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Landwirtschaft : Den Bauern ist zum Hinschmeißen zumute

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Ackern rund um die Uhr: Ein Landwirt im Märkisch-Oderland bestellt sein Feld mit einem Traktor und einer Drillmaschine. Bild: ZB

Milch, Fleisch und Getreide werden immer billiger. Die Landwirte verdienen so wenig wie seit Jahren nicht. Nur Biobauern geht es gut.

          Für die deutschen Landwirte sind die fetten Jahre vorbei. Weil die Preise für Milch, Fleisch und Getreide auf den Weltmärkten stark gefallen sind, haben die Bauern im Wirtschaftsjahr 2014/15 so wenig Geld wie seit Jahren nicht verdient. Im laufenden Jahr sei die Lage nicht besser, sagte der Präsident des Deutschen Bauernverbandes Joachim Rukwied am Dienstag. Die Lage der Bauern habe sich „drastisch verschlechtert“.

          Als Hauptgrund gilt, dass Schwellenländer wie Brasilien und China infolge ihrer Konjunkturschwächen nicht mehr so viel nachfragen, und Russland wegen des Wirtschaftskriegs mit der EU weiterhin als Nachfrager ausfällt. Zugleich gab es auf der Welt gute Ernten und es wurden mehr Milch und Fleisch produziert. Laut der Weltagrarbehörde FAO verharren die Preise auf einem Sechsjahrestief – was für die Verbraucher, gerade in den ärmsten Ländern, eine gute Nachricht ist.

          Manchen Bauern bringt das jedoch in Existenznot. Der sogenannte Strukturwandel dürfte sich nunmehr beschleunigen, er dauert schon seit Jahrzehnten an. In jedem Jahr gaben zuletzt durchschnittlich 2 Prozent der Bauern ihren Beruf auf.

          Besonders schlecht ist laut den in Berlin vorgestellten neuesten Zahlen die wirtschaftliche Lage der Milchbauern und Tiermäster. Sie machen den Großteil der 280.000 verbliebenen bäuerlichen Betriebe in Deutschland aus. Sie hatten über einige Jahre relativ gut an wachsenden Exporten verdient.

          Die Grünen sahen die Exportorientierung der Landwirtschaft als gescheitertes Modell an. Sie sei für Bauern ruinös, befeuere das Höfesterben, schade Tieren, Böden und Grundwasser, kommentierte der Fraktionschef der Grünen Anton Hofreiter. Der Bauernverband sieht das ganz anders. Er bleibt bei seiner strategischen Ausrichtung der Landwirtschaft, einen steigenden Anteil der Ernten, der Milch und des Fleisches zu exportieren.

          Der Export werde für die deutsche Landwirtschaft sogar „künftig noch wichtiger“, sagte Rukwied. Er kündige an, intensiver Exportmärkte erschließen zu wollen, etwa Japan und Südostasien. Die Landwirtschaft erlöst laut Bundesagrarministerium jeden vierten Euro durch den Export, die Ernährungswirtschaft jeden dritten.

          EEG benachteiligt Biobauern

          Es gibt auch einen Gewinner: die Biolandwirte. Sie haben auf die Erzeugung höherpreisiger Lebensmittel für den deutschen Markt gesetzt. Gegen den Trend stiegen deren Gewinne je Familienarbeitskraft um durchschnittlich 10 Prozent auf rund 45.000 Euro. Die gute Wirtschaftslage im Inland ließ die Nachfrage nach Biolebensmitteln zulegen. Eine Umstellung auf Bio-Landwirtschaft dürfte nun für mehr Bauern attraktiv erscheinen als in der Vergangenheit. Denn trotz steigender staatlicher Förderungen wollten überraschend wenige Landwirte umstellen. Es gibt in Deutschland nur rund 12.500 Biobauern, die Anzahl wächst nur langsam. Der Marktanteil von Ökofleisch liegt nur bei rund 2 Prozent.

          Auch die Anbaufläche von Bio-Getreide und -Gemüse stagniert, trotz steigender staatlicher Förderung. „Insbesondere das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) benachteiligt die heimische Produktion massiv“, klagte der Bioverband BÖLW. Denn Ökobauern konkurrieren mit Bauern, die Pflanzen wie Mais zur Stromerzeugung anbauen, um die Flächen. Sie brauchen mehr Land, um die gleiche Ernte einzufahren. Seit Jahren wird ein immer größerer Anteil der Biolebensmittel importiert. Handelsketten wie Alnatura versuchen händeringend, mehr Bauern zum Umstieg auf den Ökolandbau zu motivieren. Doch die Umstellung ist aufwendig, und der Bauer muss in Vorleistung treten, weil er in den ersten Jahren der Umstellung die sinkenden Ernten noch nicht als Bioware verkaufen darf.

          Starke Einkommensverluste

          Der Bauernverband riet nicht zum Umsteigen. Auch weitere Staatshilfen forderte er nicht. Seit diesem Herbst geben die EU und der Staat Bauern in Finanznot Notkredite. Bauernpräsident Rukwied kritisierte hingegen die in seinen Augen kartellartigen Strukturen im Lebensmittelhandel mit seinen wenigen marktführenden Ketten wie Lidl, Aldi, Rewe und Norma. Recht deutlich warf er ihnen Preisabsprachen vor, indem er von einem „preisdrückenden Parallelverhalten der Handelsketten bei der Beschaffung mancher Lebensmittelgruppen“ sprach.

          Im Durchschnitt brach das Einkommen hauptberuflich tätiger Bauern verglichen mit dem den Jahren 2013/14 um rund 35 Prozent ein. Es lag nun bei 30.000 Euro (Betriebsergebnis je Familienarbeitskraft). Ein Bauer verdiente also nur rund etwa 2500 Euro brutto. Davon muss er noch Investitionen und durchschnittlich rund 570 Euro je Monat für die Kranken- und Unfallversicherung abziehen.

          Abhängig vom Staat

          Milchbauern büßten 44Prozent des Vorjahresgewinns ein, Obstbauern verloren noch mehr. Sie waren am stärksten von der russischen Marktabschottung betroffen. Betrachtet man die Entwicklung über eine lange Zeit, wirkt der Einbruch aber weniger dramatisch. Vielmehr erscheinen die Jahre 2007 und von 2010 bis 2014 als Ausnahme. Zuvor pendelten die Netto-Gewinne je Bauer über viele Jahre um rund 20.000 Euro.

          Je weniger Geld Weizen und Milch kosten, desto höher wird die Abhängigkeit der Bauern vom Staat. Fast 60 Prozent der Gewinne finanzierte im Jahr 2014/15 der Steuerzahler. Die Direktzahlungen der EU (Flächenprämien) trugen 25.100 Euro oder 58 Prozent zum durchschnittlichen Betriebsergebnis bei.

          Die EEG-Einspeisevergütungen für die Bauern, die Ökostrom ins Netz einspeisen, waren in den Betriebsergebnissen nicht separat aufgelistet. In den vergangenen zehn Jahren bauten vor allem Landwirte rund 6000 Biogasanlagen. Zuletzt stagnierte der Ausbau, der Staat kürzte die Vergütung.

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