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Landwirtschaft : Abschied von der Zuckerrübe

  • -Aktualisiert am

Zuckerrüben-Bauer mit Ernte Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Jahrzehntelang hielt Brüssel die Zuckerpreise künstlich hoch. Jetzt fällt das System. Die Rübenbauern sind verzweifelt. Bauernfunktionäre verdächtigen die Konkurrenz aus Brasilien als Sklavenhalter.

          3 Min.

          Es geht um Gundersheim, Brüssel und Brasilien und um den Wettstreit zweier Ackerfrüchte. Vor allem geht es um Zucker. Und es ist eine komplizierte Geschichte.

          Fangen wir in der rheinhessischen Gemeinde Gundersheim an, der Heimathymne zufolge eine Perle der Natur und 2001 Landessieger des Wettbewerbs "Unser Dorf soll schöner werden - unser Dorf hat Zukunft". In dieser Idylle lebt der 43 Jahre alte Landwirt Adolf Dahlem mit Frau, drei Kindern und Zuckerrüben auf 25 Hektar Acker. Auf weiteren 70 Hektar baut der Bauer Getreide an, was sich nicht rechnet. Der ganze Betrieb lebt von der Rübe. Die ist bedroht. Wenn die Preissenkungen Wirklichkeit werden, die die EU-Kommission für Zuckerrüben jetzt plant, dann wird es eng für Adolf Dahlem und seine Familie.

          Die Mehrheit würde aufgeben

          Die EU-Kommission will den Preis für die Tonne Zuckerrüben von jetzt 43,63 Euro in zwei Schritten bis 2007 auf 25,05 Euro reduzieren. Den Preissturz um 43 Prozent würde Dahlems Betrieb nicht überleben.

          1747 als Zuckerlieferant entdeckt: Die Runkelrübe
          1747 als Zuckerlieferant entdeckt: Die Runkelrübe : Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

          48.000 Höfe bauen in Deutschland Zuckerrüben an. Die Mehrheit würde aufgeben, schätzen Funktionäre der Bauernverbände. Für die restlichen Betriebe würde sich der Rübenanbau häufig nicht mehr lohnen. Deutschland könnte ein Land ohne Zuckerrübe werden. In Preußen wurde sie zum ersten Mal angebaut.

          Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch: Der Zucker würde trotzdem nicht knapp werden. Es wimmelt in der Welt von Produzenten, die Zucker viel billiger herstellen als ihre Konkurrenten in der Europäischen Union: statt für 600 Euro für rund 200 Euro je Tonne. Nur hindert sie ein protektionistisches, planwirtschaftliches Gebilde daran, ihre Erzeugnisse nach Europa zu liefern.

          Sogar in Finnland lohnt sich der Anbau

          An dieser Stelle ist es unvermeidlich, sich dem Ungetüm Zuckermarktordnung anzunähern, das mit freier Marktwirtschaft so viel zu tun hat wie die DDR.

          Die Zuckermarktordnung beschützt die EU-Bauern vor Importen (190 Prozent Zoll), sie legt Produktionskontingente fest, die über die Zuckerfabriken an die Bauern verteilt werden, und sie bestimmt Mindestpreise, die die Bauern für ihre Durchschnittszuckerrübe (16 Prozent Zuckergehalt) bekommen.

          Ernten die Bauern mehr als die zugestandene Menge, wird der Überschuß außerhalb der EU verkauft zu Weltmarktpreisen deutlich unter den Produktionskosten der Bauern und Fabriken. Die Rübenbauern leben bisher nicht schlecht mit quasigarantierten Einkommen, sogar im kalten Finnland lohnt sich der Anbau. Und die Zuckerlobbyisten beruhigen die Politik mit dem ausgebufften Argument, daß die EU keine Subventionen für die Bauern zahle.

          Sechs Milliarden Euro Subventionen

          In der Tat: Die Zuckerfabriken legen die hohen Preise für den Rübeneinkauf einfach auf den Verbraucher um, was mangels Konkurrenz prima funktioniert. Selbst die Summe, die nötig ist, den aus der EU ausgeführten Zucker auf einen wettbewerbsfähiges Preisniveau herunterzusubventionieren, trägt letztlich der Kunde.

          Man könnte sagen, der europäische Verbraucher zahlt die Subventionen direkt an die Zuckerindustrie: rund sechs Milliarden Euro im Jahr.

          An dieser Stelle ist es nötig, einen Blick über den Atlantik zu wagen. Brasilien ist das Aufsteigerland unter den Zuckerproduzenten, dank hoher Effizienz, einer zunehmenden Technisierung, niedriger Löhne und guter klimatischer Bedingungen.

          Die Konkurrenz wird als Sklavenhalter bezeichnet

          Wenn europäische Zuckerlobbyisten allerdings über Brasilien sprechen, dann klingt es so, als ob es sich um ein Land mit einer Handvoll politisch einflußreicher Großgrundbesitzer handelte, die Landarbeiter und ihre Kinder zu Sklavenarbeit auf ihren unermeßlich großen Zuckerrohrplantagen zwingen, für die wiederum ökologisch wertvoller Urwald brandgerodet wurde. "EU-Kommission provoziert Ausweitung der Sklavenarbeit in Südamerika", schreibt der Bauern- und Winzerverband Rheinland-Nassau. Der Hintergrund solcher Polemik: Angst. "Mit Brasilien können wir nie mithalten", sagt der Geschäftsführer des Verbandes, Christian Lang.

          An dem einen oder anderen Vorurteil gegen das südamerikanische Land ist etwas dran. Der Vorwurf der Kinderarbeit relativiert sich, bedenkt man, daß hierzulande vor 20 Jahren auch Jugendliche über die Äcker gezogen sind, um Rüben zu hacken.

          Einspruch gegen die EU-Quersubventionierung

          Und perfide ist die Argumentation, weil die EU selbst mit heruntersubventioniertem Billigzucker den Weltmarkt beliefert und damit Konkurrenten die Produktion erschwert und das Geschäft verdirbt. Kein Wunder also, daß Brasilien zusammen mit den Erzeugerländern Australien und Thailand gegen die EU-Quersubventionierung erfolgreich Einspruch eingelegt hat.

          Die EU will nun die Preise dramatisch senken und Bauern wie Zuckerfabriken den Ausstieg finanziell schmackhaft machen. Am 22. Juni wird die Kommission ihre Vorschläge präsentieren, im Herbst entscheidet der Ministerrat.

          „Alles außer Waffen zollfrei“

          Knapp 200 Jahre hat die Zuckermarktordnung gehalten, seit 1968 mehr oder weniger in der aktuellen Form. Sie hat stete Angriffe überlebt und manchen Bauern reich gemacht. Diesmal aber wird es ernst. Denn die EU-Minister haben einer Regelung zugestimmt, die es den 50 ärmsten Ländern der Welt erlaubt, "alles außer Waffen" zollfrei in die EU zu liefern, spätestens von 2009 an. Viele bauen Zuckerrohr an.

          In Deutschland ziehen die ersten die Konsequenzen. Die Großproduzenten Südzucker und Nordzucker lösen sich vom Kerngeschäft und schauen sich in Brasilien nach Übernahmekandidaten um.

          "Es ist ein verrücktes System, aber was kann der deutsche Rübenbauer dafür?" fragt Verbandsfunktionär Lang. Der Gundersheimer Landwirt Adolf Dahlem ist ratlos. Eine Alternative sieht er nicht. Erbsen, Sonnenblumen und selbst Wein lohnen nicht. Andere Arbeit gibt es nicht. "Für den Neuanfang bin ich zu alt, fürs Aufhören zu jung", sagt Dahlem.

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