https://www.faz.net/-gqe-82s4u

Gewerkschaften : Maßhalten war gestern

Viel Einfluss aber wenig Nachwuchs: Vor allem Frauen wollen nicht in eine Gewerkschaft eintreten. Bild: dpa

Die deutschen Gewerkschaften können diesen Tag der Arbeit fröhlich begehen: Die große Koalition liefert Gesetz um Gesetz wie bestellt, die großen Tarifrunden enden mit üppigen Gehaltszuwächsen. Doch für die Herausforderungen der Zukunft sind die großen Gewerkschaften nicht gut gerüstet.

          3 Min.

          Die deutschen Gewerkschaften müssen den Blick nicht auf historische Erfolge richten, um den Tag der Arbeit zum 125. Jubiläum fröhlich zu begehen. Die Gegenwart hat ihnen viel Schönes zu bieten. Die große Koalition liefert Gesetz um Gesetz wie bestellt. Auf den privilegierten Vorruhestand für langjährig Beschäftigte, ein Geschenk an gewerkschaftlich gutorganisierte Industriearbeiter und Bankangestellte, folgte der gesetzliche Mindestlohn.

          Heike Göbel

          Verantwortliche Redakteurin für Wirtschaftspolitik, zuständig für „Die Ordnung der Wirtschaft“.

          Schon bereitet die Arbeitsministerin neue Arbeitsschutzvorschriften und Gesetze gegen Zeitarbeit und Werkverträge vor. Selbst in der Frage, wie Deutschland private Investoren locken könnte, durften die Gewerkschaften mitreden. Wirtschaftsminister Gabriel lud sie in die Infrastrukturkommission ein. Unter deren Empfehlungen findet sich deshalb nun auch der Rat, die private Nachfrage zu stärken.

          Dieser ausdrücklichen Ermunterung bedarf die Regierung eigentlich gar nicht mehr. Seit Deutschland in Brüssel und Washington wegen seiner hohen Exportüberschüsse kritisiert wird, werden die deutschen Gewerkschaften in den Tarifrunden politisch des Öfteren regelrecht angefeuert.

          Deutsche Sonderkonjunktur

          In die heftige Auseinandersetzung über Gehaltssprünge von zehn Prozent für Erzieherinnen hat sich Familienministerin Schwesig gerade „ganz klar“ auf deren Seite gestellt. Würden die sozialen Berufe „endlich besser entlohnt“, trüge dies auch zur Schließung der „Lohnlücke“ zwischen Männern und Frauen bei. Einmischung in Tarifrunden war lange verpönt; sie ist ein weiteres Indiz dafür, wie sehr sich die Lohnfindung politisiert hat.

          Maßhalten war gestern, die großen Tarifrunden, ob in der Metallindustrie, in der Chemie oder im öffentlichen Dienst, sind nach ein paar Warnstreiks mit Lohnzuwächsen oberhalb der Produktivitäts- und Preissteigerungsrate zu Ende gegangen. Da bleibt real einiges für den Konsum übrig. Die Kehrseite sind steigende Lohnstückkosten, doch erste Warnungen vor nachlassender Wettbewerbsfähigkeit finden bislang kein Echo.

          Woher auch? Deutschland steckt dank niedriger Ölpreise und des durch die Krisenpolitik der Europäischen Zentralbank geschwächten Euros in einer Sonderkonjunktur. Die Wachstumprognosen sind günstig, die Zahl der Arbeitsplatzbesitzer steigt deshalb trotz des Kostenschubs durch Mindestlohn und sattes Tarifplus auf immer neue Rekorde. Im Süden herrscht fast Vollbeschäftigung, Fachkräfte und Lehrlinge sind knapp.

          „Die Arbeit der Zukunft gestalten wir!“

          Der Aufbau der Beschäftigung – erfreulich oft sind es sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze – speist sich dabei zunehmend aus qualifizierten Einwanderern oder Wiedereinsteigerinnen. Die Arbeitslosigkeit hingegen sinkt nur noch langsam: Für 2,8 Millionen Menschen, ein Drittel davon langzeitarbeitslos, sind die Einstiegshürden zu hoch. Die große Koalition denkt nicht daran, ihretwegen die Einhegung der Werkverträge oder der Zeitarbeit zu stoppen. Auch die Gewerkschaften fühlen sich für sie nicht verantwortlich.

          Im Gegenteil deutet ihr Mai-Motto „Die Arbeit der Zukunft gestalten wir!“ an, dass sie sich auf zusätzliche kostentreibende Einschränkungen der Arbeitszeiten konzentrieren. Noch größere Rücksicht auf Familien, Feierabend, Wochenende und Stressfaktoren – diese Mai-Parolen sind auch eine Kampfansage an die neuen digitalen Geschäftsmodelle. Spätestens im nächsten Wahlkampf wird die Politik die Spur aufnehmen – wenn es dem Deutschen Gewerkschaftsbund wie bei der Rente mit 63 und dem Mindestlohn gelingt, die Reihen geschlossen zu halten.

          Das wird in Zeiten schwieriger, in denen die Digitalisierung individualisierte Arbeitsformen ermöglicht. Den politischen Einfluss und die guten Tarifergebnisse haben nicht alle acht DGB-Gewerkschaften in Mitgliedergewinne ummünzen können. Zwar ist es den gegen Überalterung kämpfenden Industriegewerkschaften und auch der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi gelungen, ihren Organisationsgrad in den Betrieben und selbst bei jungen Leuten etwas zu verbessern. Doch fehlen Rezepte, um etwa mehr Frauen zum Eintritt zu bewegen.

          Das untergräbt den Anspruch, für die gesamte Arbeitnehmerschaft zu sprechen. Verstärkt brechen daher Organisationskonflikte auf. Augenfällig wird das im Tarifkonflikt der Deutschen Bahn, bei dem die Lokführergewerkschaft GDL und die Eisenbahngewerkschaft EVG auf Kosten der Reisenden über Zuständigkeiten streiten. Aber auch große DGB-Gewerkschaften arbeiten gegeneinander. Weil Digitalisierung Industrie und Dienstleistungen zueinanderrückt, möchten die Industriegewerkschaften „die ganze Wertschöpfungskette“ organisieren. Verdi wehrt sich.

          Deutschlandweite Kundgebungen : Gewerkschaften demonstrieren am Tag der Arbeit

          Das Tarifeinheitsgesetz, mit dem die Regierung das Prinzip „Ein Betrieb, eine Gewerkschaft“ festschreiben will, verschärft diese Konflikte. Vor allem entblößt es die Schwäche des Gewerkschaftsbunds, der es nicht vermag, in dieser Kernfrage ohne den Staat eine einvernehmliche Lösung zustande zu bringen. Aus den schädlichen Organisationsstreiks spricht die Sorge der Gewerkschaften, im schnellen Wandel der vernetzten Arbeitswelt zu verlieren. Ihre Mai-Botschaften wirken defensiv. Doch mit Abwehr statt Aufbruchstimmung werden sie die Arbeitnehmer der Zukunftsindustrien nicht gewinnen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Boeing 737 Max

          Warten auf Wiederzulassung : FAA-Chef fliegt Boeings 737 Max

          Der Chef der amerikanischen Luftfahrtbehörde FAA übernahm persönlich das Steuer, um sich bei einem Testflug von der Sicherheit der Unglücksmaschine zu überzeugen. Abgeschlossen ist das Wiederzulassungsverfahren aber noch nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.