithiumvorkommen, aber große (Braun-)Kohlelager; es hat keine nennenswerten Ölvorkommen, dafür aber unerschlossene Potentiale an schwer zu förderndem Erdgas. Die Baustoffwirtschaft ist auf Sand und Kies angewiesen, die Versorgung mit Kali und Steinsalz wird ganz aus hiesigen Quellen gesichert. Doch der Abbau der heimischen Stoffe zieht in der Konkurrenz mit dem Naturschutz oft den Kürzeren. Hier öffnet sich für eine Rohstoffpolitik, die es ernst meint mit Versorgungssicherheit, ein weites Feld.

          Bei allem – von der Wirtschaft eingeforderten – Engagement der Politik: Entscheidend sind und bleiben die Unternehmen. Es liegt zuallererst in ihrer Verantwortung, den Bezug benötigter Rohstoffe zu bewerkstelligen, sich gegen Preisschwankungen abzusichern, ihre Produktion zu garantieren. Hier haben auch deutsche Unternehmen in zurückliegenden Jahren und Jahrzehnten Fehler begangen, indem sie es versäumt haben, sich ihre Rohstoffbasis zu sichern. Das auszubügeln ist, zumal in einer Marktwirtschaft, nicht Aufgabe der Politik.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

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