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Lakshmi Mittal : Der Angreifer

Lakshmi Mittal Bild: AP

Arcelor-Chef Guy Dolle hat einmal über Lakshmi Mittal gesagt, er habe die Zukunft der Branche lange vor den anderen erkannt. Der „Maharadscha der Stahlindustrie“ arbeitet kräftig an seinem Ruf und seinem Imperium.

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          Gut zehn Jahre ist es her, da sagte Mohan Mittal einen Satz, der seinem Sohn und seinem Enkel noch in den Ohren klingen dürfte: „Der Tag, an dem du auf dich aufmerksam machst, ist der Tag, an dem dein Sturz einsetzt.“ Vielleicht ist es dieser Satz, der Lakshmi Niwas Mittal bis heute dazu verleitet, hinter den geschlossenen Toren seiner Anwesen aus dem vollen zu schöpfen, die breite Öffentlichkeit aber zu scheuen.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Er bräuchte es nicht, denn Lakshmi Mittal ist so etwas wie der Aufsteiger der weltweiten Industrie. In seinen Adern pulsiere geschmolzener Stahl, dichten indische Journalisten. Im Westen nennen sie ihn gerne den „Maharadscha der Stahlindustrie“. Nun greift Mittal nach neuen Rekorden: Bei einer erfolgreichen Arcelor-Übernahme wird Mittal Steel der erste Hersteller sein, der mehr als einhundert Millionen Tonnen Stahl herstellt. Schon jetzt ist der Konzern der größte, den je ein Mensch aus einem Schwellenland geschmiedet hat.

          Der Anfang war Armut

          Von Platz 62 mit einem Vermögen von 6,2 Milliarden Dollar schaffte es Mittal in Jahresfrist auf Platz 3 der Forbes-Liste der Reichsten der Welt. Taxiert wird er nun auf 25 Milliarden Dollar. Seit dem großen Sprung sitzt er seiner selbstgewählten Leitfigur im Nacken: „Ich sehe mich selbst als eine Art indischer Bill Gates“, sagte der 55 Jahre alte Mittal einst. Auf der Forbes-Liste trennen Mittal und Gates nun nur noch gut 20 Milliarden Dollar und Warren Buffet, der auf Platz zwei steht. Im wirklichen Leben sind die Unterschiede größer: Mittal hat das Geld für seine ersten Geschäfte geerbt.

          Der Anfang aber war Armut. Kein Strom, kein fließendes Wasser gab es in Sadulpur im nordindischen Rajastan, wo Mittal geboren wurde. Um die Zukunft zu sichern, brachte Vater Mohan die Familie nach Kalkutta. Mit der in den fünfziger Jahren gegründeten Stahlschmelze Ispat, getauft auf das Hindi-Wort für Stahl, machte er sie reich. Der junge Lakshmi studierte Wirtschaft am Xavier's College, trat aber schon mit 19 Jahren die Lehre beim Vater an. Mit dessen Geld kaufte er sechs Jahre später dann sein erstes Unternehmen in Indonesien - ein Walzwerk. Denn die Inder ließen ihm mit ihren Restriktionen der Stahlindustrie keine Luft.

          Immer zwei oder drei Übernahmen zur Zeit

          Das kaufmännische Geschick hat ihn auch knapp 30 Jahre später nicht verlassen. Sein Konzept klingt einfacher, als es ist. Zum einen setzt Mittal auf die Stärke des Familienverbundes: So wie einst der Vater arbeitet heute auch der Sohn Aditya als Finanzchef der Unternehmensgruppe. Zum anderen kauft Mittal marode Stahlunternehmen und restrukturiert sie dann.

          Inzwischen sind Mittals Werke über fünf Kontinente verteilt. Für den Weltbürger verschmelzen die Entfernungen: Jährlich legt er mehr als eine halbe Million Kilometer in seinem Privatflugzeug zurück. „Ich arbeite immer zeitgleich an zwei oder drei Übernahmen“, läßt er sich zitieren. „Man weiß ja nie, ob eine davon zustande kommen wird.“ Mittal versucht, das Komplizierte einfach zu machen, das Gute aus allen Regionen zusammenzuführen. „Wer in Indien groß wird, hat viel über kulturelle Unterschiede gelernt und kann Kompromisse schließen. Schließlich ist es ein Land, das 300 verschiedene Sprachen und Volksgruppen zählt“, sagt er.

          45 Millionen für eine Hochzeit

          Auch an seinem Wohnsitz in London mache er mindestens eine Stunde täglich Yoga, heißt es. Die Konzentration auf das Wesentliche aber schützt ihn nicht davor, manches Mal über die Stränge zu schlagen: Als Ort für die Hochzeit seines Sohnes wählte der Vater 1998 ausgerechnet das marmorne Victoria Memorial in Kalkutta, vollgestopft mit Erinnerungen an die britische Kolonialzeit - was den Indern gar nicht gefiel. Genausowenig wie vielen Briten Mittals Spende von 125.000 Pfund (182.000 Euro) für die Regierung Tony Blair 2002. Denn der schrieb Mittal daraufhin ein Empfehlungsschreiben für die rumänische Regierung.

          Die Hochzeit der einzigen Tochter Vanisha ließ sich der Vater in Versailles angeblich 45 Millionen Euro kosten. Leisten kann er sich die Eskapaden, denn inzwischen wird Mittal rund um die Erde ernst genommen. Das aber war nicht immer so. In den ersten Jahren wurde er als Schrotthändler belächelt, dann wurden seine Visionen bezweifelt. Nur Guy Dolle, CEO des europäischen Stahlriesen Arcelor, äußerte sich anders. Mittal habe die Zukunft der Branche lange vor den anderen erkannt, sagte Dolle. Genutzt hat diese Einschätzung dem schnauzbärtigen Franzosen wenig. Denn bald schon könnte er einen neuen Chef haben: Lakshmi Niwas Mittal.

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